Indiens Ambassador Der schwangere Büffel läuft und läuft

Selbst nach indischen Maßstäben ist der seit 50 Jahren von Hindustan Motors produzierte Ambassador ein hoffnungslos veraltetes Auto. Trotzdem unterhält die Regierung bis heute eine ganze Flotte der Limousinen, selbst die neue junge Mittelschicht hält dem "schwangeren Büffel" die Treue.

Von Joachim Hoelzgen


Gerade erst hat Indien den 60. Jahrestag seiner Unabhängigkeit gefeiert – und den großen Sprung nach vorn, den man etwa an der Zahl von 36 Dollar-Milliardären registrieren kann, mehr als in irgendeinem anderen Land in Asien. "Indien phantastisch", jubelte da die Zeitung "Times of India".

In Indien aber tritt man leicht über eine brüchige Schwelle in die Gegenwart hinaus, und am Himmel fuchteln oft noch alte Götter. Das gilt auch für den Ambassador, ein Auto, das Generationen indischer Familien und ausländischer Touristen brav überallhin befördert hat – durch Neu-Delhi, in die Vorberge des Himalaja, über staubige Pisten zu Tempeln und Mausoleen oder zu Kamelmärkten in Rajasthan.

Anscheinend unzerstörbar begeht auch der Ambassador ein Jubiläum. Er ist 50 Jahre alt geworden – eine Ikone des großen Landes, die noch immer beim Hersteller Hindustan Motors in Uttarpara bei Kalkutta vom Band läuft. Für ein Auto ohne Airbags, Katalysator, ABS-System und so etwas wie eine Knautschzone ist das erstaunlich genug – nicht aber in Indien, wo jeder Dorfschmied die rollende Rückwärtsgewandtheit mit ein paar Schrauben und dem Hammer reparieren kann.

Minister fahren mit Rotlicht

Tagein, tagaus steht am Flughafen Neu-Delhis eine Armada gelber Ambassador-Taxis – mit Blumen am Rückspiegel und mit der einladenden Sofa-Rückbank älterer Modelle. In der Metropole bahnen sich weiße Ambassadore, manche gepanzert, energisch den Weg im Gewühl: Sie fahren für die indische Regierung, die eine Flotte von 5000 der Vehikel unterhält. Seit jeher dienen sie als Dienstfahrzeuge selbst von Staatssekretären und Ministern und sind auf dem Dach mit dem Gegenstück zum Blaulicht etwa deutscher Staatskarossen ausgerüstet: Rotlicht.

Die dreimal ins Amt der Premierministerin gewählte Indira Gandhi ließ sich so gern im Ambassador umherchauffieren, dass es in der Hauptstadt hieß, Indien werde von der Rückbank eben eines Ambassador regiert – und die gleiche Aura verströmt die weiße Flotte heute noch: Passanten recken die Köpfe, um einen Blick ins Autoinnere zu werfen, wenn selbst das Rotlicht einen Halt im Straßenchaos nicht verhindern kann.

Ursprünglich sollte mit dem Ambassador bewiesen werden, dass Indien sehr wohl in der Lage sei, ein eigenes Auto anzufertigen. Zur Freude der Retro-Fans von heute diente der englische Morris Oxford als Vorlage, eine an allen Seiten gerundete Familienkutsche, die dem Ambassador auch das gewölbte Dach verlieh – ein Design-Relikt der fünfziger Jahre mit dem Look eines Bowlers oder Damenhuts.

Die Wölbungen trugen dem Ambassador den Spitznamen "schwangerer Büffel" ein, was ihm freilich nur zugute kam. Noch zu den Zeiten von Indira Gandhi, Anfang der achtziger Jahre, beherrschte er den Automarkt in Indien so souverän, dass Käufer Monate und manchmal Jahre auf ihn anzusitzen hatten. Hohe Importzölle und die damals starke Staatswirtschaft schotteten den Subkontinent ab – und nur der sogenannte Premier Padmini, ein Fortbau des Fiat 1100, konnte dem Ambassador zunächst Paroli bieten.

Die Marktöffnung traf den Ambassador hart

All das änderte sich Anfang der neunziger Jahre mit einer Zahlungsbilanzkrise, die den damaligen Finanzminister – und jetzigen Premier – Manmohan Singh veranlasste, Indien auch der ausländischen Konkurrenz zu öffnen. Die Vormachtstellung des Ambassador fing zu bröckeln an, und gegen die Toyotas und Mercedes ging sie schließlich ganz verloren. Die Drehstabfederung vorn und die Blattfedern hinten sorgten zwar für ein robustes Fahrverhalten, plötzlich aber schien der Ambassador wie antiquiert. In der Fabrik von Uttarpara geriet der "Herzschlag Indiens" ins Stocken, sank die Produktion bis heute um die Hälfte ab.

Immerhin aber navigieren auf Indiens Straßen noch 600.000 Ambys, wie der Ambassador liebevoll auch heißt. Majestätisch hält er im Monsunregen einem Schiff ähnlich den Kurs, und seine Eigner wollen keinesfalls auf ihn verzichten. "Mein Ambassador feuert auf allen Zylindern. Er wird das Auto meines Lebens bleiben," schrieb etwa Ananda Parameswaran aus Madras voll Begeisterung den Hindustan Motors.

Solches Lob bestärkt die Autofirma nur, es weiter mit den Global Players aufzunehmen. Das Modell Ambassador Grand weist Neuheiten wie eine Servolenkung, Ledersitze, Bremslichter und eine Kindersicherung auf. Und mit dem bulligen Ambassador Avigo, der aussieht wie ein kleiner Kampfelefant, appelliert man an die junge Klientel aus der IT-Branche – mit Stereoanlage und Schiebedach.



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