Wiesmann-Insolvenz: Bye-Bye Ballermann
Unbändige Kräfte unter der Haube und ganz viel Schickimicki: Das war lange das Erfolgsrezept des Sportwagenbauers Wiesmann. Jetzt ist der Kleinserienhersteller insolvent. Der Marke fehlten wichtige Eigenschaften, um im Club der Großen mitzumischen.
Die Erinnerung an den Zauber des Anfangs spendet ein wenig Trost in Dülmen. Es war 1988, als Martin Wiesmann mit seinem ersten selbstgebauten Roadster nach Hamburg fuhr und sich in dem Hotel einmietete, in dem die Tennisstars anlässlich des Turniers am Rothenbaum abgestiegen waren. Mit einem Trinkgeld und guten Worten überredete er den Empfangschef, ihm einen unübersehbaren Parkplatz direkt neben dem Eingang zu reservieren. Das Auto fiel auf. Pete Sampras und Andre Agassi ließen sich zu einer Probefahrt überreden. Andrej Medewedew, die damalige Nummer 4 der Weltrangliste, unterschrieb sogar einen Kaufvertrag.
Der Tag gilt als Durchbruch in der Geschichte der kleinen Automanufaktur aus dem Münsterland. Insgesamt haben die rund 110 Mitarbeiter seitdem mehr als 1600 Autos gebaut. Doch es sieht so aus, als würde die Geschichte von Wiesmann schon enden. Am Mittwoch beantragte Geschäftsführer Rolf Haferkamp beim Amtsgericht Münster Gläubigerschutz - die Automanufaktur kann ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Jetzt suchen die Wiesmann-Verantwortlichen nach einem Investor, der ebenso fest an die Zukunft des Unternehmens glaubt, wie sie selbst. Vor wenigen Monaten noch zeigte sich Haferkamp überzeugt, die jährlichen Stückzahlen von 140 in absehbarer Zeit auf 300 bis 350 steigern zu können.
Möglich ist aber auch, dass die Marke ebenso plötzlich wieder von der Bildfläche verschwindet, wie sie einst dort erschienen ist. Und einfach nur als Fußnote in den großen Bilderbüchern zur Autogeschichte übrigbleibt. Denn bei Lichte betrachtet ist die Aura, die einen Wiesmann umgibt, ohne wirkliche Substanz. Sie ist vielmehr in erster Linie Ergebnis eines geschickten Marketings.
Von Anfang an verstanden es die beiden Gründer Friedhelm und Martin Wiesmann, ihren Kunden das Gefühl zu geben, zu einer besonderen Spezies zu gehören. Sternfahrten zum Nürburgring mit Fahrtrainings und "Familien"-Treffen auf Sylt oder in Kitzbühel sorgten für ein exklusives Image und katapultierten den Autobauer zeitweise ganz weit nach oben in die Charts für Luxusmarken. Besonders so extrovertierte Reiche wie Talent-Juror Dieter Bohlen übernahmen - gewollt oder ungewollt - die Rolle eines Markenbotschafters.
Ruhm ohne Grundlage
Natürlich machen Ferrari, Aston Martin oder Bentley das auch. Bei der Pflege der exquisiten Kundschaft bauen im Prinzip alle auf den gleichen Mix: Die Einladung ins Fahrerlager, Wochenendausflüge nach Monaco, Zürich oder Paris, oder die Präsentation von Pretiosen in Pebble Beach oder am Comer See. Unterschiede gibt es vielleicht bei der Wahl der Champagner-Marke oder der Geschmacksrichtung der Häppchen.
Der entscheidende Unterschied, der den Newcomer aus Dülmen vom Establishment im automobilen Oberhaus trennt, liegt in deren Geschichte. Walter Owen Bentley, Enzo Ferrari oder Lionel Martin machten sich einst an die Arbeit, um auf den Rennstrecken dieser Welt um den Sieg zu kämpfen. Ihre Erfolge begründeten den Ruhm der jeweiligen Marke.
Wirtschaftlich erfolgreich waren auch sie über lange Strecken ihrer Firmengeschichte nicht. Bentley begann erst unter der Ägide von Volkswagen, Geld zu verdienen, Aston Martin vereinbarte jüngst eine Kooperation mit Mercedes, um die Kosten für teure Neuentwicklungen in den Griff zu bekommen.
Doch die Autos dieser Marken, die in der Vergangenheit unter schwierigen Bedingungen entstanden, sind umwoben von Mythen und Erinnerungen, die ein Wiesmann beim besten Willen nicht bieten kann. Trotzdem entschieden sich die Dülmener bei der Optik ihres Roadsters bewusst dafür, klassische Designs zu zitieren, obwohl unter dem Blech modernste Technik werkelte.
Exaltierte Kreationen fürs Image
So kam es, dass die Roadster und Coupés aus Dülmen trotz gewaltiger Motorleistung, erstklassigem Fahrwerk und guter Verarbeitung seltsam synthetisch wirken. Die Karosserie erinnert an britische Klassiker wie Austin Healey oder Morgan, das Interieur jedoch an die ersten Gehversuche ehemaliger Manta-Veredler. Beim Fahren beeindrucken der Schub und der Sound des Motors - doch alles geht clean, mühelos und ohne Ecken und Kanten, die die Vorbilder einst so reizvoll machten.
Den Charakter versuchen die Macher vielmehr über die Oberfläche zu kreieren - mit einer Unzahl von Farbtönen, Ledersorten und Dekors. Besonders exaltierte Kreationen bekamen eigene Namen wie "Panther", "Black and White" oder "Scuba Mobile". Eine Kleinserie mit 18 Einzelanfertigungen ließ einige Kritiker 2011 jubeln. Doch das Ziel wirkte allzu durchsichtig: Es sollten Sammlerstücke geschaffen werden, die allein der Imagebildung dienten.
Mit Geschick lässt sich so eine Weile lang der Erfolg sichern - wie bei Modeschmuck: Eine Weile sind die Leute ganz wild darauf und bezahlen jeden Preis. Doch Juwelen von Tiffany, Cartier oder Bulgary entfalten genau dann erst ihren wirklichen Glanz.
So blieben die Wiesmann-Fahrzeuge in einem seltsamen Zwischenreich. Einerseits wurden sie trotz der anfänglichen Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wurde, nie zu einem echten Statussymbol. Sondern blieben stets etwas schräge Vögel für eine kleine eingefleischte Fan-Gemeinde. Gleichzeitig trugen sie ein Preisschild, das sich wohl nur echte Statussymbole erlauben können.
Was bleibt, ist der bewundernswerte Mut und Pioniergeist der Wiesmann-Brüder, die das Projekt mehr als 25 Jahre mit unbändiger Energie verfolgten. Vielleicht finden sich ja doch noch Investoren, die in ihren Traum weiterhin mit Leben erfüllen.
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