Haptik-Design im Auto "Touchscreens sind unmännlich"

Feines Leder, Holzapplikationen, kühles Aluminium - mit ihrer Materialwahl beeinflussen die Hersteller unser Empfinden von Autos. Wie das funktioniert, erforscht Martin Grunwald. Im Interview erklärt der Psychologe, was Frauen lieber ertasten als Männer.

Margarete H. Cane

SPIEGEL ONLINE: Warum lösen Autos das Verlangen in uns aus, sie anzufassen?

Grunwald: Wir können gar nicht anders. Das liegt einfach daran, dass der Mensch seine Umgebung nur durch Kontakt wirklich begreifen kann. Man nennt das haptische Exploration. Jeder Mensch wird deshalb in einem neuen Wagen, zum Beispiel im Autohaus, die Bedienelemente und die Oberflächenstrukturen abtasten. Niemand wird sich in ein Fahrzeug setzen und die Hände in den Schoß legen. Das Visuelle allein gibt uns letztlich keine Gewissheit.

SPIEGEL ONLINE: Warum vertrauen wir unserem Tastsinn mehr als unseren Augen?

Grunwald: Ein Krümel, den man mit dem bloßen Auge erkennt, ist mindestens 100 Mikrometer groß. Mit der Fingerkuppe können wir dagegen Sachen ertasten, die nur 1 Mikrometer winzig sind. Die feinen Unterschiede spüren wir nur mit den Händen. Deshalb ist es für die Autohersteller zum Beispiel schwierig, Kunststoffe so zu bearbeiten, dass sie sich wie Naturmaterialien anfühlen. Der Mensch fühlt diesen Schwindel.

SPIEGEL ONLINE: Wann empfinden wir Materialien als billig oder edel?

Grunwald: Im Laufe unseres Lebens sammeln wir je nach Einkommensschicht und Kultur verschiedene Erfahrungen mit Materialien. Der eine wächst zwischen Marmor und Messing auf, der andere ist von der Beschaffenheit der Produkte aus schwedischen Möbelhäusern geprägt.

SPIEGEL ONLINE: Wo werden im Auto bei der Materialwahl die meisten Fehler gemacht?

Grunwald: Bei Stellern und Druckknöpfen ist es ganz schlimm. Diese Details sehen oft nach Metall aus, sind aber tatsächlich aus Kunststoff.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben die Autohersteller die Bedeutung der Haptik entdeckt?

Grunwald: Meinen ersten Auftrag erhielt ich Mitte der Neunziger von einem deutschen Autobauer. Nach und nach kamen dann auch internationale Hersteller dazu. Anfangs waren diese Entscheidungen innerhalb der Unternehmen sehr umstritten. Den Mensch als haptisches Wesen zu begreifen fiel vor allem den Ingenieuren schwer. Die waren auf PS fokussiert. Das hat sich geändert.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Zweifler von dem Nutzen Ihrer Analysen überzeugt?

Grunwald: Die Wirksamkeit ließ sich in Kundenzufriedenheit und letztlich in Absatzzahlen ablesen. Das ist ja das Schöne an der Marktwirtschaft! Allerdings muss ich die Automobilwirtschaft auch loben - sie war die erste Branche, die diese Bedeutung überhaupt erkannt hat und bei uns anklopfte.

SPIEGEL ONLINE: Wie testen Sie in Ihrem Labor, wie gut sich etwas anfühlt?

Grunwald: Wenn wir wissen möchten, wie die menschliche Hand ein Ding drückt, schiebt und bewegt, sammeln wird dazu Daten über speziell entwickelte Sensoren und rekonstruieren dann im dreidimensionalen Raum die Abtastbewegung und den Bedienprozess. Aus diesen Daten lassen sich Urteile herauslesen, also wie gut sich etwas bedienen lässt. Wie wir das machen, ist unser Hausgeheimnis. Aber grob gesagt funktioniert es so: Wenn Sie zum Beispiel zwei verschiedenen Personen am Ohrläppchen zupfen sollen, sagen wir Ihrem Chefredakteur und Ihrer Liebsten, dann können wir diese Zupfbewegung messen. Anhand der beiden Datenprofile lässt sich dann deutlich erkennen, wen Sie mehr mögen.

SPIEGEL ONLINE: Das Beispiel klingt einleuchtend, aber wie wird das bei einem Lautstärkeregler am Autoradio gemessen?

Grunwald: Auch hier können wir den Bewegungsablauf zeitlich und räumlich abbilden und genau nachvollziehen, wie die Bedienung des Reglers erfolgt. Ein Element aus diesen Datensätzen ist zum Beispiel die Kontaktdauer. Wenn sie das Oberflächendesign als katastrophal empfinden, werden sie den Knopf so kurz wie möglich berühren.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Ihrer Meinung nach der größte Feind eines guten Haptik-Designs?

Grunwald: Einzelmeinungen! Anstatt sich die Daten aus Experimenten zu holen und ein richtiges Konzept zu verfolgen, denken einige Hersteller immer noch, er reicht, einfach einen Mitarbeiter nach seiner Meinung zu fragen.

SPIEGEL ONLINE: Selbst die Annahme, dass jeder Autofahrer gerne Ledersitze hätte, ist letztlich nur eine Meinung?

Grunwald: Ja. Mit dieser Einstellung wird oft unnötig Geld verblasen. Mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise kann man zielorientierter arbeiten. Manche Hersteller schaffen es zum Beispiel, ihre Sitze so außerordentlich bequem zu konstruieren, dass das Verkleidungsmaterial zweitrangig wird.

SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie das erstaunlichste Ergebnis, das sie im Zusammenhang mit dem Tastsinn im Auto festgestellt haben?

Grunwald: Einige Hersteller wollten mal herausfinden, ob sich das Lenkrad durch eine Art Joystick ersetzen lässt. Wir haben untersucht, welche Bedeutung das Lenkrad überhaupt für Autofahrer hat. Danach war klar, dass es aus einem Fahrzeug nicht wegzudenken ist: Man lenkt nicht nur damit, sondern hält sich daran fest. Der Mensch kann in der Regel nicht lange ruhig sitzen, er will wenigstens kleine Bewegungen durchführen - und im Auto ist das vor allem am Lenkrad möglich. Außerdem baut man daran Spannung ab. Schauen sie doch mal, wie viele Leute bei Stresssituationen auf ihr Lenkrad hauen!

SPIEGEL ONLINE: Gute Rennfahrer können die richtige Abstimmung ihres Wagens angeblich mit dem Hintern feststellen. Wie viel ist dran an der Legende vom sogenannten Popometer?

Grunwald: Popometer ist ein etwas dümmlicher Ausdruck, es geht ja um den gesamten Körper. Der Mensch als Gesamtkonstruktion ist ein wandelnder Sensor. In unserem Körper stecken mehr als zwei Milliarden Rezeptoren für Tastsinne. Über unsere Haut sowie über Muskeln, Sehnen und Gelenke nehmen wir Temperatur, Druck und Vibration wahr. In einen Formel-1-Wagen müssten sie ein halbes Rechenzentrum reinstellen, um das zu registrieren, was einem Fahrer mit etwas Erfahrung nach einer Runde klar ist. Und schlussendlich gilt für den Rennwagen das Gleiche wie fürs normale Auto: Die Augen braucht man grob gesagt nur, um die Spur zu halten. Wir könnten blind fahren, die ganze Bedienung eines Fahrzeugs funktioniert über die Haptik.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterscheiden sich die Vorlieben der Geschlechter, wie sich ein Auto anfühlen sollte?

Grunwald: Da gibt es immense Unterschiede. Ein konkretes Beispiel ist die Druckstärke von Knöpfen und Schaltern. Ist sie eher stark, wird sich der Mann über das Gefühl von Robustheit und Stabilität freuen, während Frauen es eher als zu fest empfinden. Und mit samtigen Oberflächenstrukturen können Sie die Männer vergraulen, Frauen dagegen finden so was angenehm und fassen sogar länger hin als eigentlich nötig. Bei einigen Materialien spielt es auch eine Rolle, wie gut sie Schweiß aufsaugen: Männer verzeihen es eher, wenn der Schweiß nicht sofort wegtransportiert wird, Frauen mögen das gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Autos ersetzen nun Touchscreens Knöpfe und Schalter.

Grunwald: Ich empfinde dieses Tippen und Wischen auf Geräten als eine Zumutung. Diese Art von Bedienung entspricht einer pubertären Kontaktängstlichkeit, nach dem Motto "Berühre mich, aber fass mich nicht an". Das findet kein Vollkontakt mehr statt. Das ist im gewissen Sinne sogar unmännlich.

SPIEGEL ONLINE: Touchscreens sind unmännlich?

Grunwald: Klar, die Körperlichkeit geht dabei doch verloren. Alles findet nur noch als zarte Berührung statt. Aber das grundsätzliche Problem ist, dass durch die Touchscreens einfach alles glatt wird. Wie wollen sie denn ein teures Auto anpreisen, wenn es sich im Interieur nicht durch Wertigkeit von Billigautos abhebt? Die haben ja auch schon Touchscreens!

SPIEGEL ONLINE: Verschenken die Hersteller hier also die Möglichkeit, sich von der Konkurrenz abzuheben?

Grunwald: Absolut. Meiner Ansicht nach haben viele nur aus Panik Touchscreens in ihre Autos gebaut, weil es die breite Masse macht. Aber das Bedürfnis nach analogen Geräten mit klassischen Bedienknöpfen besteht weiterhin. Der größte Makel an Touchscreens ist aber, dass man diese Systeme nur durch visuelle Kontrolle bedienen kann. Als Fahrer müssen sie jedes Mal auf den Bildschirm blicken, wenn sie etwas einstellen möchten, weil die haptischen Fixpunkte fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen darin also ein großes Sicherheitsrisiko.

Grunwald: Ja, ganz schrecklich! Es ist geradezu absurd, dass Telefonieren am Steuer verboten ist, aber Touchscreens bei jeder Geschwindigkeit bedient werden dürfen.

Das Interview führte Christoph Stockburger

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insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
cassandra106 24.04.2013
1.
Zitat von sysopVolkswagen Feines Leder, Holzapplikationen, kühles Aluminium - mit ihrer Materialwahl beeinflussen die Hersteller unser Empfinden von Autos. Wie das funktioniert, erforscht Dr. Martin Grunwald. Im Interview erklärt der Psychologe, was Frauen lieber ertasten als Männer - und warum er Touchscreens verbieten würde. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/interview-mit-martin-grunwald-ueber-haptik-design-im-auto-a-895416.html
Geht doch nicht´s über sexistische Pauschalisierung. Vielleicht sollte man die Druckknöpfe Brustförmig machen und CD-Player und Gangschaltung...lassen wir das.
nord33 24.04.2013
2.
haha .. da wettert er gegen Einzelmeinungen und dann propagiert er seine touchscreenfeindliche Einzelmeinung
LH526 24.04.2013
3.
Touchscreens sind nicht unmännlich, sie sind einfach unnötig und gefährlich. Als Pilot ist mir auch jeder Knopf anhand der Haptik / Form eindeutig zuzuordnen. Ich brauche sofort die Rückkopplung / Antwort, was der Knopf soeben ausgelöst hat. ich möchte mit dem Finger direkt zielen und schalten können. Jede Ablenkung durch ein "auf den touchscreen schauen ob ich auch richtig gedrückt habe" ist unnötig.
olicrom 24.04.2013
4. Touchscreens sind also unmännlich...
... na ja, wenn das jemand sagt, der sich mit einem Rauchpenis im Mund ablichten lässt, wird da schon was dran sein.
Europa! 24.04.2013
5. Endlich sagt's mal einer!
Zitat von sysopVolkswagen Feines Leder, Holzapplikationen, kühles Aluminium - mit ihrer Materialwahl beeinflussen die Hersteller unser Empfinden von Autos. Wie das funktioniert, erforscht Dr. Martin Grunwald. Im Interview erklärt der Psychologe, was Frauen lieber ertasten als Männer - und warum er Touchscreens verbieten würde. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/interview-mit-martin-grunwald-ueber-haptik-design-im-auto-a-895416.html
Touchscreens sind widerlich! Allein schon das verschmierte Glas ist eklig. Im übrigen: Ein fabelhaftes Interview. Gefällt mir.
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