Jaguar SS 100: Alles für die Katz'

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Autosammler Frank Gotthardt, der Mercedes-Oldies, einen Citroën DS und einen E-Type besitzt, fährt derzeit am liebsten Jaguar SS 100. Der Roadster gilt nämlich als erster echter Jaguar und markierte damit den Anfang der Marke, die jetzt 75 Jahre alt wird.

Jaguar SS 100: In der Enge des Fußraums Fotos
Tom Grünweg

Der SS 100 verlangt einen schlanken Fuß und schmales Schuhwerk. Für spreizfüßige Fahrer jedenfalls ist dieser Wagen nichts, und mit klassischen Herrenschuhen würde man sich im Fußraum verheddern. Und so musste Frank Gotthardt, kaum hatte er den Jaguar SS 100 erstanden, erst einmal ins Schuhgeschäft. "Nach dem passenden Schuhwerk habe ich fast länger gesucht als nach dem Auto", sagt er, während er leicht in den zierlichen, senfgelben Lederstiefel wippt.

Die Treter bilden einen hübschen farblichen Kontrast zum Auto, das grauen Gunmetal-Lack trägt. Der offene Zweisitzer spielt in diesem Jahr eine besondere Rolle in der Autowelt: Der SS 100 (SS war das Kürzel der Hersteller Standard und Swallow) war nämlich das erste Auto der 1922 gegründeten Swallow Sidecar Company mit der Modellbezeichnung Jaguar. 1945 wurde der Firmenname wegen der Nazi-Konnotation von SS in Jaguar umgewandelt.

Mit der Roadstervariante des Modells SS 100 beschäftige sich Unternehmensgründer William Lyons, so erzählt es die Legende, sehr lange. Angeblich ließ er sich einen Prototypen vor das Fenster seines Arbeitszimmers stellen, und der Gärtner musste das Auto regelmäßig ein wenig drehen, damit der Chef es aus allen Perspektiven begutachten und verändern konnte.

Dabei heraus kam ein Roadster, der aus heutiger Sicht kaum klassischer sein könnte: Der Kühler ist üppig verchromt, die lang gestreckte Motorhaube und das knappe Heck bestimmen die Proportionen, durchgehende Kotflügel und Speichenräder sorgen für Dynamik. "Das Auto ist für mich der Inbegriff der Eleganz", gerät Gotthardt ins Schwärmen.

Ein nobles Auto, aber nur halb so teuer wie ein Rolls-Royce

Vor 75 Jahren, als der SS 100 in London präsentiert wurde, stockte der Branche der Atem - und das nicht nur wegen des Aussehens des Autos. Vor allem der Preis von 445 Pfund war eine Sensation, denn der Wagen war damit nur halb so teuer wie ein Rolls-Royce oder Aston Martin. Heute taxiert Gotthardt den Wert je nach Zustand des Fahrzeugs auf 200.000 bis 400.000 Euro. "Wenn man denn überhaupt einen findet," schränkt er ein. Schließlich hatte Jaguar die Produktion mit Kriegsbeginn eingestellt und deshalb nur rund 300 Exemplare gebaut.

Der SS 100 sieht nicht nur gut aus, er fährt auch gut. "Ich bin gern ein bisschen flotter unterwegs", gesteht Gotthardt bei einer stürmischen Spritztour mit dem Jubilar. Da trifft es sich gut, dass sein Oldie nicht das Basismodell mit dem 102 PS starken 2,5-Liter-Motor ist, sondern die potentere Variane. Deren Reihensechszylinder hat 3,5 Liter Hubraum, kommt auf 125 PS und lärmt bei Vollgas derart, dass in engen Ortsdurchfahrten schon mal die Fensterläden wackeln.

Ein Sportwagen, der auch mit 75 noch flott dabei ist

"Der SS 100 ist leicht, agil und ungeheuer handlich", lobt Gotthardt das Auto, mit dem er alle paar Wochen durch den Westerwald pfeilt. "Auf der Landstraße kann der heute noch jedem Sportwagen Paroli bieten." Auf der Autobahn gilt das mittlerweile natürlich nicht mehr. Rund 165 km/h Höchstgeschwindigkeit schafft das Auto - für die dreißiger Jahre ein Spitzenwert, heute nicht einmal mehr Mittelmaß.

Ähnliches gilt für die Bequemlichkeit an Bord - die ist nämlich nicht vorhanden. Der Kopf ragt über die kleine Frontscheibe hinaus in den tosenden Fahrtwind, die winzigen Ledersitze sind zu kurz und zu schmal, dazu kommen die schon erwähnte Enge des Fußraums und ein riesiges Lenkrad, das kaum zwischen die Oberschenkel passt. Dennoch schätzt Gotthardt den Wagen als sportlichste Wahl seiner Oldie-Garage: "Wenn ich an der Mosel flanieren fahre, dann nehme ich einen der Mercedes'. Doch zum richtigen Autofahren gibt es für mich nur den Jaguar." Deshalb ist der Wagen stets poliert und vollgetankt - und hat es bislang mit größter Zuverlässigkeit gedankt.

Das Erbe von Jaguar wurde in einen "Heritage Trust" ausgelagert

Das Unternehmen Jaguar war dagegen in den vergangenen 75 Jahren immer mal wieder reparaturbedürftig, mehrmals schlitterte die Firma nur knapp am Konkurs vorbei. Daraus haben die Briten - vor allem mit Blick auf die Oldtimer - Konsequenzen gezogen: Um das Erbe vor dem Zugriff neuer Konzernherren oder gar eines Konkursverwalters zu schützen, wurde die gesamte Traditionsabteilung schon vor etlichen Jahren ausgegliedert und in einen speziellen "Heritage Trust" überführt. Der allerdings ist so penibel, dass er sich vom Mutterhaus inzwischen sogar die Herausgabe von alten Fotos oder Dokumenten bezahlen lässt.

Wenn die Marke Jaguar also in diesen Wochen den 75. Geburtstag feiert, ist sie vor allem auch auf die Unterstützung von Sammlern wie Frank Gotthardt angewiesen. Am kommenden Wochenende etwa, bei der Jaguar-Jubiläums-Party während des Oldtimer Grand Prix auf dem Nürburgring, zählt er zu den Ehrengästen. Und ganz gleich ob er Frack, Anzug oder Rennoverall tragen wird - seine Füße werden ganz sicher in senfgelben, ledernen Rennstiefeln stecken.

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Klassiker-Info

Jaguar SS 100

Bauzeit: 1935 bis 1940

Volumen: zirka 300

Preis: 445 Pfund

Motor: Reihensechszylinder

Volumen: 3,5 Liter

Preis: 125 PS

Vmax: 165 km/h



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