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Kampf gegen Verkehrschaos: Die Zebrastreifenguerilla von Jakarta

Aus Jakarta berichtet Michael Lenz

Marode Straßen in Jakarta: Ein gefährliches Pflaster Fotos
Michael Lenz

Jakarta ist die Hölle für Fußgänger. Die Gehwege in Indonesiens Hauptstadt sind zugeparkt oder werden von Mopedfahrern gekapert, die Stadtverwaltung schaut tatenlos zu. Jetzt sagen Aktivisten dem Chaos den Kampf an - mit einer kreativen Idee.

Sie tauchen auf wie aus dem Nichts und machen sich sofort ans Werk: In der indonesischen Hauptstadt Jakarta kämpfen seit Wochen die Mitglieder der Koalisi Pejalan Kaki - der Fußgängerkoalition - für sichere Straßen.

Die Guerilla-Aktionen der Fußgängerkoalition laufen immer nach dem gleichen Muster ab, so wie kürzlich an der Kreuzung Jalan Wahid Hasyim und Jalan Sabang: Dort sperrten sie die Straße mit orange-weiß gestreiften Warnkegeln für den Verkehr, setzten eine Messlatte an den verschwommenen Konturen des Zebrastreifen an, zogen ein Rechteck und malten es mit weißer Farbe aus. Den schimpfenden Autofahrern hielten sie Schilder vor die Nase: "Respektiert die Rechte von Fußgängern".

Die Zustände an der chaotischen Kreuzung sind ein Paradebeispiel dafür, wie dreist die Rechte von Fußgängern in Jakarta missachtet werden. Vor dem Einsatz der Fußgängerkoalition war der Zebrastreifen dort nur noch ein Schatten auf dem Asphalt. Und selbst jetzt, wo er wieder deutlich zu sehen ist, bleibt er praktisch nutzlos: Auf der einen Ecke blockiert ein Stromkasten den Zugang zum Trottoir. Auf der anderen versperrt im Dunst der Abgase ein Straßenimbiss den Übergang auf den Bürgersteig.

Von den Polizisten der an der Kreuzung gelegenen Wache ist keine Hilfe zu erwarten: Sie parken ihren Streifenwagen mitten auf dem Gehweg.

"Hier herrscht das Gesetz des Dschungels"

Den Glauben an die Behörden hat Alfred Sitorius längst aufgegeben. Deshalb hat er die Fußgängerkoalition gegründet. "Wir haben die Stadtregierung mehrfach vergeblich auf die verblassenden Zebrastreifen hingewiesen", sagt er. Jetzt sorgen er und seine Mitstreiter mit Pinsel und Farbe für Recht und Ordnung. "Wir greifen zur Selbsthilfe."

Jakarta ist eine der fußgängerfeindlichsten Städte der Welt. Laut offizieller Statistik hat die indonesische Hauptstadt 7200 Kilometer Straßen, aber nur 400 Kilometer Bürgersteige. Die sind für Fußgänger ein gefährliches Pflaster. Mopedfahrer nutzen die Gehwege als private Rennstrecke, sofern sie nicht durch die Stände der Straßenhändler, die Karren der Garküchen, parkende Autos und Mopeds blockiert sind. Hinzu kommen viele Löcher in den Gehsteigen. Erfahrene Fußgänger schauen beim Gehen durch Jakarta deshalb nicht nur geradeaus, sondern immer auch auf den Boden, um gefährliche Stolperfallen wie eingesackte Gulli-Abdeckungen rechtzeitig zu entdecken.

"Als Fußgänger riskiert man täglich Leib und Leben", weiß Kodrat aus eigener Erfahrung. Der Verkäufer, der wie viele in Indonesien nur einen Namen hat, wurde im vergangenen Jahr auf dem Weg zur Arbeit auf einem Bürgersteig von einem Moped angefahren. "Hier herrscht das Gesetz des Dschungels", sagt Kodrat. "Auf der Straße sind die Autos die Könige, auf den Bürgersteigen die Mopeds. Fußgänger stehen ganzen unten in der Hierarchie."

Der Vorteil der Staus

In Jakarta wurden im vergangenen Jahr laut offizieller Statistik 668 Menschen bei Verkehrsunfällen getötet, mehr als 6000 wurden verletzt. Das waren zwar weniger als noch 2012, aber Ahmad Safrudin sieht darin keine Trendwende. "Das liegt leider nur daran, dass die Staus immer schlimmer und der Verkehr dadurch noch langsamer geworden ist", sagt der Programmchef der KPBB, einer indonesischen Umweltorganisation. "Was wirklich helfen würde, wäre eine konsequente Durchsetzung der Gesetze und eine Aufklärungskampagne über Verkehrsregeln und die Rechte von Fußgängern."

Aber Jakartas Stadtverwaltung hat offenbar wenig Interesse daran, etwas gegen das gefährliche Chaos zu unternehmen. Die Zebrastreifen-Aktionen der Fußgängerkoalition bezeichnet sie als "illegal". Alfred Sitorius kann darüber nur lachen. "Klar sind unsere Aktionen nicht legal", sagt er. "Na und? Wir machen weiter, bis sich was ändert."

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1. Wie in Marl
Teoem 17.10.2014
Das ganze kommt mir irgendwie bekannt vor. Hier in Marl sieht es ganz ähnlich aus. Das Parken auf Rad-und Fußwegen ist hier kein Problem. Zugeparkte Straßen, auch das Parken in der zweiten Reihe, sind sogar gewollt, um so künstliche Hindernisse zu schaffen. Die erhöhte Unfallhäufigkeit, aufgrund von Auffahrunfällen auf geparkte Autos, wird dazu genutzt, um wegen der Häufigkeit der Unfälle zu Blitzen.
2. Bringt wohl nichts
omnifight 17.10.2014
Ich fürchte, dass diese Aktion leider nichts bringen wird, denn meine Erfahrungen aus Indonesien (und auch anderen asiatischen Ländern) sagen mir, dass sich nur die allerwenigsten Autofahrer für einen Zebrastreifen interessieren.
3. optionalfatal
MrSpinalzo 17.10.2014
Ich war vor zwei Jahren mal ein paar Tage beruflich in Jakarta und habe das Chaos live erleben dürfen. Ich habe es dann so beschrieben: In Jakarta wollen immer 1 Millionen Autos und 2 Millionen Scooter zum selben Zeitpunkt über die selbe Kreuzung. Echt wahr, unbeschreiblich. Aber ökonomisch: Da wird jeder Quadratmillimeter Verkehrsfläche optimal genutzt. Selber Auto fahren muss man da schon mögen. Naja, die Infrastruktur gibt's halt nicht besser her.
4. Fußgänger in China
el burgués furioso 17.10.2014
Hier in Shanghai stehen die Fußgänger auf der untersten Stufe der Verkehrsteilnehmer. Autos, Busse, Scooter und vor allem die Taxen fahren mitten durch den Pulk der Unmotorisierten. Diese riskieren oft noch Leib und Leben weil sie während der Überquerung noch auf das Smartphone starren anstatt auf die Verkehrssituation. Allerdings fahren hier alle meistens recht langsam.
5. Fußgänger in Kairo
Nubari 17.10.2014
sind etwas besser dran, obwohl die Bürgersteige auch hier von fliegenden Händlern, Warenauslagen oder parkenden Autos blockiert werden. Die Lösung ist die rücksichtslose Benutzung der Fahrbahn, auf der mit großer Impertinenz auch nebeneinander her gegangen wird. Nur wer hupt wird vorbeigelassen. Das hat zur Folge, dass die Mehrheit der Fußgänger auch dort die Fahrbahn benutzt, wo es breite und freie Bürgersteige gibt. Diese Impertinenz der Fußgänger ist in der Innenstadt sehr erfolgreich; sie hat allerdings dort fatale Konsequenzen, wo der Verkehr mit höheren Geschwindigkeiten fließt und der zum Anhalten genötigte Autofahrer dies aus physikalischen Gründen gar nicht kann. Zebrastreifen gibt es im übrigen zwar auch, haben aber keinerlei Bedeutung für Fußgänger und Autofahrer und werden nur aus dekorativen Gründen von Zeit zu Zeit neu gemalt.
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