Jensen Logicar Hast du keinen, bau dir drei in einem

Ex-Gemüsehändler trifft Designer: Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Dieses Mal: das Logicar.

Jacob Jensen Design

Das Beste aus zwei Welten? Timothy Jacob Jensen lächelt etwas spöttisch, wenn er den Standard-Slogan der Autohersteller hört, mit dem sie ihre sogenannten Crossover-Modelle bewerben.

Für den dänischen Designer sind die Vermengungen von SUV und Kombi oder Kompaktwagen und Van erstens ein alter Hut und zweitens eine Nummer zu mickrig: Denn statt nur zwei Konzepte zu kreuzen, haben sein Vater Jacob und er gleich fünf Gattungen vom Kombi über den Pick-up bis zum Cabrio unter einen Hut gebracht - und zwar schon vor mehr als dreißig Jahren. 1983 präsentierten sie ihr Werk, das Logicar, auf der IAA in Frankfurt.

Das Logicar, erinnert sich der heute 62-jährige Jensen, sei auf der Messe als eine "der größten Innovation" gefeiert worden.

Kurzer Einschub: Haben Sie schon mal vom Logicar gehört? Nein? Eben. Timothy Jacob Jensen hat auch ein paar Erklärungen auf Lager, warum das Konzeptauto zur Fußnote der Automobilgeschichte geriet. Es treten auf: VW, Ford und ein Landsmann Jensens, dem ein folgenreiches Missgeschick passierte.

Ein Käfer als Basis

Aber zuerst ein paar Details zum Logicar: "Die ursprüngliche Idee kam nicht von uns, sondern von einem Unternehmen aus der Nachbarschaft", erzählt Jensen. Ein ehemaliger Gemüsehändler namens Johannes Pedersen, der den Verkauf von Tomaten und Gurken zugunsten der Fertigung von Ersatzteilen für den VW Käfer aufgegeben hatte, träumte demnach von der Entwicklung eines eigenen Autos. "Erst war ein Kitcar geplant", sagt Jensen, "aber da gab es Schwierigkeiten mit dem Copyright." Ein gemeinsamer Freund - ein Anwalt - habe die Jensens dann mit Pedersen zusammengebracht.

Zusammen erdachten sie das Konzept eines ultravariablen Fahrzeugs: Eben noch ein Kombi mit fünf Sitzen, sollte sich das entfernt an den frühen Renault Espace erinnernde Logicar durch den Umbau des Hecks mit verschiebbaren Fenstern und einem Teleskop-Mechanismus fürs Dach in einen Lieferwagen, in ein Cabrio oder gar einen Pick-up verwandeln lassen.

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Jensen Logicar: Komischer Keil

Technisch hielten sich die Dänen an ein damals bewährtes Muster: Die Karosserie war wie bei vielen Einzelstücken jener Zeit aus Glasfaser gebacken, und als Basis - wie hätte es bei einem Ersatzteilproduzenten für den VW Käfer anders sein können - diente eine Bodengruppe des Wolfsburger Bestsellers samt Boxermotor.

Jensen: "VW Mexiko, wo der Käfer damals noch produziert wurde, bot uns zehn Millionen Mark für die Entwürfe. Aber wir lehnten ab." Er lacht: "Wir waren so stolz und wollten in Dänemark eine eigene Automobilproduktion aufziehen."

"Für die Entwicklung der dänischen Autoindustrie ein enormer Dämpfer"

Doch so euphorisch Pedersen und Jensen auch waren, so langsam ging die Umsetzung vonstatten. Weil sie ihr Auto nicht auf ein veraltetes Auslaufmodell setzen wollten, ließen sie den Entwurf von einem englischen Ingenieurbüro auf ein modernes Auto übertragen. Die Partner aus Großbritannien stülpten das Logicar über den Ford Escort, während sich die Dänen auf die Suche nach Geldgebern machten. Mehr als 20 Millionen Mark hätte man auftreiben müssen, sagt Jensen. "Aber die Investoren waren nicht leicht zu überzeugen."

Erst recht nicht nach einem dummen Zwischenfall bei der Premiere eines anderen Autoprojekts aus Dänemark.

Noch ein kurzer Einschub: Haben Sie schon mal vom Elektroauto Hope Whisper gehört? Ja? Dann liegt das wahrscheinlich an dem haarsträubenden Zwischenfall bei der ersten Vorführung dieses Wagens. Denn bei einer Demonstrationsfahrt in einer Messehalle 1983 in Kopenhagen rauschte dessen Erfinder vor mehr als 1000 Gästen in die Kulissen. "Für die Entwicklung der dänischen Automobilindustrie war das ein enormer Dämpfer", sagt Jensen. Kurz darauf fuhr auch das Projekt Logicar endgültig gegen die Wand.

Jensens Werke schafften es ins Museum of Modern Art

Mehr als das voll funktionsfähige Messemodell von 1983 sowie zwei Tonmodelle auf Basis des Ford Escort sind von der Studie nicht mehr übrig. Die Erinnerungsstücke werden in einem Museum in Jütland aufbewahrt. Jensen blickt mit Ironie auf die damalige Zeit zurück: "Wenn man weiß, wie man ein Auto baut, braucht man dafür verdammt viel Geld. Aber man verbrennt vielleicht sogar noch mehr, wenn man es nicht weiß," lautet sein Resümee.

Jensen erzählt die Geschichte vom Logicar mit der Gelassenheit eines Mannes, der zwar kein Händchen für die Entwicklung für Autos hatte, aber dafür auf anderen Gebieten erfolgreich war. Das Unternehmen Jensen Design ist vor allem für Schmuck und die Eleganz der HiFi-Gerätschaften der Marke Bang & Olufsen bekannt, einige Werke aus ihrem Studio haben es ins Museum of Modern Art nach New York geschafft.

Jensens Vater Jacob versuchte sich Anfang der Neunziger noch mal an Autos und schuf den Jensen One: Auf Basis des Citroën XM zeichnete er einen Stromlinienwagen mit Raumfahrtcockpit. Kennen Sie nicht? Zwei Exemplare wurden davon gebaut und stehen jetzt unter anderem in einer privaten Sammlung in Lübeck.

So ganz hat auch Timothy Jacob Jensen den Traum vom selbstentwickelten Auto noch nicht aufgegeben: Gerade jetzt, wo sich die Autowelt im Umbruch befindet, E-Mobile salonfähig werden und das Autonome Fahren das Innenleben der Fahrzeuge komplett verändern könnte, möchte Jensen wieder mitmischen. "Mir würde dazu schon was einfallen", sagt er.

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Seite 1
hegri 26.11.2016
1. Die Variabilität ist beeindruckend
Aber auch ohne diese Option in Betracht zu ziehen muss man sagen, dass diese Studie besonders im geschlossenen Zustand auch für heutige Verhältnisse sehr gut obgleich nicht modern aussieht. Warum nicht modern? Weil die Karosserie überwiegend durch glatte Flächen bestimmt wird. Es fehlen die unzähligen Sicken, Lichtkanten, Lufteinlässe und sonstige meist überflüssige Stilmerkmale des heutigen Automobildesigns. Komisch nur, dass man sich gerade ein an ein Fahrzeug wie dieses hier jederzeit erinnern würde, wenn es denn mal als Serienauto in Europa auf den Markt gekommen währe.
schlafes.bruder 26.11.2016
2. Ihrer Design-Beurteilung . . .
Zitat von hegriAber auch ohne diese Option in Betracht zu ziehen muss man sagen, dass diese Studie besonders im geschlossenen Zustand auch für heutige Verhältnisse sehr gut obgleich nicht modern aussieht. Warum nicht modern? Weil die Karosserie überwiegend durch glatte Flächen bestimmt wird. Es fehlen die unzähligen Sicken, Lichtkanten, Lufteinlässe und sonstige meist überflüssige Stilmerkmale des heutigen Automobildesigns. Komisch nur, dass man sich gerade ein an ein Fahrzeug wie dieses hier jederzeit erinnern würde, wenn es denn mal als Serienauto in Europa auf den Markt gekommen währe.
. . . für das heutige "moderne" Design kann ich nur zustimmen, nur dass ich das in (zu) vielen Fällen nicht als modern, sondern für modernen Gelsenkirchener Barock einstufen würde - viele SUVs scheinen da geradezu ihre design-spezifische Heimat gefunden zu haben. Es gibt eigentlich wenige Autos mit einem guten, modernen Design, außer diesem Gefährt wäre da zum Beispiel der RO80 zu nennern. Ich würde das Teil, kaum verändert, mit möglichst wenig elektronischem Firlefanz und mit einem E-Motor versehen, auch heute als interessante Alternative sehen. Vor allem machen seine erweiterten EInsatzmöglichkeiten wirklich für den Normal-Nutzer Sinn - SUVs zumindest in Deutschland ja eigentlich nur für Förster und Waldbesitzer.
hegri 26.11.2016
3. Bälle zuwerfen ist auch mal nett
Ich stimme dem 2. Beitrag 100%ig zu insbesondere mit Bezug zu der etwas weitergehenden Negativ-Beurteilung heutigen Automobildesigns. Die Streckgrenzen heutiger Blechmaterialien scheinen sich in absurde Bereiche verschoben zu haben. Was mittlerweile aus den Gesenken fällt ließ sich vor 40 Jahren einfach noch nicht machen. Unschön wurde es spätestens in den 90ern, mit dem "seifigen" Rundlutsch-Design. Schüttel! Anfang der 2000er kamen schreckliche Scheinwerfer und mehr Ecken/Kanten hinzu. Und heute? Es ist zum Weinen: Formchaos und das in unüberschaubarer Vielfalt.
ericstrip 27.11.2016
4. Wo die Vorschreiber recht haben...
...haben sie recht. Form follows function scheint inzwischen fast völlig in Vergessenheit geraten zu sein - und hier sieht das Prinzip sogar cool aus, spacig würden die Kids sagen. Bei Betrachtung des heutigen Autodesigns kommt einem selbst ein einst so modisches Auto wie der Opel Rekord C mit seinem Hüftschwung plötzlich angenehm schlicht vor - und das will etwas heißen. Und das Grunddesign des Opel-Zeitgenossen Ro80 ist viel später zwar tausendmal kopiert, aber dabei immer nur verschlimmbessert worden, so daß dieser 50 Jahre alte Entwurf die ewige Jugend gepachtet hat, einfach weil den Designern zum Thema Limousine bis heute nichts Besseres eingefallen ist. Oder schaut Euch mal an, wie Renault den Espace pervertiert hat! Das Urmodell hingegen ist ein Meilenstein, sollte man sich wegstellen, wenn man noch einen davon findet. Womit wir auch wieder die Kurve zum Jensen-Prototyp bekommen hätten ;-)
warz 30.11.2016
5.
Gibt es doch schon. Kommerziell, aktuell sehr erfolgreich. Ein Crossover aus LKW, Geländewagen, Cabrio, Van, Pickup, SUV, Familienkutsche. 2006 auf dem Markt gebracht. Auch mit Lederausstattung und glänzend. Nun, 2017, nach zehn Jahren, wird der Wagen auf den technisch aktuellen Stand gebracht. Es ist ein Jeep Wrangler JK Unlimted. Das Auto ist unbestritten cool, so groß wie ein T4 Bus von VW, fährt 170 auf der Autobahn, dann mit 3 km durch den Wald die Hügel hoch, ohne Türen, ohne Dach am Strand. Im Winter warm. Technik wie ein Käfer, "Body on frame". Ok, der Motor ist vorne. Dafür gibt es Trittbretter wie beim Käfer.
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