Das Auto in der Karikatur Schwer gezeichnet

Karikaturisten sind die Rächer der Meinungsfreiheit. Wo sie ihren Stift ansetzen, bleibt kein Missstand ungesühnt. Was passiert, wenn sie sich das Auto vorknöpfen, zeigt nun eine Ausstellung in Österreich.

Jürgen Janson

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Ihr Karikatur-Museum widmet sich mit der Ausstellung "Kult auf 4 Rädern" dem Auto. Warum?

Gusenbauer: Die Beziehung des Menschen zum Auto befindet sich derzeit stark im Wandel, ebenso wie die Autoindustrie selbst. Deshalb gibt es kaum einen besseren Zeitpunkt für die Ausstellung. Mit selbstfahrenden Autos und Lkw - die für mich immer noch wie Science Fiction anmuten - steht die Branche vielleicht vor der größten technischen Veränderung. Zudem ist das Auto nicht mehr Prestigeobjekt Nummer eins, sondern wird gerade bei Jüngeren durch das Smartphone abgelöst.

Zur Person
  • Christian Redtenbacher
    Gottfried Gusenbauer, geboren 1968 in Linz (Österreich), ist Direktor des Karikaturmuseums Krems an der Donau. Als Autodidakt und Comiczeichner ist er Mitglied der Linzer Künstlervereinigung MAERZ.
SPIEGEL ONLINE: Karikaturen und ihre Schöpfer bringen in der politischen Berichterstattung Missstände auf den Punkt - oft besser, als es andere journalistische Darstellungsformen überhaupt können. Funktioniert das auch bei Autos?

Gusenbauer: Das Auto ist ein sehr starkes Symbol. Vor allem wenn in der Politik etwas nicht funktioniert, arbeiten die Künstler gerne mit Autopannen oder Verkehrsunfällen. So saß beispielsweise der österreichische Politiker Frank Stronach, der sein Geld in der Autoindustrie gemacht hat, gerne in einem verrosteten Oldtimer - ein sehr deutlicher Hinweis darauf, dass er und seine Positionen nicht mehr aktuell waren.

SPIEGEL ONLINE: In diesen Fällen dient das Auto aber nur als Symbol für etwas. Dabei ist der Pkw oft selbst das Problem. Welche Angriffspunkte liefert das Auto den Zeichnern?

Gusenbauer: Beispielsweise seine verheerenden Einflüsse auf die Umwelt. So beantwortet der Chef in einer Karikatur von Nicolas Mahler die Frage, wie die Autoindustrie mit Klimawandel und Erderwärmung umzugehen gedenkt, so: "Sofort die Cabrioproduktion erhöhen". In diesem Fall wird das Cabrio in einem negativen Kontext dargestellt.

SPIEGEL ONLINE: Auch der aktuelle Dieselabgasskandal von VW liefert den Karikaturisten eine Steilvorlage.

Gusenbauer: Zu Beginn der Affäre nahmen die Zeichner VW selbst auf die Schippe. Doch mittlerweile kommt in den Karikaturen noch eine andere Meinung zum Tragen. Nämlich die, dass der VW-Skandal zwar die große Lüge eines Unternehmens ist, aber auch Industriepolitik der Amerikaner. Jürgen Janson malte deshalb ein schmutziges VW-Modell, das in einer Waschanlage mit dem Namen Uncle Sam steht. Für die Vollwäsche werden ein paar Milliarden fällig.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen die Zeichner mit den technischen Veränderungen in der Automobilwelt um?

Gusenbauer: Eine Karikatur widmet sich beispielsweise dem Hype um Googles selbstfahrendes Auto. Die österreichische Version dazu ist das Google-Hupf, ein springendes Auto.

SPIEGEL ONLINE: Gugelhupf ist doch ein Kuchen aus Hefeteig und Rosinen...

Gusenbauer: Ja, eine österreichische Spezialität...

SPIEGEL ONLINE: Was man für die Pkw-Entwicklung nicht sagen kann, oder? Zwar ist Österreich mit namhaften Zulieferern eine Autonation, aber einen eigenen Hersteller gibt es nicht.

Gusenbauer: Das thematisieren die Zeichnungen ebenfalls. In Österreich haben immer wieder Politiker versucht, mit dem Auto Großtaten zu leisten. Einer unserer alten Bundeskanzler war sogar der Meinung, Österreich bräuchte mehr Autoindustrie, und forderte den Austro-Porsche von VW, der in einer eigenen Fabrik gefertigt werden sollte. Dazu kam es allerdings nie.

SPIEGEL ONLINE: Welches ist Ihr Lieblingsbild in der Ausstellung?

Gusenbauer: Was mir sehr gut gefällt, ist eine Arbeit aus den Fünfzigerjahren von Paul Flora mit dem Titel "Sportwagen für einen älteren Damenfreund". In seiner Zeichnung thematisiert er die Frau am Steuer. Für mich ein ganz wichtiger Aspekt. Letztlich war es Bertha Benz, die dem Auto mit ihrer Fahrt von Mannheim bis Pforzheim zum Siegeszug verholfen hat.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Autos in der Karikatur generell besser weg als Menschen?

Gusenbauer: Auf jeden Fall. Meist wird das Auto in der Karikatur nur als Symbol verwendet, in erster Linie geht es um sehr menschliche Fragen. Und da bekommen Politiker oder berühmte Personen einfach mehr Fett weg.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen Sie persönlich zum Auto?

Gusenbauer: Für mich ist das Auto ein Zweckfahrzeug, aber ich mag tolle Autos. Wenn ich im Stau stehe, stelle ich mir manchmal vor, ich sitze in einem Alfa Romeo Spider und fahre über eine italienische Bergstraße.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren einmal Comiczeichner...

Gusenbauer: Das ist vorbei, ich finde keine Zeit mehr zum Zeichnen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die Zeit hätten, was müsste Ihrer Meinung nach dringend karikiert werden?

Gusenbauer: Die Suche nach der ewigen Jugend. Ich würde einen älteren Fahrer in einem sehr stark motorisierten, teuren Auto darstellen, das versucht, die fehlende Jugend wieder wettzumachen.

Kult auf 4 Rädern. Das Auto im Comic und in der Karikatur. Karikaturmuseum Krems, Steiner Landstraße 3a, A-3500, www.karikaturmuseum.at. Die Ausstellung ist vom 16. Januar 2016 bis zum 15. Januar 2017 zu sehen.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
michael.mittermueller 16.01.2016
1. Hinter den Kulissen
Karikaturisten sind auch nur Menschen. Und insofern können sie sich auch irren. Der Irrtum beim Abgasskandal ist, dass es hier um Erhlichkeit oder um die Sauberkeit der Luft geht. Beides würde ich eher als Argument nach außen sehen. Die Selektivität, mit der sich die US Regierung hier auf ein Deutsches Unternehmen stürzt, zumal eines dessen Fahrzeuge anerkanntermaßen zu den besten der Welt gehören hinterlässt bei mir einen schlechten Nachgeschmack. Und auch die Tatsache, dass jetzt Summen von bis zu 80 Milliarden als Strafe genannt werden, ein vielfaches des Umsatzes von VW in den USA ist in keiner Form zu rechtfertigen. Hier soll abgesahnt werden, und zwar in großem Maßstab. Eine Karikatur, die die Unverhältnismäßigkeit oder die Einseitigkeit der Maßnahmen gegen VW zum Gegenstand hatte habe ich bisher nicht gesehen. Das Land der SUVs und Trucks hat so einiges zu richten. Ob dabei VW mit seinen knapp 30 000 verkauften Dieselfahrzeugen wirklich ins Gewicht fällt, möchte ich bezweifeln. Frau Merkel und die EU Komission sollten sich von der scheibaren Moralität des Vorgehens der US Umweltbehörde nicht täuschen lassen. Es geht hier um Wirtschaftsinteressen. Und auch Herr Gabriel täte gut daran nicht ständig sein Fähnchen in den Wind zu hängen. Eines mag stimmen. Die Schummelsoftware ist ein Skandal. Bendenkt man allerdings die Skandale am Aktienmarkt der letzten Jahre, insbesondere die von US Amerikanischen Großbanken, dann frage ich mich wirklich, wer hat schlimmer gelogen und vor allem wer hat mehr realen Schaden damit angerichtet. Die Bankenkrise hat Millionen Menschen betroffen. Bei der Schummelsoftware steht der Nachweis eines echten Schadens noch aus. Ein guter Karikaturist sieht auch dies. Er hat es nicht nötig einfach nachzusprechen was ihm andere vorsagen.
Asmodys 16.01.2016
2.
Zitat von michael.mittermuellerKarikaturisten sind auch nur Menschen. Und insofern können sie sich auch irren. Der Irrtum beim Abgasskandal ist, dass es hier um Erhlichkeit oder um die Sauberkeit der Luft geht. Beides würde ich eher als Argument nach außen sehen. Die Selektivität, mit der sich die US Regierung hier auf ein Deutsches Unternehmen stürzt, zumal eines dessen Fahrzeuge anerkanntermaßen zu den besten der Welt gehören hinterlässt bei mir einen schlechten Nachgeschmack. Und auch die Tatsache, dass jetzt Summen von bis zu 80 Milliarden als Strafe genannt werden, ein vielfaches des Umsatzes von VW in den USA ist in keiner Form zu rechtfertigen. Hier soll abgesahnt werden, und zwar in großem Maßstab. Eine Karikatur, die die Unverhältnismäßigkeit oder die Einseitigkeit der Maßnahmen gegen VW zum Gegenstand hatte habe ich bisher nicht gesehen. Das Land der SUVs und Trucks hat so einiges zu richten. Ob dabei VW mit seinen knapp 30 000 verkauften Dieselfahrzeugen wirklich ins Gewicht fällt, möchte ich bezweifeln. Frau Merkel und die EU Komission sollten sich von der scheibaren Moralität des Vorgehens der US Umweltbehörde nicht täuschen lassen. Es geht hier um Wirtschaftsinteressen. Und auch Herr Gabriel täte gut daran nicht ständig sein Fähnchen in den Wind zu hängen. Eines mag stimmen. Die Schummelsoftware ist ein Skandal. Bendenkt man allerdings die Skandale am Aktienmarkt der letzten Jahre, insbesondere die von US Amerikanischen Großbanken, dann frage ich mich wirklich, wer hat schlimmer gelogen und vor allem wer hat mehr realen Schaden damit angerichtet. Die Bankenkrise hat Millionen Menschen betroffen. Bei der Schummelsoftware steht der Nachweis eines echten Schadens noch aus. Ein guter Karikaturist sieht auch dies. Er hat es nicht nötig einfach nachzusprechen was ihm andere vorsagen.
"Die Selektivität, mit der sich die US Regierung hier auf ein Deutsches Unternehmen stürzt, ..." Die "Selektivität" liegt schlicht und einfach darin begründet, dass bisher, trotz inzwischen auch bei uns in Europa etlichen untersuchten Modellen, keinem anderen Hersteller nachgewiesen werden konnte, eine solche Software bewusst eingebaut zu haben. Und zudem wurde diese Tat vorsätzlich begangen, man hat gegen die Gesetze eines Staates verstoßen, die dieser nun ahndet. Erschwerend wurde auch noch jahrelang mit dem Zusatz "clean diesel" geworben, was eine zusätzliche Verbrauchertäuschung darstellt. So einfach ist es. "Die Bankenkrise hat Millionen Menschen betroffen. Bei der Schummelsoftware steht der Nachweis eines echten Schadens noch aus." Bankenkrisen betreffen Menschen aber nur finanziell... und nicht gesundheitlich. Nur weil die Langzeitschäden durch die überall in den Städten und Ballungsgebieten enstehenden, alarmierenden Grenzwertüberschreitungen von Ruß, Feinstaub und Stickoxiden, nicht sofort "als echter Schaden nachweisbar ist" (und nicht jeder Passant, nachdem ein TDI-Fahrzeug an ihm vorbeigefahren ist, das seine Abgaswerte um das 25-fache überschreitet, sofort tot umfällt... ), weil er uns alle und unsere Kinder nämlich erst in Jahren oder ein paar Jahrzehnten betreffen wird, ist er dennoch vorhanden. Natürlich spielt den Autoherstellern der Umstand vortrefflich in die Hände, das ein Betroffener seine Erkrankung in einigen Jahren unmöglich nachweisen kann. "... eines dessen Fahrzeuge anerkanntermaßen zu den besten der Welt gehören... " Das macht es umso erstaunlicher und unverständlicher, weshalb man technisch offensichtlich nicht in der Lage war, die Grenzwerte eines Staates auf legalem Wege einzuhalten? Wo doch die anderen Dieselanbieter auf dem US-Markt dies offenbar schaffen (BMW, Mercedes)? Davon abgesehen fehlt diesem Konzern natürlich noch einiges, um zu den besten der Welt zu zählen. In Deutschland mag dies für die Mehrheit der weniger versierten Bevölkerung unzweifelhaft "anerkannt" sein, wozu natürlich auch unsere einheimischen Beweihräucherungs-Medien fleißig ihren Anteil haben. In den USA jedoch mit Sicherheit kaum.
Asmodys 16.01.2016
3.
Zudem sollte man endlich den verharmlosenden Begriff "Schummel" durch den zutreffenderen Ausdruck "Betrug" ersetzen. Betrug, den man vornahm, um pro Fahrzeug einen geringen Betrag einszusparen, in der Hoffnung sich dadurch gewaltsam endlich den Titel "größter Hersteller der Welt" verleihen zu können und um den seit langen Jahren ausbleibenden Erfolg in den USA endlich um jeden Preis entgegenzuwirken, indem man den Amerikanern unbedingt Dieselmotoren schmackhaft machen wollte, die der dortige Kunde überhaupt nicht will.
rexsayer 16.01.2016
4. Wer kann von sich behaupten etwas von der verschlüsselten Software in seinem Windows Computer zu verstehen ?
Keiner außer Mr. Gates. Und so dürfte es bei VW gewesen sein. Eine Handvoll unter Anleitung von Herrn Piëch haben die ominösen Zeilen geschrieben. Versteckt unter Millionen Anweisungen. Ach könnte ich doch nur zeichnen.
zenfire 17.01.2016
5. interessant
Aha, die meiste Zeichner können also keine Autos zeichnen, wie man sieht. Schade dass sie es trotzdem versuchen. Üben soll helfen.
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