Fahrdienst für Schüler in Kalifornien Lassen Sie Ihr Kind ausliefern

Wer im Silicon Valley etwas auf sich hält, lässt seine Kinder im Van mit eigener Nanny durch den Tag kutschieren. Im Angebot enthalten: Totalüberwachung für Helikoptereltern.

Daimler

Aus San José berichtet


Morgens zur Schule, danach Musikunterricht und zwischendurch noch schnell zur Nachhilfe - wer Kinder hat, der braucht ein gutes Zeitmanagement. Erst recht, wenn er in den USA wohnt, wo die Entfernungen groß sind und der öffentliche Nahverkehr miserabel ist. Dort sitzen Eltern oft stundenlang im Auto und verdingen sich als Shuttle-Service, Arbeit und vor allem Familienleben leiden.

Es sein denn, man wohnt im Silicon Valley. Dort hat Mercedes den Fahrdienst Boost by Benz ins Leben gerufen und will damit das Mama-Taxi überflüssig machen. Statt die Kinder einzeln durch die Stadt zu kutschieren, werden sie von einer Art Sammeltaxi chauffiert, das man über eine App bucht.

Dafür muss man nach der ersten Anmeldung Start und Ziel eingeben und ein Zeitfenster von 20 Minuten für Abholung und Ankunft einräumen, erläutert Rasheq Zarif, der das Projekt mit einem Zweimann-Team binnen fünf Monaten entwickelt hat. Dann sortiert eine Software alle Fahraufträge, generiert und koordiniert die Routen und schickt einen der aktuell sechs Vans auf den Weg durchs Valley.

Der Haken: Man muss die Fahrten spätestens zwei Tage vorher anmelden. Spontan ist das nicht, räumt Zarif ein. Aber wer Kinder hat, kann sich Spontaneität ohnehin kaum mehr erlauben, hat er gelernt: "Viele Eltern planen ihren Alltag zwischen Klassenzimmer, Turnhalle und all den anderen regelmäßigen Freizeitaktivitäten zum Beginn des Schuljahres durch bis zu den Sommerferien." Und wenn sich doch mal was ändert, gibt es ja immer noch eine Hotline, bei der man auch ganz spontan um eine Fahrt bitten kann. Oder das Mama-Taxi muss doch wieder ran.

Live-Überwachung per App

"Natürlich könnten die Kids auch mit dem Schulbus fahren", sagt Chi Pak. Sie sitzt als "Concierge" in einem der bunt beklebten Sprinter, die jeden Tag von sieben bis sieben durch San José, Sunnyvale, Cupertino, Mountain View oder Palo Alto pendeln. Sie macht den größten Unterschied zu den gelben Schulbus-Riesen, die sonst durch die amerikanischen Vorstädte fahren. Klar, das Angebot des Boost-Bus ist auch allgemein etwas persönlicher. Er fährt von Tür zu Tür statt nur an zentralen Punkten zu halten, und steuert neben der Schule auch die Sportplätze, die Nachhilfe oder das Theater an.

Vor allem aber werden die Kinder im Boost-Bus von Profis wie Pak auch betreut. Sie holt ihre Fahrgäste an der Haustür ab und bringt sie bis aufs Schulgelände. Und wenn der kleine Jo mal wieder nicht pünktlich draußen ist, marschiert sie auch zum Klassenzimmer und achtet darauf, dass er seine Lunchbox nicht vergisst.

"Wenn man bedenkt, dass wir vor allem fünf- bis achtjährige Kids an Bord haben, ist das für die Eltern ein wichtiger Punkt", sagt Pak. So geben Mummy und Daddy zwar ihre Kids ab, aber nicht die Kontrolle. Wie es sich für Helikopter-Eltern gehört, behalten sie permanent den Überblick: "Wenn der Concierge die Kinder im Bus anhand der online hinterlegten Passfotos eincheckt, schickt er eine Kurznachricht an Mutti oder Vati, und wenn er das Kind am Ziel angibt, kommt die nächste Textbotschaft", erzählt Pak. Und wer zwischendurch in Sorge ist, kann den Van online tracken und seinen Weg auf dem Smartphone verfolgen.

Die kleinen lieben Boost, den großen ist der Service peinlich

Die Eltern seien begeistert von diesem Service, sagt Initiator Zarif. Bei den Kids jedoch stößt der Boost-Bus auf unterschiedliche Begeisterung, muss Concierge Pak einräumen. Während die kleinen Fahrgäste freudestrahlend einsteigen, sich an den Malbüchern und den Spielen freuen, mit denen ihnen die Mercedes-Nanny die Zeit vertreibt, wirkt der Schulbus mit der Anstandsdame bei den größeren bisweilen ein bisschen - na ja - uncool, sagt Pak und erzählt davon, wie ein Zwölfjähriger sie kürzlich gebeten hat, schnell noch um die nächste Ecke zu fahren, damit seine Kumpels ihn nicht aussteigen sehen.

Billig ist der Service nicht, räumt Zarif ein, die Einzelfahrt kostet 22 Dollar. Doch erstens gibt es, wie früher beim Stadtbus, virtuelle Abreißblocks: Sobald man Zehner- oder Zwanziger-Karten kauft, sinken die Preise kräftig. Und zweitens ist Geld im Silicon Valley kein Thema. "Immerhin gibt es auf der Welt nur noch in London, Tokio und New York mehr Superreiche als hier in der Bay Area von San Francisco", sagt Zarif.

Erfunden wurde das Projekt von Daimler-Team für Business-Innovations, das überall auf der Welt nach neuen Geschäftsfeldern im Bereich der Mobilität sucht und zum Beispiel auch Car2Go oder Moovel aus der Taufe gehoben hat. Binnen fünf Monaten aus dem Boden gestampft, laufen die Boost-Busse jetzt seit zwei Schuljahren, haben fast 10.000 Fahrgäste transportiert und werden jeden Tag von durchschnittlich 50 Kindern genutzt.

Während die Flotte im Silicon Valley weiter wächst, überlegt Initiator Zarif deshalb jetzt, wie er die Idee in die Welt tragen kann. Er will die Software-Plattform auch für andere Fahrdienste, etwa für Senioren oder Vorstädter, nutzen und hat bereits ein entsprechendes Pilotprojekt im Orange County südlich von Los Angeles gestartet. und er möchte die Boost-Busse lieber heute als morgen in andere Länder exportieren. "Das Interesse auch aus Europa ist groß", sagt der junge Mann.

Ob das Modell allerdings für Deutschland taugt, da ist sich Zarif noch ein bisschen unsicher. "Die Chancen für den Dienst sind umso besser, je schlechter der öffentliche Nahverkehr ausgebaut ist", sagt Zarif und müsste Standorten wie Berlin, Bremen oder Böblingen eigentlich eine Absage erteilen. Doch es gibt einen Indikator, der für das Gegenteil spricht, sagt Zarif: "Wenn man wissen will, ob das Projekt laufen würde, muss man sich nur mal nach der sechsten Stunde vor die Schule stellen und all die Mama-Taxis zählen. Dann weiß man sehr schnell, ob es einen Bedarf an unseren Bussen gibt."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frenchie3 23.11.2015
1. Klasse Idee
OK, das mit der Überwachung kann man auf die Spitze treiben - muß man jetzt aber nicht auch unbedingt Überwachung nennen. Letztlich gehen auch nicht mehr Infos an die Eltern raus als sie erfahren würden wenn sie die Kinder selber fahren, oder ??
vrdeutschland 23.11.2015
2. Ich sag's ja
Daimler scheint es gut zu gehen. Vielleicht auch zu gut. Wenn sich eine 'Innovations'- schmiede mit so einem Mist beschäftigen kann, hat man definitiv Personalüberhang.
Rido 23.11.2015
3.
Also wenn ich mir morgens/mittags die Busse in Hagen (Westf.) ansehe, dann sind die oft so voll, dass ich schon öfters mal nicht mehr reinkomme, bzw. der Busfahrer an Stationen gar nicht mehr hält, wenn keiner raus will. Zwar gibt es Einsatzwagen, aber die sind auch brutal voll. Von daher könnte ich es mir gut vorstellen, dass so etwas auch in den großen Städten im Ruhrgebiet klappen kann. Bzw. eine Art eines Taxiunternehmens, die mit Großraumtaxen nach Planung einen Service anbieten. Hier in der Gegend (s.o.) fahren ja schon ab teilw. 19:30 die "Nachtbusse".
Oskar ist der Beste 23.11.2015
4. autsch
und das in einem Land, in dem der Transport zur Schule traditionell für alle Kinder kostenfrei ist. Und ja die Örtlichkeiten im Silicon Valley sind sehr weit gezogen, aber es gibt Busse, ja auch Bahnen...man kann von San Jose mit dem Zug nach San Francisco fahren...was soll so etwas?
maxi.koch99 23.11.2015
5. Erinnert mich
an den DHL paketdienst. da kann man auch überprüfen wo die bestellung gerade ist und im blödsten fall verliert sie jemand. Schon paradox wie manche eltern ihre kinder wie wir pakete behandeln
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.