Zehn Tipps zum ersten Fahrrad So wird Radeln kinderleicht

Mit dem ersten Fahrrad gewinnen Kinder Freiheit. Doch ab wann sind die Kleinen dem Laufrad wirklich entwachsen? Und worauf kommt es beim Kauf an?

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Von Hans Dorsch


1. Ab wann sind Kinder bereit für ihr erstes Fahrrad?

Grundsätzlich gilt: Sobald das Kind will. Das ist häufig mit drei oder vier Jahren. Vorher können die Kleinen mit dem Laufrad schon das Balancieren lernen und Spaziergänge der Eltern beschleunigen.

Dennoch gibt es große Schwankungen. Manche probieren schon mit drei Jahren das Rad der Spielplatzbekanntschaft aus, andere düsen noch mit sechs Jahren lieber auf dem Roller herum.

2. Helfen Stützräder den Kindern bei den ersten Fahrversuchen?

Nein. Das Fahren mit Stützrädern ist eher kontraproduktiv. Kommen sie zum Einsatz, wird aus dem Fahrrad ein Dreirad, das Kind benötigt dann keine Balance mehr.

Wenn Ihr Kind schon Erfahrung mit dem Laufrad hat, ist der Umstieg aufs Fahrrad oft eine Sache von Minuten. Was neu dazukommt, ist das Treten in die Pedale. Stören diese bei den ersten Versuchen mit dem neuen Bike, sollten Eltern diese anfangs abschrauben und den Sattel niedriger stellen. Dann kann das Kind sich auf das Rollen konzentrieren. Wenn das klappt: Pedale wieder dran und los.

Fahrrad mit Stützrädern
imago/ Westend61

Fahrrad mit Stützrädern

3. Welche Ausstattung sollte das erste Rad haben?

Zum Lernen brauchen Kinder nur wenig. Joachim Schalke weiß, worauf es ankommt. Er war lange Jahre Verkehrssicherheitsberater der Polizei Köln und gibt in seiner Freizeit Fahrradkurse an Kindergärten. "Diese sogenannten Spielräder brauchen nicht viel mehr als zwei Räder und zwei Bremsen", sagt er. "Allerdings sollten die funktionieren, darauf ist unbedingt zu achten." Und sie dürfen beim Hinfallen nicht gefährlich sein. Mit dicken Gummiknäufen an den Lenkerenden, einem Polster über dem herausstehenden Vorbau in der Lenkermitte, und vor allem ohne scharfe Kanten werden ernste Verletzungen bei kleinen Unfällen durch wenige Extras verhindert. Schaltung, Licht, Parkstütze? Fürs Lernen überflüssig.

4. Sollte das Kinderrad eher eine Rücktritt- oder Handbremse haben?

Handbremse. Wenn Eltern ein neues Rad kaufen, sollte es keinen Rücktritt haben. Erstens wird das Kind früher oder später sowieso auf ein Fahrrad mit zwei Handbremsen umsteigen, zweitens ist es praktischer: Die Kurbeln lassen sich zum Anfahren in die richtige Stellung bringen und Bremsen aus Versehen, weil man in die falsche Richtung tritt, funktioniert erst gar nicht. Die Bremsgriffe müssen aber für Kinderhände angepasst sein.

Andererseits sind Kinder sehr flexibel und gewöhnen sich schnell um. Wenn Eltern also ein gepflegtes, gebrauchtes Rädchen mit Rücktritt bekommen, sollten sie es nehmen. Das raten auch erfahrene Radfahrlehrer.

5. Welche Ausstattung schreibt der Gesetzgeber für Kinderräder vor?

Sobald das Kind im Straßenverkehr unterwegs ist, muss das Rad der Straßenverkehrsordnung entsprechen. Das bedeutet, es benötigt - wie jedes Erwachsenenrad auch - zwei unabhängig voneinander funktionierende Bremsen, Rückstrahler vorne, nach hinten und an den Pedalen, außerdem eine Beleuchtung mit Dynamo oder Batterie. Dazu Speichenrückstrahler und eine "helltönende Klingel". Mittlerweile sind Akkubeleuchtungen so gut, dass sie wirklich empfehlenswert sind. Mit USB-Anschluss lassen sie sich einfach aufladen. Wichtig: "Eltern sollten den Kindern diese aber erklären und den Sinn vermitteln", meint Schalke. "Diese Sicherheit sollte Spaß machen - also nicht nur das Zwanghafte betonen."

6. Welche Extras lohnen sich in der Anschaffung?

Der Rest der Ausstattung sollte sich danach richten, was das Kind, beziehungsweise Eltern und Kind, mit dem Fahrrad vorhaben. Gepäckträger, Schutzbleche, Parkstütze - für den Schulweg mit Schulranzen sind das nützliche Extras.

Für größere Kinder empfiehlt sich eine Schaltung. Hierfür gilt: weniger ist mehr. Drei Kettenblätter vorne sind zwei zu viel. Eins vorne und 8 Gänge hinten sind völlig ausreichend und für Kinder viel leichter zu verstehen. Auch Nabenschaltungen sind im Alltag komfortabel, wiegen allerdings mehr als Kettenschaltungen und werden leider häufig mit Rücktrittbremse kombiniert.

Außer bei einem Mountainbike für den Sporteinsatz, hat eine Federgabel am Kinderrad nichts zu suchen. Sie ist überflüssig, selbst im Gelände. Breite Reifen mit entsprechend geringerem Luftdruck federn bei den kleinen Leichtgewichten besser und sparen jede Menge Gewicht.

7. Wie entscheidend ist das Gewicht des Fahrrads?

Mit jedem Kilo weniger macht das Radfahren mehr Spaß. Das weiß fast jeder aus eigener Erfahrung. Folgende Faustregel hilft beim Kauf: Das Rad sollte nicht mehr als ein Drittel des Kindes wiegen - weniger ist besser. Wer schon mal ein Hollandrad mit 25 Kilo eine Treppe hochgeschleppt hat (bei angenommenen 75 Kilo Körpergewicht), ahnt, wie ein Kind sich abmühen muss mit einem Rad, das mehr als die Hälfte seines Körpergewichts wiegt. Bis zum Schulalter können auf Extras wie Gepäckträger, Schutzbleche und Parkstütze verzichtet werden. Erst, wenn der Schulranzen aufs Rad muss, ist diese Ausstattung sinnvoll.

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8. Woran erkennt man ein gutes Fahrrad für Kinder?

Alle An- und Bedienteile wie Klingel oder Bremsgriffe sollten besonders griffig sein. Kinder sollten relativ aufrecht auf dem Rad sitzen, das erleichtert die Übersicht. Deshalb sollte der Lenker anfangs eher höher sein als der Sattel. Und damit der nicht zu weit vom Boden entfernt ist, befindet sich das Tretlager idealerweise unterhalb der Radachsen. Das lässt sich ganz leicht erkennen, indem man sich eine Linie von der Vorderrad- zur Hinterradachse denkt. Je tiefer der Punkt liegt, um den sich die Kurbeln drehen, desto besser. Die Kurbeln sollten kurz sein (etwa zehn Prozent der Körpergröße) und die Bremsgriffe gut erreichbar. Wertvolle Tipps zur richtigen Größe für Kinderfahrräder liefert auch die Internetseite Kinderfahrradfinder.

9. Welcher Kindersattel ist empfehlenswert?

Immer der, der am besten passt. Natürlich ist auf einem ordentlichen Kinderrad ein Kindersattel montiert, aber ob der auch zum Popo des Kindes passt, stellt sich oft erst nach den ersten Fahrten heraus. Oft findet sich - auch für wenig Geld - eine gute Lösung für das Popo-Problem.

10. Muss ein Kinderrad teuer sein?

Eine alte Rennradlerregel sagt: Kauf immer das teuerste Rad, das du dir leisten kannst, sonst denkst du bei jeder Fahrt daran, was dir entgeht. Auch Kinder freuen sich über ein leichtes, leichtlaufendes Rad. Die Anschaffung lohnt sich - selbst, wenn der Nachwuchs nach einem Jahr herausgewachsen ist. Kinderräder haben einen extrem niedrigen Wertverlust und lassen sich wieder gut verkaufen.

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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
der_prolet 09.08.2018
1. Etwas sehe ich irgendwie anders...
Erstens fand und finde ich die Rücktrittbremse ziemlich klasse und vermisse sie bei den Kettenschaltungen, kann also nicht verstehen, warum sie mit "leider" beschrieben wird. Zweitens sehe ich Schutzbleche nicht als optionale Extras "ggf. erst für die Schule". Kinder werden auch so durch Pfützen fahren, möglicherweise auch durch Regen. Drittens - sorry - Dynamo gehört dazu. Bei Sicherheit ist Autarkie für mich Trumpf. Ist aber lediglich meine Meinung, andere dürfen das gerne anders sehen.
hamburg_calling 09.08.2018
2. Kann ich nur zustimmen
Ein leichtes, sinnvoll designtes Kinderrad macht es den Kindern so viel leichter (kein Rücktritt, ergonomisch und vor allem sehr leicht). Bei uns und den Kindern der Nachbarschaft liegt das Woom 2-6 ganz weit vorne!
taekwonjoe 09.08.2018
3. Gewichtsangabe leider nicht realistisch
"Das Rad sollte nicht mehr als ein Drittel des Kindes wiegen" - Das wäre schön, scheint aber mir aber in der Praxis nicht realistisch. Mein Sohn wiegt aktuell ca. 17 kg und braucht jetzt sein nächstgrößeres Fahrrad. Kinderräder mit 6 kg gibt es mit 20 Zoll Rädern praktisch keine. Und wenn doch kosten diese speziellen Leichtbau-Räder zwischen 700,- und 1000,- EUR. Ein realistisches Gewicht inkl. Pedale, Schutzblech und Ständer liegt bei 20-Zoll-Rädern bei 8-10 kg. Und auch dann kostet so ein Rad neu gerne 400,- bis 500,- EUR.
hamburg_calling 09.08.2018
4. @2 schauen sie mal...
nach dem woom 4, das wiegt 7,6kg. Ihr Kind ist tatsächlich sehr leicht, was es noch schwieriger macht. Aber die Räder sind wirklich toll.
Lemjus 09.08.2018
5. Kind an die Macht
Lasst doch einfach das Kind entscheiden ob es ein Fahrrad mit oder ohne Rücktritt haben will.
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