Kinderflitzer-Wettrennen "Mein Bobby-Car fährt 103"

Er rast mit seinem Kinderflitzer, bis die Plastikräder schmoren: Raimond Oppel ist viermaliger Weltmeister im Bobby-Car-Fahren. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 35-Jährige über teures Tuning, Kopfarbeit - und sein Geschoss, das er mit Beton ausgegossen hat.


SPIEGEL ONLINE: Ihr Fahrzeug ist ziemlich werksgetreu - können Dreijährige Ihr Bobby-Car noch fahren?

Oppel: Fahren schon, aber nicht stoppen. Es rollt los, sobald es auf dem Boden steht. Und es ist schnell.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell?

Oppel: Meine Spitzengeschwindigkeit liegt bei 103 Kilometer pro Stunde auf einer Rennstrecke von rund 800 Meter.

SPIEGEL ONLINE: Das schaffen Sie aber nicht allein mit Beinarbeit?

Oppel: Die Beine klemme ich während der Fahrt waagerecht unter den Lenker. Ich liege flach wie ein Brett auf dem Bobby-Car. Schwung bekomme ich entweder auf der Startrampe, die bis zu fünf Meter hoch ist, oder auf der Rennstrecke. Einige Pisten sind aber so steil, die brauchen keine Startrampe, da geht es nur noch bergab.

SPIEGEL ONLINE: Mit über 100 Kilometer pro Stunde auf einem Plastikrutschauto 20 Zentimeter über dem Asphalt einen Berg hinunterzurasen, macht das Spaß?

Oppel: Und wie. Das Fahren am Limit hat mich immer gereizt. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich mir mein erstes Bobby-Car gekauft. Mit Freunden bin ich damit die Coburger Berge runtergedonnert. Natürlich auch mit Seifenkisten, Skateboards, Rollerskates und allem anderen, was Räder hatte. Wenn wir heute Spaß haben wollen, nehmen wir das Bockerl.

SPIEGEL ONLINE: Bockerl?

Oppel: Das ist quasi ein Inline-Skate mit Sitz und Lenker, oder wir fahren mit unseren Original-Bobby-Cars die Berge hinunter.

SPIEGEL ONLINE: Dann haben Sie also rund 20 Jahre Bobby-Car-Fahrpraxis?

Oppel: Nein, nein, lange war Pause. Aus einer Weinlaune heraus habe ich mich vor acht Jahren mit Freunden zum Bobby-Car-Fahren verabredet. Von dem Tag an trafen wir uns über Monate drei Mal pro Woche und fuhren die Berge hinunter.

SPIEGEL ONLINE: Halten die Plastikautos das aus?

Oppel: Unser Verschleiß an Rädern war enorm. Die Originale haben Plastikräder ohne Kugellager. Die erhitzen bei der Reibung, verschmoren und fallen ab. Deshalb sind wir öfter die 100 Kilometer zum Bobby-Car-Hersteller BIG nach Fürth gefahren, um Ersatzräder zu kaufen. Dort erfuhren wir von den Bobby-Car-Rennen. Ich meldete mich an und ging mit einem fast ungetunten Bobby-Car an den Start.

SPIEGEL ONLINE: Wie lief das erste Rennen?

Oppel: Es war unglaublich. Mein Bobby-Car wog drei Kilo, die anderen 40 Kilo. Ich hatte nur die Reifen ausgetauscht. Trotzdem schaffte ich es ins erste Drittel.

SPIEGEL ONLINE: Neueinsteiger mit ungetunten Autos haben also relativ gute Chancen?

Oppel: Heute nicht mehr. Die Entwicklung in der Szene rast. Wäre mein jetziges Car auf dem Stand von vor fünf Jahren, würde ich heute Mittelfeld fahren. Es ist wie in der Formel 1, ein richtiges Wettrüsten. Manche Fahrer stecken bis zu 5000 Euro in ihre Bobby-Cars, sie lassen in Werkstätten selbst entworfene Felgen aus Aluminium fräsen oder Bodenplatten per Laserstrahl zuschneiden.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Werkstatt tunen Sie ihr Bobby-Car?

Oppel: In meinem Wohnzimmer. Ich mache fast alles allein. Ich habe den Plastikkörper mit Beton ausgegossen. Es ist das kleinste Car der Szene und das Einzige mit Original-Bobby-Car-Teilen. Da steckt nicht viel Geld drin, eher Kopfarbeit. Ich setzte auf Aerodynamik, die richtige Gewichtsverteilung und meinen Instinkt.

SPIEGEL ONLINE: Und wozu rät Ihnen Ihr Instinkt?

Oppel: Eigentlich möchte ich dazu nichts sagen. Jeder macht aus seinem Tuning ein Geheimnis. Meine Freunde wissen nicht, welches Kugellageröl ich benutze, und ich weiß nicht, was die Alufelgen der Konkurrenz wiegen. Aber so viel verrate ich: Ich mache mir viele Gedanken über die Reifen. In der vergangenen Saison fuhr ich Longboard-Reifen aus den USA.

SPIEGEL ONLINE: Die sind extrem klein. Und grün.

Oppel: Und deshalb haben mich am Anfang meine Konkurrenten ausgelacht. Das ist aber immer so. Erst spotten sie, drei Rennen später fahren sie sie selbst.

ONLINE: Sie waren vier Mal Weltmeister, drei Mal Deutscher Meister und zwei Mal Europameister. Sie haben ihren Vorgänger übertrumpft, ihre Konkurrenten nennen Sie den Bobby-Car-Schumi. Wie finden Sie das?

Oppel: Ich bin ein großer Fan von Michael Schumacher, das ist ein Lob für mich.

SPIEGEL ONLINE: Schumachers Markenzeichen waren hohe Geschwindigkeiten in den Kurven, wo liegt Ihre Stärke?

Oppel: Durch die vielen Fahrten in den Coburger Bergen habe ich ebenfalls ein gutes Gefühl fürs Limit entwickelt. In manchen Kurven fliegt die Konkurrenz raus, und ich fahre sie, ohne zu bremsen. Obwohl meine Reifen dafür nicht geeignet sind, weil sie kaum Grip haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie setzen bei der Reifenwahl nur auf Geschwindigkeit?

Oppel: Genau, deshalb bin ich auf geraden Strecken extrem schnell. Die anderen Fahrer beschweren sich immer, dass sie bei mir nicht im Windschatten fahren können.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Oppel: Es gibt keinen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie Michael-Schumacher-Fan sind ...

Oppel: ... ist mein Traumauto ein Ferrari. Aber das ist wirklich ein Traum. Zurzeit fahre ich ein gelbes Mini Cabrio.

SPIEGEL ONLINE: Das ist schon eine andere Kategorie.

Oppel: Sag ich ja. Vorher fuhr ich einen Zweisitzer, einen Fiat-Barchetta.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie den verkauft?

Oppel: Das Bobby-Car passte nicht hinein.

Das Interview führte Andrea Reidl

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