Klassiker-Rallye Slowly Sideways: Die rasenden Rentner

Von Kai Kolwitz

Slowly Sideways: Rallye-Klassiker in der Eifel Fotos
McKlein / Sarah Vessely

Einmal im Jahr zieht es Rallye-Ikonen in die Eifel. Dann versammeln sich ehemalige Weltmeister und Hobby-Rennfahrer zu den Slowly Sideways - und lassen es mit den alten Kisten noch mal richtig krachen.

136 PS aus 1,3 Litern Hubraum. Im Vergleich zur Leistung heutiger Sportwagen wirken die Daten des alten Skoda 130 RS wie ein Witz. Doch wer das Glück hat, neben Matthias Kahle auf dem Beifahrersitz Platz nehmen zu dürfen, der lernt das wahre Gesicht des alten tschechischen Coupés kennen.

Denn dann schreit der Motor bei 8000 Umdrehungen, während der vielfache deutsche Rallye-Meister über abschüssige, kurvige, feuchte und enge Waldwege bügelt. Runterschalten, ein Griff zur Handbremse, schlagartig schlingert der Skoda quer in einem Höllentempo in eine 90-Grad-Abzweigung hinein, die nur unwesentlich breiter ist als das Rallye-Coupé selbst. Und Vollgas.

Bei all dem strahlt der Rallye-Profi eine geradezu beängstigende Gelassenheit aus. War da ein Pfosten? Steht der da immer noch? Anscheinend schon, auch wenn wir vor einer Zehntelsekunde noch frontal auf ihn zugerutscht sind. Wie überlebt man so lange mit diesem Fahrstil?

Wenig Haftung, viel Spaß

"Wir haben extra Reifen mit wenig Grip montiert", wird Kahle später sagen. "Wir wollten den Zuschauern ja auch etwas bieten." Und überhaupt sei man mit etwas weniger Drift vielleicht schneller: "Aber so macht es viel mehr Spaß."

Man darf davon ausgehen, dass der 44-Jährige ein Interesse daran hat, das Coupé heil zu lassen. Mit seiner Firma Kahle Motorsport hat er ihn gemeinsam mit Skoda aus alten Teilen originalgetreu aufgebaut - und viele Komponenten sind äußerst selten. Vorbild war das Auto, mit dem Skoda 1977 die Rallye Monte Carlo bestritt. Am letzten Juliwochenende fuhr Kahle damit auf dem Eifel Rallye Festival, einem Schaulaufen von rund 160 alten Rallye-Wagen.

Reinhard Klein hat das Festival organisiert. Und er weiß, wovon er spricht, wenn er alte Rallye-Zeiten beschreibt. "Die Veranstalter haben sich damals Strecken ausgesucht, die das Auto eigentlich gar nicht schaffen konnte. Die Aufgabe des Fahrers war es, es trotzdem irgendwie hinzukriegen."

Comeback eines Gruppe-B-Klassikers

Als Fotograf begleitete er die Rallye-Weltmeisterschaft durch die Ära, die heute als die größte gilt: Er lichtete brüllende Ford Escort und Opel Ascona im Drift ab, sah Anfang der Achtziger die Revolution durch die allradgetriebenen Audi Quattro, die Aufrüstung der Wettbewerbswagen zu den wild verspoilerten Monstern der Gruppe B mit Turbomotoren, Formel-1-Technik und mehr als 500 PS. Und er dokumentierte auch den Neuanfang mit zahmeren, seriennäheren Fahrzeugen und schließlich den durchorganisierten Kurzstreckensport der World-Rallye-Car-Ära.

Der Glanz der alten Zeit ist nun einmal im Jahr im Eifelstädtchen Daun zu sehen. Die 2013er Ausgabe fand am vergangenen Wochenende statt: Lancia Stratos, Renault Alpine, Peugeot 205 und Lancia Delta der Gruppe-B-Ära, der Subaru Impreza, der Colin McRae in den Neunzigern zum Weltmeister machte, der originale Paris-Dakar-Peugeot-405 von Ari Vatanen oder ein Citroën-DS-Prototyp aus den Sechzigern mit verkürztem Radstand für mehr Wendigkeit in Kurven: Auf kleinen Straßen und Feldwegen der Umgebung zeigen die Wagen, was sie können. Unter den Fahrern sind Altstars wie Walter Röhrl, Stig Blomqvist oder Björn Waldegård. Es riecht nach Benzin. Und es ist verdammt laut.

Dabei wollte Klein eigentlich nur Auto fahren: Anfang der Neunziger hatte er sich selbst einen alten Rallye-Wagen angeschafft, einen ausrangierten Austin Metro 6R4 der Flügelmonster-Ära. Doch wo fahren? Bei regulären Wettbewerben durfte der Wagen nicht starten. Der Fotograf kannte noch eine Handvoll andere Besitzer solcher Autos - und fragte bei der Hunsrück-Rallye an, ob man Lust habe, die Wettbewerbs-Oldtimer als Vorauswagen fahren zu lassen. Man hatte - und bei den Zuschauern wurden die Klassiker schnell zur Attraktion.

Bestzeiten interessieren hier niemanden

Aus den Anfängen entstand Slowly Sideways, eine Interessengemeinschaft der Besitzer und Fahrer von Rallye-Klassikern. Die Regeln lauten: Jeder Wagen soll entweder ein Original sein oder so originalgetreu wie irgend möglich auf den Rädern stehen, technisch wie optisch, bis hin zu den richtigen Sponsorenaufklebern auf den Flanken.

Und: Bestzeiten interessieren niemanden. "Denn dann gibt es keinen Anreiz bei der Technik zu schummeln", erklärt Klein, "und jeder fährt das Auto, das ihm gefällt, nicht das, das die besten Siegchancen hat."

So finden sich im Feld neben bekannten Größen à la Audi oder Porsche auch Exoten wie Mercedes Heckflosse, Moskwitsch oder Polski Fiat. Ein Trabant 601 im Rallyetrimm, der auf der letzten Rille um die Ecken fährt, bekommt ähnlich viel Applaus wie Walter Röhrl in seinem Weltmeister-Opel oder Björn Waldegård, der im wuchtigen Mercedes 500 SLC in der Eifel unterwegs ist.

Es sind auch Rallye-Exponate der siebziger und achtziger Jahre dabei, die in Afrika aufgespürt wurden, wo sie nach Rallyes einfach zurückgelassen wurden. Enthusiasten holten sie zurück und restaurierten sie, kein billiges Unterfangen. Ein originaler Gruppe-B-Prototyp kann Hunderttausende Euro verschlingen.

Eine klassenlose Gesellschaft

Trotzdem preist Organisator Reinhard Klein die Slowly Sideways als klassenlose Gesellschaft. Er meint: "Fangen Sie doch mit einem Mercedes 280 CE an. Den gibt es für ein paar tausend Euro zu kaufen - und viel hat Mercedes für den Rallye-Einsatz gar nicht verändert."

Die Organisation teilt sich Klein mit dem Motorsportclub Daun, rund 700 freiwillige Helfer sorgen dafür, dass an den Strecken alles glattgeht. Und die Zuschauer in der Eifel feiern jeden Wagen, der im Drift in die Kurve geht, egal ob 500-PS-Monster oder beherzt gefahrener Mini Cooper.

In Kahles Team denkt man derweil über rare Ersatzteile nach: "Die Bremsen vorne sind unglaublich selten", meint Jens Herkommer, der Mann für die Technik des Skoda 130 RS. Und den speziellen Zylinderkopf des Heckmotor-Coupés würde er am liebsten nachgießen lassen. Denn im Moment ist nur noch ein einziger bekannt, der nicht schon in ein Auto eingebaut ist - und das Coupé soll ja noch eine Weile laufen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
memento_mori 30.07.2013
einfach schön. ein Anachronismus, aber dennoch...
2. Was für eine Show!
senfaddierer 30.07.2013
Ein fantastisches Spektakel! Musik für die Ohren, die Autos ein Augenschmaus, der Fahrstil zum mit der Zunge schnalzen! Und ich höre schon die Kakophonie der versammelten grünen Intoleranz - was juckt's den Rallyefan...
3.
maxis.papa 30.07.2013
Schön, dass es solche Menschen noch gibt!
4. Bildunterschrift
Illya_Kuryakin 30.07.2013
Und natuerlich konnte sich der Autor den gehaessigen Kommentar zum Opel Manta nicht sparen... War vor meiner Zeit, aber heute waere ich schon froh es gaebe wieder ein heckgetriebenes, fahraktives Coupe ohne Schnick-Schnack dessen Grenzbereich nicht erst beim "Fuehrerschein-fuer-immer-weg-Tempo" anfaengt und fuer das man sich nicht auf ewig Verschulden muss. Ach doch... gibt's ja: Steht aber Toyota oder wahlweise Subaru drauf. Wink nach Ruesselsheim :-)
5. Walter flieg !!!
andreasposter 31.07.2013
Legendaeres Poster , geschwenkt von Fans am Col de Turini bei der Rallye Monte Carlo, als Roehrl den Quattro S1 fuhr. Eine verrueckte, wahnisnnig gefaehrliche, jedoch fuer wahre Rallyfans unwiederbringbare Aera - Gruppe B. Da gabs eine handvoll Fahrer, die einen S1, Lancia Delta S4, Metro R4 wirklich bewegen konnten... Niemand vorher oder nachher war so perfekt wie Roehrl, ein Asket, absoluter Perfektionist. Schoene Erinnerungen, ja ich weiss, die Zuschauer waren verrueckt, da sie nur Zentimeter von den Wagen entfernt waren, als diese "vorbeiflogen" und daher war das Ende der Gruppe B abzusehen. Aber was fuer ein Unterschied zur klinisch reinen Formel 1 - auch damals. Abgesehen davon - ein S1 oder Delta S4 hatte Servolenkung, Handbremse - aus, keine anderen Fahrhilfen, so ein Geraet an der Grenze zu bewegen, ja das war eine Kunst, die wie gesagt nur sehr wenige beherrschten....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Auto
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fahrkultur
RSS
alles zum Thema Motorsport
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 10 Kommentare
  • Zur Startseite
Facebook
Gymkhana-Star Ken Block


Aktuelles zu