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22. Mai 2012, 06:00 Uhr

Oldtimer

Tritt mich, ich bin ein Auto

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Die kleinen Flitzer, die Fritz Knothe aufwendig restauriert, haben es in sich: Bis zu 10.000 Euro sind seine Tretauto-Raritäten wert, mehr als 40 klassische Exemplare stapeln sich in seiner Garage. Wie macht man aus Spieleschrott wahre Kunstwerke?

"Feuerwehr" war eines der ersten Wörter, das Timo, der Enkelsohn von Fritz Knothe, aussprechen konnte. Das war vor vier Jahren, und seither hat sich das Leben des Pensionärs aus dem Westerwald grundlegend gewandelt. Denn Klein-Timo meinte damit nicht irgendein Tatütata-Gefährt, sondern ein Tretauto. Und das wollte ihm der Opa besorgen.

"Eine Plastikkarre aus dem Spielzeugladen kam für mich nicht in Frage," sagt der ehemalige Schweißer heute. Also zog er über Flohmärkte, stöberte durch Antiquitätenläden, inspizierte Schrottplätze und fand schließlich jenen metallenen Leiterwagen, der jetzt in seinem Garten steht und zum Grundstein einer imposanten Tretauto-Sammlung wurde.

Das Fundstück für den Enkel musste natürlich erst einmal restauriert werden. Je länger der stolze Opa an dem Wägelchen feilte, desto stärker spürte er, dass das mehr war als nur ein Zeitvertreib. Kaum war die Feuerwehr fertig, standen schon die nächsten Tretautos in der Garage. Der Nachschub kostete schließlich selten mehr als hundert Euro, und am Anfang war die Auswahl noch üppig.

"Vor allem in Frankreich und England wurden seit den zwanziger Jahren viele tolle Autos gebaut", sagt Knothe und nennt Markennamen wie Eureka, Naether, Tri-ang oder die Lines-Brothers. "Und auch aus Deutschland kamen mit Ferbedo oder den Autos des Teddybären-Herstellers Steiff tolle Modelle."

Jedes Tretauto erzählt eine Geschichte

Besonders stolz ist er auf den weißen Austin J40 aus den fünfziger Jahren, der mittlerweile wieder glänzt wie neu: Rotes Kunstleder ziert die Sitze, unter der Haube steckt neben den Pedalen noch das Imitat eines Vierzylindermotors, und sogar Licht und Hupe hat die Nobel-Miniatur, die einst als Beschäftigungsprojekt für Kriegsheimkehrer aufgelegt wurde und dann in alle Welt verkauft wurde.

Knothe kann stundenlang solche Geschichten erzählen. Es sind nicht allein die Autos, die ihn faszinieren, sondern auch die Storys dahinter. Zum Beispiel jene von dem schmucken Cabriolet, das eine jüdische Familie in Hamburg gekauft hatte, bei der Flucht vor den Nazis mit in die USA nahm und bei der Rückkehr nach Deutschland wieder mitbrachte - bis es auf verschlungenen Pfaden bis in Knothes Wohnzimmer im Westerwald kam.

Oder die von dem roten Rennwagen aus Italien, den er einem Gastwirt aus der Nähe von Fulda abkaufte. "Der hatte solch eine Angst vor Dieben, dass er den Wagen in Einzelteile zerlegt, in Luftpolsterfolie verpackt und in seinem Schrebergarten vergraben hatte", erinnert sich Knothe. Ehe das Geschäft besiegelt werden konnte, musste der halbe Garten umgegraben werden - und noch immer fehlt das Tretgestänge, weil sich der Vorbesitzer nicht mehr exakt an die Stelle erinnern kann, an der er es verbuddelt hat.

Fundgrube Internet

Für seine Leidenschaft schlug sich Knothe in der Garage schon manche Nacht um die Ohren, schleifte, dengelte, schweißte oder polierte. Und er kaufte auch nur für sein Hobby zum ersten Mal in seinem Leben einen Computer - und entdeckte das Internet für sich. "Auf Flohmärkten findet man solche Autos schon lange nicht mehr", sagt der Pensionär und berichtet von Chats und langem E-Mailverkehr mit Gleichgesinnten in der halben Welt.

Seine Tretauto-Sammlung füllt mittlerweile die Garage und verdrängt allmählich auch die vielen hundert Spielzeugautos, denen bislang das "Herrenzimmer", wie er es nennt, und die wenigen freien Ecken im Wohn- und Essbereich vorbehalten waren. Denn auch dort parken mittlerweile Pedal-Boliden.

Ein Faible für schrullige Autos hatte Knothe allerdings schon, bevor er die Mini-Mobile für sich entdeckte. Während eines Krankenhausaufenthalts bekam er eine Oldtimerzeitung in die Finger, sah dort zum ersten Mal einen Morris Minor und verliebte sich sofort in den Kleinwagen. "Kaum war ich aus der Klinik, habe ich mir so ein Auto besorgt, natürlich eines zum Restaurieren", sagt er im Slang seiner Dortmunder Heimat.

10.000 Euro für ein altes Spielzeug

Weil er als Schweißer und Techniker für Ölraffinerien und Pipelines in ganz Europa unterwegs war, entdeckte er überall Morris-Modelle und kaufte zügig eine ganze Flotte zusammen. "Ich war immer mit Anhänger oder Dachgepäckträger unterwegs. So, wie andere von ihren Dienstreisen Souvenirs mitbringen, brachte ich mir ein Auto oder zumindest ein paar Ersatzteile mit."

Irgendwann aber nahmen bei Knothe die Rückenschmerzen zu, die Arbeit an den Oldtimern fiel ihm immer schwerer. Und dann kam Enkel Timo. Knothe verkaufte bis auf drei Morris alle Oldtimer und verlegte sich auf Tretautos. "Die kosten weniger, brauchen lange nicht so viel Platz, und man kann an denen auch schrauben, wenn man es mal an den Bandscheiben hatte", fasst er die Vorteile seiner neuen Leidenschaft zusammen.

Wertvoll sind die kleinformatigen Flitzer trotzdem. Nachdem er einzelne Modelle zum Teil über mehrere Wochen restauriert hat, würden die jetzt je nach Modell und Typ zwischen 5000 und 10.000 Euro bringen, schätzt der Sammler.

Die Geschichte wiederholt sich

Es sind im Prinzip Kindheitserfahrungen, die Knothe zu den Modellen mit der einfachen Mechanik und den schlicht-schönen Formen hinziehen. "Als ich klein war, kam solch ein Spielzeug für uns einfache Leute nicht in Frage", sagt er, und genau deshalb umgibt er sich jetzt mit ihnen. Es sind die unerfüllten Sehnsüchte jener Zeit, die ihn heute in die Werkstatt treiben und dafür sorgen, dass es in seinem Wohnzimmer aussieht wie in einem Parkhaus. Denn dass ihn der wohlhabende Nachbarsjunge nie auf seinem Tretauto fahren ließ, das wurmt Knothe offenbar bis heute.

Und wenn er ehrlich ist, dann wiederholt sich diese Geschichte gerade mit verteilten Rollen. Denn der einzig Leidtragende seiner Leidenschaft ist ausgerechnet Knothes Enkel Timo. Denn der ist mittlerweile so groß und lebhaft, dass ihn der Opa mit den penibel restaurierten Tretautos lieber nicht mehr fahren lässt.

Ein Sammlerportrait von Fritz Knothe ist auch enthalten in dem Band "Traumgaragen Deutschland 2.0" von Fritz Schmidt junior, dem auch einige Fotos der Bildergalerie entnommen sind. www.traumgaragen.com

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