Konzeptauto Ascot Aus diesem Jaguar wurde ein Citroën

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: Aus einer italo-britischen Studie wird ein französisches Auto.

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Von Jürgen Pander


In den Siebzigerjahren herrschte im Automobildesign die Ära der Keilform, und der ungekrönte Herrscher der Keile hieß Marcello Gandini. Der Chefdesigner der legendären Carrozzeria Bertone entwarf unter anderem den Lamborghini Countach und den Lancia Stratos, zwei Autos, an denen man sich 40 Jahre später immer noch nicht sattgesehen hat. Und dann gab es da noch den Jaguar Ascot.

Der Ascot war ein Spätwerk der Keilzeit, 1977 wurde er auf dem Turiner Autosalon enthüllt. Bertone hatte in den Sechzigern und Siebzigern diverse Studien für Jaguar angefertigt, doch so kantig wie dieses viersitzige Coupé war kein Konzept davor geraten. Es schien, als habe Gandini die Form nur mit dem Lineal gezeichnet: Der Ascot war eine Ansammlung gerader Linien.

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Jaguar Ascot: Ein Spätwerk der Keilzeit

Der Kühlergrill beispielsweise erstreckte sich über die gesamte Frontpartie und bestand aus sechs horizontalen schwarzen Lamellen. Die Spoilerlippe der Frontschürze setzte sich fort bis um die vorderen Radhäuser, und die prägende Linie entlang der gesamten Fahrzeugflanke war eine kerzengerade schwarz gefärbte Sicke.

Die an sich simple Grundform wurde von einigen exzentrischen Details aufgelockert. Etwa von einem H-förmigen Aufsatz auf der Motorhaube, der sich von den Schlafaugen-Klappscheinwerfern bis kurz vor die Windschutzscheibe erstreckte. Oder von den halb verkleideten hinteren Rädern, der absurd großen Heckklappe und den auffälligen A-, B- und C-Säulen.

Bei Anruf Ascot

Der Innenraum des Rechtslenker-Unikats wiederum wurde konsequent auf Linie gebracht, es herrscht strengste Geometrie. Die Armaturentafel bestand aus einem einzigen extrem breit angelegten Rechteck, in dem alle Anzeigen und Bedienelemente versammelt waren, inklusive eines Autotelefons - 1977 noch ein Nonplusultra in Sachen Luxus. Der Rest des Interieurs war ein Traum aus rehbraunem Glatt- und Wildleder.

Außer dem Lenkrad und den Knöpfen am Radio war im Ascot fast alles im rechten Winkel geformt
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Außer dem Lenkrad und den Knöpfen am Radio war im Ascot fast alles im rechten Winkel geformt

Als Basisfahrzeug diente der Jaguar XJ-S, dessen Chassis um 20 Zentimeter gekürzt wurde. Darauf saß eine von Hand gefertigte Aluminiumkarosserie. Motorisiert war der Ascot mit einem 5,3-Liter-V12-Motor aus dem Jaguar-Arsenal. Bei seiner Premiere in Turin war der Wagen in blendendem Weiß lackiert. Erst später wurde dem Keil ein leicht unseriöser Goldton verpasst.

Design-Recycling für Citroën

Der Ascot blieb ein Einzelstück, Jaguar griff die ausgearbeiteten Designideen nie auf. Dank eines französischen Herstellers wurden sie dann später aber doch noch in einem Serienauto umgesetzt - wenn auch deutlich abgewandelt: Citroën präsentierte 1982 den BX, dessen Grundform der Karosserie und vor allem die Gestaltung des Hecks inklusive der teilverkleideten Hinterräder an den Keil der Briten erinnerten.

Verantwortlich für das Design der Mittelklasselimousine aus Frankreich: Bertone. Ein Beweis dafür, dass die Carrozzeria effizient arbeitete und kein Entwurf komplett im Papierkorb landete.

Comeback als Citroën BX - das Design des Ascot fand doch noch den Weg in die Serie, wenn auch etwas unspektakulärer
Citroen

Comeback als Citroën BX - das Design des Ascot fand doch noch den Weg in die Serie, wenn auch etwas unspektakulärer

Hätte Jaguar seiner Stammkundschaft mit dem Ascot ein paar Kanten zu viel zugemutet? Wahrscheinlich schon. 2011 gaben die Briten noch mal ein Konzeptauto bei den Italienern in Auftrag, heraus kam damals der B99, eine schnörkellos schöne Limousine mit leichtem Retro-Touch. Der Wagen wurde von vielen Seiten gefeiert, aber zur Serie reichte es für die Studie erneut nicht.

Ein Transfer einzelner Designelemente zu einem anderen Modell - so wie beim Jaguar Ascot zum Citroën BX - bleibt leider ebenfalls ausgeschlossen: 2014 musste Bertone Insolvenz anmelden.

Sie möchten noch mehr verrückte Entwürfe sehen? Hier sind weitere Konzeptautos, die für die Serienproduktion zu gewagt waren:

insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
spka 11.12.2017
1. Wirklich?
Wenn man es genau nimmt, basiert der Citroën BX auf den Volvo Tundra, ebenfalls eine Studie von Bertone. Die im Artikel zitierten Details der Studie, welche sich im BX wiederfinden, treffen auf fast alle Bertone Studien jener Zeit und reichen nicht aus, um eine direkte Verbindung herzustellen.
kaiserudo 11.12.2017
2. Der Citroën BX war ein wirkliche gutes Auto
Ich hatte einige dieses Modells. Da war einmal die Hydropneumatik die eine sehr gute Federung garantierte, gute Straßenlage und auch für Anhänger praktisch war. Dann der Leichtbau des Wagens dessen Motorhaube, Heckklappe und Dach und andere Verkleidungen teilweise aus Plastik war. Innen war fast alles eckig. D.h. Die eckige designlinie wurde konsequent weitergeführt. Ich mochte den BX sehr. Es gab ihn mit diversen Motoren und Ausstattungen. Auch als Kombi war er innen sehr geräumig. Die Vordersitze konnte man sehr gut einstellen. Die gti Fassung des Autos war in Kombination mit einer Automatik ein wirklicher Renner der jeden bmw oder Golf gti abhängte.
dangerman 11.12.2017
3. Stimmt nicht
Der BX ging nicht aus dieser Studie hervor, sondern aus dem Projekt „Tundra“, welches von VOLVO, als zu modern abgelehnt wurde.
112211 11.12.2017
4. Bx
Ich wusste gar nicht, dass der BX nur schlanke 900 kg auf die Waage brachte. Heutzutage sind selbst Kleinstwagen schon über 1000 kg schwer, was sich sehr, aber nicht nur, auf den Verbrauch auswirkt. Das wiederum ist doch der Dreh- und Angelpunkt der Krise der Motoren mit fossilen Brennstoffen.
gsabreakspecial 11.12.2017
5. Volvo Tundra und nicht Jaguar Ascot
.....ist der Entwurf, aus dem der BX hervorging. Wie schon gesagt wurde, gab es zu der Zeit eine Menge kantige Entwürfe von Hernn Gandini. Es gibt keine direkte Verbindung vom Ascot zum BX.
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