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29. Dezember 2012, 07:14 Uhr

Lamborghini Miura S

Griechische Tragödie in der Garage

Von Jürgen Pander

Aristoteles Onassis kennt man, Stamatis Kokotas eher nicht. Den schwerreichen Reeder und den griechischen Popstar verband Freundschaft, irgendwann schenkte Onassis dem Barden einen Lamborghini Miura S. Nach 40 Jahren tauchte das Auto jetzt wieder auf - in leider desolatem Zustand.

Als das englische Auktionshaus Coys Anfang Dezember zu einer Versteigerung in Kensington lud, wurde auch ein Auto angeboten, das Szenekennern die Sprache verschlug: ein Lamborghini Miura S in braunmetallic aus dem Baujahr 1969, Chassis-Nummer 3829. Vom Typ S wurden lediglich 140 Exemplare gebaut, und die Fahrzeuge, die bis heute überlebt haben, sind in der Regel piekfein restauriert.

Dieses Auktionsangebot jedoch sah aus, als sei es mal vom Laster gefallen - und zwar direkt in die Hände geschmackloser Tuner: Es trug vier gelbe Zusatzscheinwerfer vor der Frontschürze und ein schauderhaftes Lenkrad.

Das Auto wurde nicht versteigert. Bei umgerechnet rund 370.000 Euro hob kein weiterer Bieter mehr die Hand, mit mindestens 395.000 bis 460.000 Euro hatte das Auktionshaus gerechnet. Angesichts des ramponierten Autos ein mutiger Preis - andererseits hat der Wagen eine ziemlich abgedrehte Geschichte vorzuweisen.

In Kürze referiert geht die etwa so: Stamatis Kokotas war in den sechziger und siebziger Jahren der große Popstar in Griechenland. Sein bekanntester Hit "Stou Othona Ta Hronia" (etwa: In den Tagen König Ottos) erschien 1966. Noch heute sind beim Internetkaufhaus Amazon fünf Alben des Mannes mit den beeindruckenden Koteletten vorrätig. Außerdem beschäftigte sich Kokotas mit der Rennfahrerei; es gibt Quellen, die berichten, dass er einen BMW 2002 rasant zu bewegen wusste.

Als der Motor knirschte, verlor der Popstar das Interesse

Aristoteles Onassis, griechischer Reeder und Multimillionär, war ein großer Fan von Kokotas Musik und obendrein mit ihm befreundet. Als Zeichen seiner Bewunderung schenkte er ihm Anfang der siebziger Jahre einen Lamborghini Miura S. Der Lambo war einer der spektakulärsten Sportwagen seiner Zeit, ein nur von Könnern beherrschbares Autotier mit einem quer eingebauten 3,9-Liter-V12-Mittelmotor, der rund 370 PS entwickelte und den von Bertone-Designer Marcello Gandini geformten Keil auf rund 280 km/h trieb.

Kokotas nutzte das Auto offenbar ausgiebig, bis ihn 1972 ein Motorschaden bei einem Kilometerstand von knapp 84.000 Kilometern zu einem Stopp zwang. Der Wagen wurde damals in der Tiefgarage des Hilton-Hotels in Athen abgestellt, der malade Motor nach Sant'Agata zu Lamborghini verschifft - und das war's dann auch. Offenbar hatte der Sänger die Lust am Renner verloren, die Rechnung für die Reparatur jedenfalls wurde nie bezahlt, der Motor blieb in Italien und in einer griechischen Tiefgarage legte sich der Staub auf den Miura S.

Erst als im Jahr 2003 das Hilton Athen für die Olympischen Spiele im Jahr darauf renoviert wurde, fiel der Supersportwagen im Dornröschenschlaf wieder jemandem auf. Er wurde in eine andere Garage gebracht, und, wie es heißt, dort neben einem Mercedes 300 SL Flügeltürer abgestellt.

Ein Autokenner entdeckte ihn schließlich, und jetzt kümmert sich das Auktionshaus Coys um den Verkauf des Autos. Der instand gesetzte Motor ist übrigens schon wieder eingebaut. Ein neues Auktionsdatum indes ist noch nicht bekannt.

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