Spektakuläre Oldtimer-Sammlung: Ausverkauf im Motor-Märchenland

Von

VanDerBrink Auctions

Im Mittleren Westen der USA schlummert ein Schatz: 500 Oldtimer, über Jahrzehnte von einem Händler gehortet. Jetzt kommen sie unter den Hammer. Um einige davon werden sich die Bieter reißen: Denn die Wagen wurden noch nie gefahren.

Pierce ist eine 1700-Seelen-Gemeinde im US-Bundesstaat Nebraska. Mit der Ruhe wird es in dem Dorf aber bald vorbei sein, und schuld daran ist eine der Einwohnerfamilien: Die Lambrechts wollen sich nämlich von ihrer Autosammlung trennen. Und die ist eine Sensation. Nicht nur weil sie fast 500 Fahrzeuge umfasst, die alle zwischen 40 und 80 Jahre alt sind. Sondern vor allem deshalb, weil einige dieser Oldtimer weniger als fünf Meilen auf dem Tacho haben.

Ray und Mildred Lambrecht sind beide mehr als 90 Jahre alt. Gemeinsam führten sie ein halbes Jahrhundert lang ein Autohaus in Pierce, von 1946 bis 1996 verkauften sie Fahrzeuge der Marke Chevrolet. Laut Jeannie Stillwell, der Tochter der Lambrechts, war ihr Vater vor allem für seine fairen Preise bekannt. "Sein Slogan lautete 'It Will Pay to See Ray' (Es wird sich auszahlen, bei Ray vorbeizuschauen)", erzählt Stillwell. Sie kümmert sich nun darum, dass der riesige Fuhrpark ihrer Eltern versteigert wird.

Wenn ihr Vater ein so geschickter Verkäufer war - wieso haben sich dann so viele Autos bei ihm angehäuft? "Die meisten der 500 Wagen hatte er über die Jahre hinweg in Zahlung genommen", sagt Jeannie. Die Leute kamen demnach ins Geschäft ihrer Eltern, weil sie auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen waren - und als sie wieder hinausspazierten, hatten sie einen Neuwagen gekauft.

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Spektakuläre Oldtimer-Sammlung: Die schönsten Chevys aus Nebraska
"Dad ließ nicht mit sich handeln", erzählt Jeannie, "er nannte immer auf Anhieb den Preis, den das Auto wirklich wert war. 'Wenn sie es irgendwo billiger bekommen, sollten sie zugreifen', sagte er zu seinen Kunden." Offenbar wurde Ray selten unterboten, dafür gaben ihm umso mehr Leute ihre alten Autos in Zahlung.

Völlig verstaubt und trotzdem taufrisch

Damit lässt sich erklären, wie die schiere Masse an Oldtimern zustande kam. Doch die meisten der Wagen sind verrostet, viele verrottet. Die wirklichen Juwelen dieser Sammlung dagegen sind Autos, die zwar Jahrzehnte auf dem Buckel haben, aber beinahe jungfräulich sind. Autos wie der Chevrolet Cameo Pick-up von 1958, mit nur 1,3 Meilen (zwei Kilometer) auf dem Tacho. Oder der 1964er Impala, der bloß vier Meilen bewegt wurde. Oder eine Chevrolet Corvette, Baujahr 1978, ebenfalls mit nur vier Meilen.

Diese Autos bieten einen grotesken Anblick. Der Impala zum Beispiel ist außen mit Staub verdreckt, aber innen leuchten die Sitze in strahlendem Rot. Bei dem 58er Cameo wurden nicht mal die Fußmatten ausgelegt, sie sind hinter der Sitzbank verstaut. Lenkrad und Sitze sind zum Teil mit den Schutzfolien von damals abgedeckt. Und an den Seitenfenstern kleben sogenannte Manufacturer's Statement of Origin (MSO), eine Art Lieferschein des Herstellers Chevrolet. Das Papier ist völlig vergilbt.

Man muss sich das vor Augen halten: Diese Autos wurden in einer Zeit ausgeliefert, als Afroamerikaner in den USA ihre Sitzplätze in Bussen für Weiße räumen mussten. Und wenn sie jetzt versteigert werden, hat Amerika einen schwarzen Präsidenten. Während sich die Welt um sie herum fast 50 Jahre gedreht hat, blieben die Chevys einfach stehen.

Schwere Trennung

Laut Jeannie Stillwell war genau das der Plan ihres Vaters. "Er hat diese Modelle mit der Absicht bestellt, sie nicht zu verkaufen, sondern für sich zu behalten", sagt sie. Eine Wertanlage für die Zukunft, sozusagen. Nun wird sie eingelöst.

Bei der Versteigerung werden die Lambrechts ein Déjà-vu erleben: Die Bieter kommen zu ihnen, weil sie einen Oldtimer suchen - und wenn sie wieder gehen, haben sie im besten Fall einen Neuwagen erstanden. Denn diese Autos wurden noch nie zugelassen.

"Die Entscheidung, sich von den Wagen zu trennen, ist meinen Eltern nicht leichtgefallen", erzählt Stillwell. Mittlerweile wurde die Sammlung jedoch zu einer Belastung. Denn die meisten der 500 Oldtimer stehen auf einem großen Farmgelände außerhalb von Pierce. "In den vergangenen Jahren gab es immer mehr Ärger mit Dieben", sagt Jeannie.

Seine wertvollsten Sammlerstücke sperrte Ray Lambrecht in ein Backsteingebäude in Pierce. Aber selbst dort waren die Schätze nicht sicher. "Während eines harten Winters vor einigen Jahren ist das Dach des Gebäudes mal unter der Schneedecke eingekracht, und ein paar Autos haben was abgekriegt", sagt Jeannie Stillwell. Damals wusste die Familie, dass es an der Zeit war, über einen Verkauf nachzudenken - die alten Chevys waren lange genug gereift.

Eine Kleinstadt wird plötzlich berühmt

Die Versteigerung findet direkt vor Ort auf der Farm statt. Gut möglich, dass die zweitägige Auktion zu einem Woodstock für Nostalgiker wird: Außer den Wagen gehen auch Ersatzteile, Werbeplakate und Bedienungsanleitungen aus fünf Jahrzehnten an die Meistbietenden. In den USA berichteten viele Zeitungen, Fernsehsender und Blogs über die Lambrecht Auction in Pierce, laut Stillwell gibt es bereits haufenweise Anfragen - auch aus Südamerika, Europa und Australien. Ende September kommt die komplette Sammlung nun unter den Hammer.

Ein letztes Mal wird es dann "It Will Pay to See Ray" heißen.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. was soll man damit anfangen
emporda 01.08.2013
Ich war beruflich Forschungs- und Entwicklungsingenieur im Fahrzeubau. In den USA habe ich einen AMX-Javelin mit 6,6 Liter Motor, 340 PS und 25 Liter Verbrauch gefahren. Gas geben an der Ampel war nicht drin, der Wagen drehte sich 180° und verbeulte den Nachbarn. Die Bremsen waren ein Witz, ausreichend für einen Rollstuhl Nur wer genug Platz hat kann mit solchen Autos als Spekulationsobjekt etwas anfangen, eine praktisch Nutzbarkeit scheidet komplett aus. Alle 300 km ist der Tank für 100 € leer und bei 5,50 m Länge gibt es nirgendwo Parkpätze
2. @emporda:
Käfer63 01.08.2013
Völlig am Thema vorbei. Setzten 6. Aber Hauptsache mal was geschrieben, gelle? Als Altautoliebhaber finde ich den Bericht toll. Immer wieder schön zu sehen was doch noch für Schätze auf dieser Welt schlummern die irgendwann ans Tageslicht kommen.
3. Lustig
det-c 01.08.2013
Damals erschienen uns die Strassenkreuzer riesig, heute sind unsere Autos noch größer(insbesondere die Rentnerautos sprich SUVs). Eine aktueller 2-Sitzer wie Audi TT ist 1,84m breit, da war vor 25 Jahren das 5-Personen-Schiff Audi 100 deutlich schmaler. Fällt dem Designer nichts ein, macht er das Auto breiter und länger.
4. Darüber...
expendable 01.08.2013
...habe ich auf einer amerikanischen Seite (carsinbarns.com) was anderes gelesen. Der gute Mann stammte danach aus einer superreichen Familie und bekam die Chevy-Dealership gekauft, damit er was zu tun hatte und sich nicht langweilte. Geld verdienen mußte er nicht, davon war mehr als genug da. Und so fuhr er einmal pro Jahr im Herbst die nicht verkauften Autos aus dem Vorjahr auf eine der Familie gehörende Farm, stellte sie dort in den Scheunen und auf den Äckern ab, damit Platz für das neue Modelljahr frei wurde, und vergaß sie. Das ging mehrere Jahrzehnte so, nun ist die Farm offenbar endgültig voll. Und aus dem einstigen Schrott sind wertvolle Spekulationsobjekte geworden. Manchen läuft das Glück halt ständig hinterher.
5. Wo ist das Problem ?
bitdinger 01.08.2013
Zitat von empordaNur wer genug Platz hat kann mit solchen Autos als Spekulationsobjekt etwas anfangen, eine praktisch Nutzbarkeit scheidet komplett aus. Alle 300 km ist der Tank für 100 € leer und bei 5,50 m Länge gibt es nirgendwo Parkpätze
Seit wann zahlt man in den USA für 75 Liter Benzin umgerechnet 100 € ? Und ein gewöhnlicher heutiger amerikanischer Geländewagen kommt auch an die 5,5 m ran. Von den Pickups und Wohnmobilen mal ganz zu schweigen.
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