Abgesang auf Lancia: Mit Vollgas in den Tod

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Einst war Lancia so sportlich wie Ferrari und so edel wie Rolls-Royce. In den Achtzigern begann der Abstieg, zuletzt siechte die Marke nur noch dahin, jetzt schaltet Konzernmutter Fiat die lebenserhaltenden Maßnahmen ab. Zum Abschied erinnern wir an die spektakulärsten Lancia-Modelle.

Abgesang auf Lancia: Eine Marke stirbt Fotos
Lancia

Als Anfang der achtziger Jahre die große Motorisierungswelle in meinem Freundeskreis einsetzte, fand ich mich schnell in einer Außenseiterrolle wieder. Die meisten kauften Kleinwagen von Volkswagen, Opel oder Renault. Ich hingegen entschied mich gegen alle Vernunft für einen Citroën DS Familiale. Das Engagement dauert nur ein dreiviertel Jahr, dann waren meine finanziellen Ressourcen erschöpft, doch das Faible für eigensinnige Automobile blieb.

Klar, dass ich über kurz oder lang auch bei Lancia landen würde. Vor allem das kleine Fulvia Coupé hatte Grandezza, wie ich fand, mit einer gradlinigen Karosserie, filigranem Dachaufbau und noblen Materialien im Innenraum, der wegen der großen Fenster trotz der geringen Abmessungen luftig und fei wirkte. Auch was die technische Finesse betraf, stand er den Alfas kaum nach. Der kleine Zweisitzer ist zweifelsohne ein Highlight in meiner automobilen Ahnengalerie.

Er blieb allerdings der erste und letzte Lancia in meiner Garage. Einmal noch habe ich vorsichtig auf einen Delta Integrale HF geschielt, jenen aufgeblähten Kompakten, der damals mit Allrad-Antrieb und 200 PS starkem Turbomotor sämtliche VW GTIs seiner Zeit verblies. Eine vorsichtige Kalkulation der monatlichen Unterhaltskosten erstickte den Impuls jedoch im Keim. Theoretisch, wenn Geld keine Rolle gespielt hätte, wären auch Stratos und Thema 8.32 in Frage gekommen. Der kompromisslose Rallye-Seriensieger ist auf seine Weise ebenso faszinierend wie die schlichte Mittelklasse-Limousine mit dem Achtzylinder-Motor von Ferrari unter der Haube.

Nur drei bemerkenswerte Modelle in 30 Jahren

Drei Modelle also - mehr hat Lancia in den vergangenen knapp 30 Jahren an Legenden nicht mehr zu Stande gebracht. Die Marke kam zuletzt daher wie eine Diva, die meint, mit greller Schminke den unaufschiebbaren Zerfall aufhalten zu können. Jetzt versetzt ihr Fiat-Chef Sergio Marchionne quasi den Todesstoß. "Alles andere, was mit Lancia verbunden ist, wird künftig nur eine Operation von Chrysler aus den Vereinigten Staaten darstellen", erklärte der Fiat-Chef vor wenigen Tagen in einer Expertenrunde. Als eigenständiges Modell bleibe nur der Ypsilon erhalten.

Damit ist Lancia quasi tot, es wird jetzt nur noch das Markenemblem auf importierte Chrysler-Modelle gepappt. Es gibt keine aufregenden Cabrios mehr, keine bahnbrechende technische Neuerung und nicht die Spur mehr von der Noblesse, die die Marke einst zur Ikone italienischer Automobilbaukunst hat werden lassen. Denn das war sie mal - auch wenn die meisten Menschen das heute nicht mehr wissen.

Dabei hatten die Gründerväter Vincenzo Lancia und Claudio Fogolin mit technischen Innovationen wie der selbsttragenden Karosserie, seidenweich laufenden Motoren und Scheibenbremsen Meilensteine des Automobilbaus gesetzt. Das exaltierte Design der Lancias eroberte die Herzen der Schönen und Reichen. Greta Garbo zeigte sich gern im Lancia, ebenso wie Ernest Hemingway und Gary Cooper. Und nach dem Krieg auch Brigitte Bardot, Jean-Paul Belmondo, Marcello Mastroianni und viele mehr.

Als finale Großtat dieser Ära kann der Flaminia von 1957 gelten. Der Wagen war nicht nur in technischer Hinsicht auf Augenhöhe mit Ferrari oder Maserati, sondern beeinflusste auch das Design einer ganzen Reihe von Autos, die ihm folgten. Im Innenraum dominierten feine Teppiche, elegante Instrumente und Leder. Doch der Flaminia war spürbar teurer als die ebenfalls noblen Konkurrenten von Mercedes oder Jaguar. Die trafen überdies mit ihren wesentlich konventioneller gezeichneten Linien den Geschmack der Masse. Für Lancia blieb nur die exklusive Nische, wirtschaftlich tragfähig war dieses Geschäftsmodell nicht. Zuviel zum Sterben, zu wenig zum Leben.

Der Außenseiterstatus blieb, die Exklusivität ging verloren

Dann kam Fiat und sortierte Lancia in sein Reich ein, irgendwo neben Alfa Romeo und Klassen unter Ferrari oder Maserati. Für eigenständige Entwicklungen war kein Geld da, es lagen ja ohnehin genug Komponenten im Fiat-Regal. So diente die Fiat-Limousine Chroma als Organspender für den Thema und vererbte ihm damit gleichzeitig die miserable Qualität.

Den Y10 konnten die Markenstrategen zwar als noblen Kleinwagen positionieren und hatten eine Weile sogar Erfolg damit. Doch Hartplastik im Innenraum wo einst edle Hölzer zierten, schmutzanfällige Polster statt des edlen Leders von einst und ein Getriebe wie ein Germknödel hielten dem Premiumanspruch nicht stand. Als Designerstück funktionierte der Nachfolger des legendären A112 nur im Schaufenster.

Modelle wie der Dedra, der Lybra oder der Delta II setzten die unselige Tradition fort. Die Autos fuhren wie ihre Konzernbrüder von Fiat, sie sahen nur anders aus. Schräg. Der Außenseiterstatus blieb, zuletzt verkaufte Lancia von manchen Modellen weniger als tausend Stück in Deutschland. Auch der in den vergangenen Jahren eingeschlagene Weg, die von Konzernschwester Chrysler gebauten Fahrzeuge im Innenraum opulent zu veredeln, führte nicht zum Erfolg. Wie auch? Zu lange lagen die Zeiten zurück, in denen Lancia ein Luxushersteller war, der für höchste Qualität stand.

Der Schlussstrich ist in gewisser Weise konsequent. Vor allem, weil auch niemand die Frage beantworten kann, wofür die Marke eigentlich steht. Für eine Rückkehr in den exklusiven Zirkel der Elitehersteller ist es zu spät, dafür haben die Verantwortlichen das Image zu lange mit Brot-und Butter-Autos verschandelt.

Bliebe als Option noch der Weg ins darunter angesiedelte Premium-Segment. Doch das hat in letzter Konsequenz bislang nur Audi geschafft. Mit technischen Innovationen wie dem Allradantrieb, der Aluminium-Karosserie und akribischer Mühe um exakte Spaltmaße und saubere Verarbeitung. Vor allem stand ein Mann hinter dem Erfolg, der seine Vision rücksichtslos und mit der Energie eines Besessenen über viele Jahre hinweg vorangetrieben hat: Ferdinand Piëch. Einen Mann von seinem Schlag hat der Fiat-Konzern derzeit aber nicht unter Vertrag.

Und so wird die einst so strahlende italienische Marke nun zu Grabe getragen. Das ist traurig, aber hat mehr Würde als das Siechtum der letzten Jahre.

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1. Imkerfreund
kenterziege 09.11.2012
Zitat von sysopEinst war Lancia so sportlich wie Ferrari und so edel wie Rolls-Royce. In den Achtzigern begann der Abstieg, zuletzt siechte die Marke nur noch dahin, jetzt schaltet Konzernmutter Fiat die lebenserhaltenden Maßnahmen ab. Zum Abschied erinnern wir an die spektakulärsten Lancia-Modelle. Lancia - der lange Abstieg einer legendären Automarke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/lancia-der-lange-abstieg-einer-legendaeren-automarke-a-866058.html)
Mein Vater hatte in den 50er Jahren einen Imkerfreund, das heißt, sie teilten das gleiche Hobby. Dieser Imkerfreund war Dipl.-Ing. im Volkswagenwerk Wolfsburg. Auf mich - damals 15 - hat dieser Mann einen unheimlichen Eindruck gemacht. Dann zog er eines Tages nach Norditalien und ging zu Lancia. Ich werde nie die Begründung vergessen; "Bei VW verblöde ich - immer nur Rücklichter vergrößern - dazu braucht man nicht studiert zu haben. Lancia ist eine technisch interessante Firma!" Es wird interessant sein nachzuzeichnen, wie Lancia so langsam aber sicher zu Grunde gerichtet wurde. Die nächste Marke, mit der das passiert, wird Alfa sein. Im Grund ist die auch schon jetzt tot.
2. kein wunder
frenjes 09.11.2012
Zitat von sysopEinst war Lancia so sportlich wie Ferrari und so edel wie Rolls-Royce. In den Achtzigern begann der Abstieg, zuletzt siechte die Marke nur noch dahin, jetzt schaltet Konzernmutter Fiat die lebenserhaltenden Maßnahmen ab. Zum Abschied erinnern wir an die spektakulärsten Lancia-Modelle. Lancia - der lange Abstieg einer legendären Automarke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/lancia-der-lange-abstieg-einer-legendaeren-automarke-a-866058.html)
Sah im Sommer diesen Jahres einen Lancia Thesis in einer deutschen Innenstadt und kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß es das hässlichste Auto ist das ich bisher in meinem Leben auf der Strasse gesehen habe. Meine Freunde und ich hielten ihn zu erst für einen Chinesen, frei nach dem Motto andere Länder andere Geschmäcker. Wir waren doch ziemlich geschockt als wir feststellten, dass es sich um einen Lancia handelte.
3. Flickschusterei
schifahrer 09.11.2012
Sie sollten man Ihre Konkurrenz besser verfolgen, Fiat hat bereits am 02.11.2012 eine Ende von Lancia dementiert - auch wenn der derzeitige Zustand mehr als bedauernswert ist. Es gilt mal wieder: Schuster bleib bei einen Leisten!
4. Abgesang auf den Abgesang
dlmb 09.11.2012
Zitat von sysopEinst war Lancia so sportlich wie Ferrari und so edel wie Rolls-Royce. In den Achtzigern begann der Abstieg, zuletzt siechte die Marke nur noch dahin, jetzt schaltet Konzernmutter Fiat die lebenserhaltenden Maßnahmen ab. Zum Abschied erinnern wir an die spektakulärsten Lancia-Modelle. Lancia - der lange Abstieg einer legendären Automarke - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/lancia-der-lange-abstieg-einer-legendaeren-automarke-a-866058.html)
Ich hoffe, dass wir bald den Abgesang auf solche "Abgesang-Artikel" lesen können. Mir geht das arrogant-selbstverliebte Abgesang-Geschwurbel deutscher Journalisten bei Automobilthemen langsam furchtbar auf den Senkel.
5.
SirCadogan 09.11.2012
Also ich finde den Lancia Ypsilon sehr cool in der Aufmachung, wie er fährt kann ich nicht sagen. Irgendwie schade, ich hatte gedacht, Lancia könne sich mit Modellen wie diesen besser am Markt positionieren. Von der ruhmreichen Vergangenheit Lancias höre ich hier zum ersten Mal was. Aber wenn eine Marke stirbt, finde ich, sollte man ihr nicht allzu lange hinterhertrauern. Marken kommen und gehen, es gibt ja noch so viele andere.
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