Land Rover Prototyp 129: Der greise Riese

Von Tom Grünweg

Land Rover Prototyp 129: Das Relikt Fotos

Nur sechs Exemplare wurden gebaut, nur zwei davon sind erhalten. Das macht den Prototyp 129" aus den frühen sechziger Jahren zu einem der seltensten Land Rover. Nach zwei Jahrzehnten Stillstand bekam der raue Riese jetzt wieder Auslauf. SPIEGEL ONLINE saß mit an Bord.

Steve Kite sitzt in der zugigen Kabine des alten Land Rovers und schreit. Seine Stimme kämpft gegen den Sechszylindermotor an, dessen Lärm ungefiltert ins Wageninnere dringt. Kite ist Mechaniker aus dem Werksmuseum des britischen Allradspezialisten und kutschiert heute nicht irgendeinen betagten Geländewagen. Er sitzt am Steuer eines Prototypen, der wegen seines Radstandes von 129 Inch nur als 129er bekannt ist. Lang wie ein Laster und hoch wie ein Kleinbus ist der 129er die logische Weiterentwicklung dessen, womit Land Rover einmal begann: mit praktischen Nutzfahrzeugen fürs ganz Grobe.

So, wie der erste Land Rover eine Antwort auf den Jeep von Willys war, so war der 129er als Gegenentwurf zu amerikanischen Pickups gedacht. Als die Briten noch an Nutzwert statt an Glamour dachten, zu einer Zeit also, als Barbour-Jacken noch kein Modeaccessoire für Großstadt-Popper waren, sollte ein Auto mit noch mehr Nehmerqualitäten konstruiert werden. "Im Gelände war der erste Land Rover kaum zu schlagen. Aber die Transportkapazitäten waren für manche Jobs einfach zu gering", brüllt Kite. "Daher wurde das vorhandene Auto Anfang der sechziger Jahre einfach eine Nummer größer entworfen und es erhielt eine ordentliche Pritsche." Die Ladefläche ist beinahe groß genug, um einen normalen Land Rover darauf zu parken und kann selbst im härtesten Geländeeinsatz mit 1,5 Tonnen belastet werden.

Die Transportkapazität war vor allem für Ölbohrgerät gedacht. Der hochbeinige Laster sollte in arabischen Ländern zum Einsatz kommen, wo zu dieser Zeit immer mehr Ölquellen erschlossen wurden. "In dieser Region machte damals Dodge gute Geschäfte mit dem Power Wagon, und Land Rover wollte auch auf diesen Markt", referiert Kite die Genese des Geländegiganten. Dummerweise kam aus den Golfstaaten kein Auftrag, sondern eine Abfuhr, und die bedeutete das Ende des ambitionierten Pickup-Projekts.

Lediglich zwei Autos dieses Typs sind heute noch übrig

Einer der größten Land Rover der Firmengeschichte wurde so auch zu einem der seltensten. "Es gab damals nur sechs Prototypen, und lediglich zwei haben bis heute überlebt", sagt Kite und wischt schon wieder über die beschlagene Scheibe. Während vor dem Glas ein winziger Wischer gegen die Schlieren kämpft und durch die fingerbreiten Fugen des grob vernieteten Prototypen das Regenwasser in kleinen Sturzbächen eindringt, wünscht man sich ein wenig von dem Komfort, den heute beispielsweise das Modell Defender bietet: Sitzheizung, Lüftung Klimaanlage. Wer jedoch bei Schmuddelwetter den 129er bewegt, ist auf Schal und Jacke angewiesen.

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Leser-Fotos: Fragmente in Rost
Kite kommt ohne aus. Es ist wahrscheinlich der Stolz der ihn wärmt - darauf, dass der Wagen überhaupt wieder läuft. Fast 20 Jahre lang stand das Auto unbewegt vor dem Museum. Rost trägt der 129er allerdings kaum, die Karosserie besteht aus Aluminium. Doch der Lack ist stumpf, die Sitzbezüge spröde, und die Innenverkleidung hat der Zahn der Zeit von den Blechen genagt. Man hockt in dem Auto wie in einer beige beschichteten Konservendose und wird durchgeschüttelt.

Kite jedoch strahlt und ist bester Laune. In nur drei Wochen habe er den 129er wieder flott bekommen, erzählt er, während er vorsichtig über holprige Wege steuert. Sonderlich schnell ist er dabei nicht, denn es gilt, die labile Kupplung zu schonen. Der Allradantrieb ist auch noch nicht restauriert, und irgendwie hängt das Getriebe in der Geländeuntersetzung fest. Es ist also mehr ein Kriechen als ein Fahren. "Selbst wenn alles in Ordnung wäre mit dem Wagen, ginge es nur langsam voran", sagt der Mechaniker. Der Rover-Motor unter der Haube hat zwar sechs Zylinder und 2,5 Liter Hubraum. Aber 85 PS bei einem Gewicht von mehr als zwei Tonnen sind nicht, höchstens 100 km/h würde das Auto wohl bei guter Gesundheit schaffen.

Das Fahren mit dem Trumm ist aufgrund der schieren Größe gar nicht so einfach. Schon fürs Einsteigen braucht man Kraft und Geschick - so hoch ist der Wagen. Selbst Kite, fast 1,90 Meter groß, hatte mit den Dimensionen des Autos Mühe bei der Grundüberholung: "Als ich den Motor repariert habe, musste ich rings ums Auto Kisten aufstellen, damit ich überhaupt unter die Haube schauen konnte."

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1. Dagegen ist der Unimog
stanislaus2 15.01.2012
eine Landschönheit. Grausig. Und dann in rosa. Wie ein Elefant in Pumps.
2. ?
snickerman 15.01.2012
Zitat von stanislaus2eine Landschönheit. Grausig. Und dann in rosa. Wie ein Elefant in Pumps.
Wo soll das denn Rosa sein? Da würde ich an Ihrer Stelle schnell mal den Augenarzt aufsuchen.
3. in der Tat...
axelkli 15.01.2012
Zitat von stanislaus2eine Landschönheit. Grausig. Und dann in rosa. Wie ein Elefant in Pumps.
...pottenhäßlich, und nur 85 PS? Hihi, da lob' ich mir doch meinen Audi Q7 mit V12-Dieselmotor und 560 Pferdchen, damit kann ich so manchen Porsche von der linken Spur schubsen. Aber meistens machen die schon von alleine Platz, wenn das Trumm bei ihnen im Rückspiegel auftaucht.
4.
o--o 15.01.2012
Zitat von axelkli...pottenhäßlich, und nur 85 PS? Hihi, da lob' ich mir doch meinen Audi Q7 mit V12-Dieselmotor und 560 Pferdchen, damit kann ich so manchen Porsche von der linken Spur schubsen. Aber meistens machen die schon von alleine Platz, wenn das Trumm bei ihnen im Rückspiegel auftaucht.
du bist so toll! darauf kannst du wirklich stolz sein, viel mehr als auf die restauration eines wertvollen stücks technikgeschichte!
5. lol
gandalfthegreen 15.01.2012
Zitat von axelkli...pottenhäßlich, und nur 85 PS? Hihi, da lob' ich mir doch meinen Audi Q7 mit V12-Dieselmotor und 560 Pferdchen, damit kann ich so manchen Porsche von der linken Spur schubsen. Aber meistens machen die schon von alleine Platz, wenn das Trumm bei ihnen im Rückspiegel auftaucht.
Dann fahren sie mal mit ihrem V12 Q7 ins Gelände. Ne nicht eine Wiese. Richtig Offroad. Nach ein paar minuten sind die Monströsen 22" Alsufelgen (Stückpreis 4000€) verkratzt und verzogen, die Niederquerschnittreifen beschädigt und die drehen dank minimalem Profil einfach durch. Ich biete ihnen eine kleine Wette an. Ein Betagter Jeep Cherokee, vs ihr neuer Q7 Teilnahme am 24 stunden Rennen. 24 stunden offroad, so richtig, metertiefe schlammdurchfahrt, verschränkungen, heftige schläge. nach 1-2 runden ist ihr q7 schrott. aber wer mit seinem Q7 andere Atomobilisten wegnötigen muss...
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