Faszination Langstreckenrennen Meine Wahl? Qual! 

Veloclub Ratisbona e.V.

Brennende Oberschenkel, schmerzende Handgelenke und kaum noch Puste - Langstreckenfahrten sind für unseren Autor, Ralf Neukirch, die schönste Art des Radfahrens - nicht trotz, sondern gerade wegen der Quälerei.

In diesem Jahr hatte ich zufällig die Gelegenheit, mir einen alten Wunsch zu erfüllen: Mein Urlaub in Bayern fiel zeitlich mit dem Arber Radmarathon zusammen. Also fand ich mich an einem Sonntag im Juli um 6 Uhr morgens in Regensburg ein, um die Große Arberrunde zu fahren.

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  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Man kann nicht sagen, dass ich mich optimal vorbereitet hätte. Ich war am Vortag erst von einer viertägigen Hüttenwanderung in den Alpen zurückgekehrt. Ich musste um halb vier in der früh aufstehen, um rechtzeitig in Regensburg zu sein. Ich hatte meine Trinkflaschen vergessen und musste vor Ort hektisch neue organisieren.

Als sich das Feld pünktlich um sechs Richtung Bayerischer Wald in Bewegung setzte, spürte ich dennoch keine Müdigkeit, nur eine gewisse Nervosität. Knapp 250 Kilometer am Stück sind viel, aber das war nicht das Hauptproblem. Es lagen zusätzlich 3700 Höhenmeter vor mir. Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffen würde.

15 Kilometer lang rollten wir entspannt im Flachen dahin

Ich liebe Langstreckenfahrten. Sie sind mir von allen Möglichkeiten, sich mit dem Rad fortzubewegen, die liebsten. Damit bin ich nicht allein. In den letzten Jahren sind solche Touren immer populärer geworden.

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Langstreckenfahrten: Knapp 250 Kilometer auf dem Rad

Als ich mich in diesem Jahr in Berlin für einen 200-Kilometer-Brevet anmelden wollte, waren die Startplätze schon kurz nach Öffnung der Anmeldung alle vergeben. Brevets sind lange Fahrten über 200 oder mehr Kilometer, für die es ein Zeitlimit gibt. Für die 200-Kilometer-Strecke etwa beträgt es 13,5 Stunden. Für Verpflegung muss man selbst sorgen, die organisatorische Unterstützung ist zumindest bei den kürzeren Fahrten minimal.

Beim Arber-Radmarathon ist das anders. Die Strecke war gut ausgeschildert, es gab reichlich zu Essen und zu Trinken, Krankenwagen standen bereit und die Polizei sperrte an gefährlichen Kreuzungen die Straße.

15 Kilometer lang rollten wir entspannt im Flachen dahin, dann begann die erste von vielen Steigungen. Ich fühlte mich gut und überholte eine Reihe von anderen Fahrern. Das fand ich umso erstaunlicher, als viele Vereinstrikots trugen oder die Namen berühmter Rennen wie des Öztalmarathons oder des Maratona dles Dolomites auf ihren Rücken prangten. Ich war offensichtlich besser in Form als befürchtet.

Was mich rettete, waren die Verpflegungsstationen

Die Illusion währte etwa bis Kilometer 80. Dann begann der erste große Anstieg, von 450 auf 1050 Meter. Die Männer und Frauen, die ich überholt hatte, holten mich wieder ein. Sie hatten nicht die schwächeren Beine. Sie hatten sich die Fahrt klüger eingeteilt.

Langstreckenfahrten sind mindestens ebenso eine Sache des Kopfes wie der Beine. Ich keuchte die Hochstraße am Arber, des höchsten Bergs des Bayerischen Waldes, empor und versuchte, den Gedanken zu verdrängen, dass ich noch über 160 Kilometer und mehrere solcher Anstiege vor mir hatte. Das Wichtigste ist, sich die Strecke in kleine Portionen einzuteilen: 50 Kilometer - ein Fünftel ist vorbei; 125 Kilometer - die Hälfte ist geschafft. Das funktioniert im Flachen gut. Am Berg, wo ich für fünf Kilometer auch mal eine halbe Stunde brauche, kam die Methode an ihre Grenze.

Was mich rettete, waren die Verpflegungsstationen. Sie tauchten immer dann auf, wenn ich sie am dringendsten brauchte. Vor dem zweiten Anstieg nach 120 Kilometern etwa oder nach 170 Kilometern, als eine enorm steile Rampe wartete. Es gab an diesen Stationen viele freiwillige Helfer, die Brötchen schmierten, Kuchen oder Tomaten schnitten und Apfelschorle oder isotonische Getränke ausschenkten. Eine Langstreckenfahrt verursacht Durst und gewaltigen Hunger. Den kann man nicht nur mit Energieriegeln bekämpfen. So gut wie hier hat mir ein Käsebrötchen selten geschmeckt.

Der Arber-Marathon ist kein Rennen. Viele Fahrer plaudern miteinander und bleiben gern ein paar Minuten länger an den Verpflegungsstationen. Es kommt den meisten nicht auf Bestzeiten an. Ein netter Herr sprach mich auf mein Fahrrad an. Wir plauderten ein wenig, dann zog er davon. Im Zielbereich traf ich ihn zu einem Schwätzchen wieder.

Das Leiden gehört zum Rennradfahren wie die Perlen zum Champagner

Irgendwann muss man die Verpflegungsstationen leider verlassen. Meine Beine wurden schwerer. Ich fing an, im Kopf die "Kraniche des Ibykus" von Friedrich Schiller zu rezitieren. Das konnte ich zu Schulzeiten ganz aufsagen, unser Deutschlehrer hatte dafür eine Tafel "Ritter Sport Vollmilch-Nuss" ausgelobt. Ich kam nur noch bis zur dritten Strophe.

Die naheliegende Frage wäre natürlich gewesen: Warum tue ich mir das Ganze überhaupt an? Das ist eine Frage, die man sich als Langstreckenliebhaber nicht stellen darf. Solche Touren unternimmt man nicht trotz, sondern wegen der Quälerei. Wer lange Strecken fährt, der will die eigenen Grenzen austesten. Das Leiden gehört zum Rennradfahren wie die Perlen zum Champagner.

Das heißt nicht, dass es nicht viele schöne Momente gäbe. Die Abfahrten waren spektakulär, wir kamen an Landschaft und Dörfern wie aus dem Bilderbuch vorbei. Aber das Hochgefühl, das sich beim Langstreckenfahren einstellt, hat wenig mit diesen Genussaspekten zu tun. Es kommt aus einer Haltung, die der Radrennfahrer Theo de Roy einmal nach seiner Zielankunft beim Rennen Paris-Roubaix, einem der schwersten seiner Art, so beschrieben hat: "Es ist Schwachsinn, dieses Rennen. Du arbeitest wie ein Tier (....), du fährst in diesem Matsch, du rutscht aus. Es ist ein Haufen Scheiße." Auf die Frage, ob er noch einmal antreten würde, antwortete er: "Oh sicher, es ist das schönste Rennen der Welt!"

Bei der Zieleinfahrt habe ich Mühe, vom Rad abzusteigen

Ich muss zugeben, dass ich trotzdem während der Fahrt den ein oder anderen Zweifel am Sinn meines Tuns verscheuchen musste. Auch nach 180 Kilometern war ich mir nicht sicher, dass ich es schaffen würde. Die Schenkel brannten, mein Hintern schmerzte, die Handgelenke auch. Gott sei Dank fuhr ich nicht mein Rennrad, sondern mein Gravelbike, das ich sonst vor allem auf unbefestigten Wegen nutze. Es hat 47 Millimeter breite Reifen, wegen derer mich einige Mitfahrer bedauerten, die aber auf einer solch langen Strecke enorm komfortabel sind. Und es hat am Hinterrad ein großes Mountainbike-Ritzel, mit dem sich die Anstiege einfacher bewältigen lassen als mit einer Rennradübersetzung.

Als ich noch 40 Kilometer vor mir hatte, war ich mir endlich sicher, dass ich die Fahrt erfolgreich beenden würde. Es ging jetzt nur noch flach an der Donau entlang nach Regensburg zurück.

Bei der Zieleinfahrt hatte ich Mühe, vom Rad abzusteigen. Egal, es war ein wunderbares Gefühl, die Strecke geschafft zu haben. Die körperlichen Beschwerden verschwanden deutlich schneller als die Euphorie.

Langstreckenfahrten - Termine 2018

Datum Ort Länge
25.08.2018 Münz Night Ride. Koblenz 300 km
25.08.2018 Alpenbrevet. Andermatt (Schweiz) 264 km, 6831 Höhenmeter
26.08.2018 Leinewebertour. Laichingen (Baden-Württemberg) 202 Kilometer, 2548 Höhenmeter
26.08.2018 Bürener Klostermarathon. Büren (NRW) 205 Kilometer, 2800 Höhenmeter
01.09.2018 Bodenseemarathon. Altenrhein (Schweiz) 220 Kilometer
01.09.2018 Große Weserrunde. Rinteln (Niedersachsen) 300 km
02.09.2018 Schwarzwald Super! Rennradmarathon. Münstertal 260 km, 6500 Höhenmeter
02.09.2018 Öztaler Radmarathon. Sölden (Österreich) 238 km, 5500 Höhenmeter
02.09.2018 GFNY Deutschland. Hameln 167 Kilometer 2200 Höhenmeter
02.09.2018 Marathon to Hell. Hamburg 219 Kilometer
09.09.2018 Rostocker Radmarathon. Rostock 210 Kilometer, 550 Höhenmeter
15.09.2018 Von Britz zum Fläming. Berlin 202 Kilometer
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11 Leserkommentare
adgb 11.08.2018
womo88 11.08.2018
oicfar 11.08.2018
Papazaca 12.08.2018
t.a.edison 12.08.2018
solna 12.08.2018
Papazaca 12.08.2018
lupo62 12.08.2018
Ein netter Herr 13.08.2018
extra330sc 13.08.2018
besserbescheidwisser 14.08.2018

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