Kauf eines Transportfahrrads, Teil 1 Aus Lust zur Last

Mit einem Mal sieht man sie überall - Lastenräder sind in deutschen Innenstädten Trend. Unsere Autorin Margret Hucko will auch eins - aber die Auswahl ist groß. Welches Rad passt zu ihr?

Margret Hucko

Es muss da etwas geben, was die Medizin noch nicht entdeckt hat. Ein Hormon, das bei Schwangeren das Bedürfnis nach einem großen Auto sprunghaft ansteigen lässt.

Empirisch lässt sich die Existenz dieses neuen Neurotransmitters in meinem Freundeskreis klar belegen: Freundin M. erwartete ihr erstes Kind. Ihren Mini tauschte sie bald gegen einen BMW X5 ein. Freundin D. fuhr leidenschaftlich einen Volvo Amazon, den bald ein VW Bus ersetzte. C. wechselte vom Ford Focus Cabrio in einen Dacia Lodgy. Sie alle umnebelte die Sorge, der Kofferraum ihres alten Autos könnte den Kinderwagen nicht packen.

Auch bei meiner Schwangerschaft schien das Hormon, das aus kleinen Autos plötzlich große macht, seine Wirkung zu entfalten. Dabei fahre ich gar kein Auto, sondern Rad. Deshalb wuchs mit dem Bauch der Wunsch nach einem robusteren Bike. Ein Lastenrad muss her für den Kindertransport! Sozusagen der SUV unter den Fahrrädern, nur ökologisch tipptopp korrekt.

Fahrrad fahren liegt im Trend. In Deutschland legte die Zahl der verkauften Fahrräder und E-Bikes im Jahr 2014 im Vergleich zum Vorjahr um 7,9 Prozent auf 4,1 Millionen zu. Besonders Lastenräder sind beliebt, weil sie mit ihrer großen Ladekapazität von bis zu 300 Kilo den Alltag heldenhaft wuppen.

Sie kennen weder Parkplatznot noch Stau und belasten außerdem die Luft in den Städten nicht. Laut Angaben des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) spart ein Lastenrad, das 20 Kilometer täglich im Stadtverkehr bewegt wird, im Vergleich zu einem Kleinwagen 800 Kilogramm CO2 pro Jahr. Wenn das kein Argument ist.

Baby Henry bei der Sitzprobe im Butchers & Bicycles
Margret Hucko

Baby Henry bei der Sitzprobe im Butchers & Bicycles

Mittlerweile ist das Kind da, fast zehn Monate alt, aber das Lastenrad fehlt noch vor unserer Tür. Das liegt nicht zuletzt an der großen Modellvielfalt, die der Markt bereithält. Aber auch der Preis stellt mit durchschnittlich 1000 bis 3500 Euro eine Hürde dar.

Einen echten Gebrauchtmarkt gibt es für Lastenfahrräder noch nicht, dafür ist der Trend in Deutschland zu jung. Vor Bausätzen für dreirädrige Kindertransporter, die im Internet für einige Hundert Euro angeboten werden, warnt wiederum der VCD. "Mindere Qualität und Fehler beim Aufbau können Sicherheitsrisiken und einen reduzierten Fahrkomfort zur Folge haben", heißt es dazu beim VCD.

Wie viele Räder dürfen's denn sein?

Es gibt einspurige Lastenräder mit zwei Rädern, mehrspurige Lastenräder mit drei oder vier Rädern, mit Kisten aus Holz oder Kunststoff, mit E- oder Muskelkraftantrieb.

Die erste Entscheidung, die ich treffen muss, ist die zwischen einem einspurigen und einem zweispurigen Lastenrad. Dafür werde ich mir bei zwei Hamburger Fahrradläden zwei Modelle leihen, die unterschiedlicher kaum sein können. Das aus dem holländischen Bäckerfahrrad entstandene Backfiets ist der Klassiker unter den einspurigen Lastenrädern und das meistverkaufte Modell in den Niederlanden, es wird auch dort gebaut.

Das zweite Modell, das MK1 von Butchers & Bicycles, fährt mit drei Rädern und ist laut Aussage meines fahrradverrückten Manns "der heißeste Scheiß" derzeit. Das Trike mit der aufwendigen Neigetechnik kommt aus Kopenhagen und kostet mindestens 3500 Euro - nicht gerade ein Schnäppchen. Mit Elektroantrieb (MK1-E), den mir Nico Schütt, Fahrradmechaniker beim Fahrradladen Two Wheels Good in Hamburg, dringend empfiehlt, startet das B&B bei 5400 Euro. Aber Two Wheels Good will es ohne elektrische Unterstützung eigentlich gar nicht verkaufen - etwa 40 Kilo Leergewicht würden den Kunden nur frustrieren.

5400 Euro für einen Drahtesel? Bei Preisen wie für einen Gebrauchtwagen müssen selbst Zweiradbekloppte erst einmal schlucken. Fahrberichte der beiden Modelle werden folgen.

Die Modellauswahl der beiden Räder spiegelt die Marktmacht unserer Nachbarländer wider, aber auch deren Vorlieben: Amsterdam und Kopenhagen sind die Hochburgen des Lastenrads. "Das Dreirad ist ein bisschen beliebter in Dänemark, das Zweirad ist in Holland mehr verbreitet", sagt René Reckschwardt, Inhaber von Ahoi Velo Cargobikes, einem auf Transportbikes spezialisierten Radladen in Hamburg. Die Entscheidung zwischen zwei oder drei Rädern ist auch die erste, die ich beim Kauf eines Lastenrads treffen muss, sagt er.

Tolle Kisten: Links das Bakfiets aus Holland, rechts das B&B aus Dänemark
Margret Hucko

Tolle Kisten: Links das Bakfiets aus Holland, rechts das B&B aus Dänemark

Hm, kein Leichtes. Ein Rad mehr oder weniger, das ist fast ein Stück Lebensphilosophie: Zwei Räder erscheinen mir sportlicher. In meiner Vor-Sohn-Zeit liebte ich das Tempo auf dem Rennrad. Doch mit einem Kind verändert sich das Leben. Trotzdem soll meine Metamorphose zur Mutter nicht in einem kompletten Lebenswandel enden. Ein Dreirad erscheint mir wie Latzhose und Turnschuhe: praktisch, aber so gar nicht mein Stil.

Ein Dreirad ist zudem meistens schwerer, deutlich breiter und damit besonders in der Stadt unhandlicher. Abgesehen davon, dass die meisten Dreiräder aussehen wie zu groß geratenes Kinderspielzeug. Also nichts, womit ich mich als Erwachsene blicken lassen möchte. Doch dieses Argument immerhin entkräftet das MK1-E bereits im Prospekt. Drei Designer haben ein Trike entwickelt, das in seiner Reduziertheit so begehrenswert ist wie ein Stuhl von Arne Jacobsen.

Bleiben noch meine Bedenken hinsichtlich der Praktikabilität: Nicht, dass ich mit der ausladenden Kiste zwischen zwei Pfeilern stecken bleibe oder parkende Autos ramme. Für das Trike spricht, zumindest gefühlt, der Sicherheitsaspekt. Es ist bestimmt sicherer, wenn ich mein Kind in eine Kiste packe, die von zwei Rädern vorne gehalten wird statt nur von einem. Eine schwierige Entscheidung. Cargorad-Freaks besitzen deswegen manchmal sogar mehrere Lastenräder. Ein Rad mit drei Reifen für den Winter, eins mit zwei für den Sommer. Doch ein ganzer Fahrradfuhrpark ist mir definitiv zu teuer.

"Bei uns ist es oft so, dass die Frau drei Räder bevorzugt und der Mann zwei", sagt Nico Schütt von Two Wheels Good. "Die Frauen fühlen sich auf drei Rädern einfach sicherer", so Schütt. Am Ende bestimmt meistens der Elternteil, der mehr mit dem Fahrrad unterwegs sein wird. Mal sehen, wer bei mir zu Hause letztendlich die Entscheidung fällt. Denn mit dem Lastenrad wollen wir beide fahren, mein Mann und ich.

Um Trendsetter zu sein, sind wir spät dran. Die Renaissance der praktischen Fahrräder für die Familie begann in Kopenhagen in der Aussteigerkommune Christiania schon vor gut 30 Jahren. Dort wurde 1984 das Christiania-Bike erfunden - ein Lastenrad mit zwei Rädern vorne und einem hinten.

50 Prozent der Kopenhagener fahren laut der offiziellen Webseite Dänemarks täglich mit dem Rad, 25 Prozent aller Familien mit zwei Kindern nutzen die Lastenradvariante. Kopenhagen gilt deutschen Städten auch als Vorbild in der Radpolitik. In dem rot-grünen Koalitionsvertrag meiner Heimatstadt Hamburg steht, dass der "Radverkehrsanteil in den zwanziger Jahren auf 25 Prozent" gesteigert werden soll. Lastenräder sollen dabei eine entscheidende Rolle spielen. Künftig sollen sie auch in das öffentliche Fahrradleihsystem aufgenommen werden. So lange will ich nicht warten.




Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
farm123 05.12.2015
1. Ja, das Lastenrad
Bestimmt eine tolle Sache - aber in der Innenstadt? Begegnet mir in Berlin immer öfter - gerne auch in einer Einbahnstraße, gegen die Fahrtrichtung - am Lenkrad die Mutti die gegen die bösen SUVs hetzt.
sotomajor 05.12.2015
2. Kinder Kinder..
Der Esel sitzt meist vorne auf so einem Ding und hinten die Kinder. Man mag sich gar nicht einmal vorstellen, wie es wohl bei einem kleinen Aufahrunfall um die Kinder bestellt ist. Nein, diese Dinger gehören nicht auf unsere Strassen.
reifenexperte 05.12.2015
3. Eigentlich
müssten jetzt Autos in den Städten verboten werden und die Bundesregierung gibt 4000 € Zuschuss beim Kauf eines solchen Teils. Die sind sinnvoller, als Elektroautos, die nur den Schadstoffausstoss verlagern und sonst Blödsinn sind. Aber leider ist die Bundesregierung von der Autoindustrie gekauft und wird es deshalb nicht tun.
mikado17 05.12.2015
4.
Ist ja wohl klar, dass die auf keinen Radweg gehören!
territrades 05.12.2015
5. Rabeneltern
Vielleicht ganz nett um den Einkauf nach Hause zu fahren. Meine Kinder würde ich allerdings niemals in so ein Ding setzen - jede Kollision mit einem PKW ist der sichere Tod der Kinder.
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