Lastenrad Chike Liebeserklärung auf drei Rädern

Lastenräder sind meist groß, schwer und unhandlich. Ein Kölner Start-up hat nun den Gegenentwurf geschaffen: ein kleines, wendiges City-Lastenrad.

Fabian Hoberg

Von Fabian Hoberg


Die Bitte seiner Frau konnte Tobias Prager einfach nicht abschlagen. 2012 suchte sie ein stabiles, leichtes und wendiges Rad, mit dem sie die gemeinsamen Kinder würde transportieren können. Zwei waren schon auf der Welt, das dritte kündigte sich gerade an. Lastenräder gab es damals schon, aber die Modelle waren ihr allesamt zu schwer, zu groß und zu unhandlich.

Prager ist eigentlich theoretischer Physiker. Damals arbeitete er als Berater und nicht als Fahrradentwickler. Immerhin hatte er in seiner Jugend zumindest ein Liegerad aus Alu-Profilen gebaut - und er nahm die neue Herausforderung an. Er setzte sich an seinen Computer, zeichnete und rechnete einen Rahmen und entwickelte nach und nach ein Fahrrad.

Parallel pendelte er für seinen Broterwerb zwischen seinem Wohnort Leipzig und seinen Einsatzorten Frankfurt und Düsseldorf hin und her. Für seinen Geschmack und den seiner Frau: viel zu viel. Das Lastenrad könne doch sein neuer Job werden, dachte er und kündigte seine Beratertätigkeit. 2013 gründet der heute 44-Jährige mit seinem zehn Jahre jüngeren Bruder Manuel die Firma Chike (gesprochen: Tschaik) - eine Wortkombination auch Children und Bike.

Alternative zum Auto

Ihr Rad sollte kompakt sein und sich selbst in der Stadt wendig fahren lassen können - das war von Anfang an die Idee. Herausgekommen ist ein Lastenrad, das ohne Batterie etwa 30 Kilogramm wiegt, mit E-System sind es sechs Kilo mehr. Mithilfe der elektrischen Unterstützung beschleunigt das Chike flott auf 25 km/h, die Automatik wechselt dabei zügig die Gänge, der Fahrer kann aber auch selber schalten, wenn er mag. Die elektrische Unterstützung lässt sich variieren, vorgesehen sind drei Modi, nämlich Eco, Normal und Hoch. Je nach Strecke und Beladung hält die Batterie für rund 75 Kilometer.

Damit sein Lastenfahrrad als Alternative zum Auto taugt, haben sich die beiden Brüder einiges einfallen lassen. Die Version mit einer Sicherheitskabine bietet Platz für zwei Kinder, eines davon könnte sogar in einer Babyschale sitzen. In den optional erhältlichen Transportboxen mit Clipsystem lassen sich Einkäufe oder Spielsachen verstauen. Das Lastenrad nimmt vier Bierkästen auf, das Stauvolumen beziffern die Macher auf 210 bis 300 Liter. Das maximal zulässige Gesamtgewicht beider Versionen beträgt 200 Kilogramm. Die 94 lange und 72 Zentimeter breite Transportplattform des Chike e-cargo ist so konzipiert, dass sie möglichst vielseitig einsetzbar ist.

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Lastenrad Chike: Dreirad für die ganze Familie

Beim Chike mit E-Motor hilft ein Shimano-Steps-E-6000-System mit einer 418-Watt-Batterie bei der Tretarbeit. Hydraulische Scheibenbremsen vorn und hinten verzögern das Rad sicher. Das Neigefahrwerk lässt sich zum Beladen blockieren, damit der Vorbau nicht zu einer Seite abknickt. Bei der Fahrt dämpft die Federung schlechte Wege aus, ohne weich oder instabil zu wirken.

Es passt durch eine Standard-Tür

Größter Clou sind aber die Maße des Rads. Mit bis zu 1,92 Meter Länge und 73 Zentimeter Breite misst das Chike trotz des großen Transportvolumens deutlich weniger als die meisten anderen Lastenräder und kommt sogar noch durch eine Standardtür. Vor allem aber muss sich der Fahrer nicht umgewöhnen: Trotz Dreirad fährt sich das Chike so sportlich und intuitiv wie ein normales Fahrrad mit zwei Rädern. "Unsere Lastenräder sind nicht wartungsintensiver als normale Räder, denn die Neigungstechnik ist fast wartungsfrei", sagt Manuel Prager.

Den Rahmen lassen die Tüftler nach ihren Zeichnungen von einem Rahmenbauer in Taiwan schweißen. Antrieb und Bremsen stammen von namhaften Komponentenherstellern. Holzteile, Kabine und weitere Produktionsteile werden in Deutschland gefertigt. In der Nähe von Leipzig erfolgt die Montage.

Bis das erste Rad in den Verkauf ging, fertigten die Brüder viele Zeichnungen an und simulierten die Technik am Computer. Anschließend folgten mehrere Prototypen und Vorserienfahrzeuge für eigene Fahr- und Stabilitätstests an einem Institut für Fahrradtechnik. "Allein die Neigetechnik verlangte viel Rechenarbeit, die Suche nach geeigneten Produzenten für unsere Produktionsteile verschlang viel Zeit", sagt Manuel Prager.

Dass es fast fünf Jahre dauerte, bis das erste Rad 2017 endlich auf der Straße rollte, hätten beide am Anfang ihrer Arbeit nicht gedacht. Doch irgendwann war es fürs Aufhören zu spät. "Für uns war klar, dass es einen Markt für unsere Räder gibt, aber die positive Resonanz überrascht uns doch", sagt Manuel Prager. Er beendete für Chike nach seinem Referendariat seine Lehrerlaufbahn und verzichtet auf den sicheren Beamtenstatus.

Anhaltender Erfolg

Der Erfolg gibt den Brüdern Recht. Nach der Vorstellung auf der größten Radmesse Europas, der Eurobike 2017 in Friedrichshafen, erhielten sie sofort viele Anfragen von Händlern und Großhändlern, die weiter anhält. Sie erhielten mehrere Auszeichnungen, darunter gleich zwei Preise beim Start-up Cycling Pitch. Der Wettbewerb wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) unterstützt, um innovative Ideen rund ums Fahrrad zu fördern. Mittlerweile verkaufen rund 30 Händler ihre Räder in Deutschland und Österreich, der Vertrieb in Belgien, Niederlande und der Schweiz startet im kommenden Monat. Weitere Länder sollen bald folgen.

Auch wenn die Cargo-Version ohne Motor 3195 Euro und mit E-Motor 5195 Euro kostet, sind die Räder gefragt. Für die Kinderversion werden jeweils 300 Euro Aufpreis fällig. Viele Kunden leasen die Räder mittlerweile.

Seit 2012 gilt die Ein-Prozent-Regel von Dienstwagen auch für Fahrräder und E-Bikes. Einige Städte und Kommunen fördern sogar E-Lastenräder, wenn auch nur halbherzig. Denn die Gelder, die zur Verfügung stehen, sind gemessen am Bedarf viel zu gering bemessen. Die Förderung in Berlin war nach wenigen Stunden beendet, auch in Baden-Württemberg und Hannover hat sich der Fördertopf schnell geleert. Unter anderem bieten noch der Bund, München, Regensburg und Heidelberg Unterstützung an, teilweise nur für gewerbliche Besitzer. (Eine Liste aller Förderungen gibt es hier)

Für eines der Kinder von Tobias Prager kommt das Chike übrigens zu spät - es kann mittlerweile selbst Fahrrad fahren. Doch ab und an lässt es sich gern vom Erfinder oder seiner Frau durch die Gegend kutschieren.

Im Video: Die RADikalen

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
frenchie3 26.08.2018
1. Gar nicht übel
Ich kenne jetzt nicht die aktuellen Preise von Tuk Tuks aber eine Alternative dazu könnte das werden. Warum aber ist der Autor so wahnsinnig stolz auf das "minimalistische" Rücklicht?? Ist das so hell daß man das überbreite Rad auch als solches im Dunkeln, Nebel, Regen erkennt oder bleibt das dann drinnen?
lalito 26.08.2018
2. Wird Zeit . . .
Das ist doch mal eine gute Basis, um darauf aufbauend mit einer entsprechenden Hülle um den Fahrer trocken von A nach B zu kommen. Statt auf viereckige Zeitfresser zu starren, wieder Zeit zu haben um bspw. regional einzukaufen und die Welt direkt um einen herum im wahrsten Sinne des Wortes wieder zu erfahren - meinetwegen mit Ökostrom dann auch tatsächlich nachhaltig. Statt vier verchromter Endrohre mit den Features und Komponenten eines solchen Bikes angeben, macht m. E. richtig Sinn und gilt insbesondere für die kommenden Grauen mit ihren Tatoos und gefärbten Haaren . . . ;-)). . . da sind dann auch einige dabei, die in ihrer Stadt den Radwegeplanern so richtig Feuer unter'm Hintern machen können!!! Geht in die richtige Richtung, riesiger Bedarf ist da.
gelul 26.08.2018
3. Schlecht recherchiert
Übernehmen Sie eigentlich alles ungeprüft? Das mit der Breite ist nichts besonderes, die Kisten der meisten einspurigen Lastis sind schmaler als der Lenker, also über alles sind die so breit wie jedes normale Fahrrad. Und was das Chike angeht: Die Höhe der Ladepritsche ist definitiv ein Nachteil. Lieber ein kurzer Einspurer als so ein Schlaglochsucher.
Frida_Gold 26.08.2018
4.
Zitat von frenchie3Ich kenne jetzt nicht die aktuellen Preise von Tuk Tuks aber eine Alternative dazu könnte das werden. Warum aber ist der Autor so wahnsinnig stolz auf das "minimalistische" Rücklicht?? Ist das so hell daß man das überbreite Rad auch als solches im Dunkeln, Nebel, Regen erkennt oder bleibt das dann drinnen?
Wo ist das Rad denn überbreit, das ist doch nicht breiter als ein normales?
Carbonrad 26.08.2018
5. Stacheliger Blumenstrauss
Das Anbringen von Zugendkappen üben wir nochmal (Bild 17)... Jede alternative Transportmethode ist grundsätzlich gut, der hohe Schwerpunkt aber sicher nicht von Vorteil. Mein Yuba Mundo lässt sich richtig zackig bewegen.
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