Leben im Band-Bus Schwarzer Marmor auf dem Klo

Geht eine Band auf Tour, sind die Musiker meist mit einem Bus unterwegs, in dem sie essen, plaudern und schlafen können. Teilweise über Wochen leben sie auf engstem Raum. Da sind Mensch und Maschine gefordert. SPIEGEL ONLINE hat sich einen Tourbus genauer angeschaut.


Nach dem Konzert in der Hamburger Markthalle wollen die Musiker der belgischen Band Deus und die Mitarbeiter ihrer Plattenfirma noch etwas trinken gehen. Eine kleine Rock'n'Roll-Bar auf der Reeperbahn ist das Ziel. Sänger Tom Barman schlägt vor, den Bus zu nehmen. Nicht irgendeinen vom Hamburger Verkehrsverbund, sondern den Nightliner - das ist der Fachbegriff für Tourneebusse, die mit Betten ausgestattet sind. Während die Leute von der Plattenfirma es sich im hinteren Teil des Busses gemütlich machen, ziehen die Bandmitglieder weiter vorne, wo die Doppelstock-Betten installiert sind, frische Klamotten an. Es herrscht Chaos im Schlafabteil. Bettdecken, Kissen, Reisetaschen, Bühnengarderobe – das Leben auf engstem Raum geht mitunter ein wenig durcheinander zu. Und dass der Fahrer auf dem Weg zum Kiez einige Ecken recht schwungvoll nimmt, macht die Sache auch nicht besser.

Ein Nightliner ist wie ein zu Hause

"Während einer Konzerttournee ist der Nightliner Wohn- und Schlafzimmer, Rückzugsort und Therapiecouch in einem", sagte Tillmann Otto, deutscher Reggae-Sänger, in einem Interview mit der Zeitschrift "Vanity Fair". Entsprechend aufwendig und vielfältig sind die Busse ausgestattet. Jan Ahrens, Chef der Firma Red Car aus Quickborn, die Nightliner vermietet, zählt auf: "Cappuccino-Maschine, Mikrowelle, Flachbildschirm, Playstation 3 sowie eine HiFi-Anlage mit iPod-Anschluss sollten schon zur Einrichtung gehören. Außerdem sind die Betten in fast allen Bussen einzeln belüftet und jedes hat eine Standklimaanlage."

Gemütliche Atmosphäre und Behaglichkeit werden auch von Heavy-Metal-Rockern goutiert. Ahrens: "Die Bands wollen sich wohl fühlen, der Bus ist auf Tour wie ein zweites Zuhause." Basis der Nightliner sind konventionelle Busse – die dann zu überdimensionalen Reisemobilen umgebaut werden. "Ein solcher Aus- und Umbau dauert ungefähr vier Wochen, wenn alles gut läuft. Wichtig ist, dass alles haargenau zusammenpasst und ausreichend robust ist, denn der Ausbau muss eine Menge aushalten."

Schwarzer Marmor im Toilettenabteil

Lounge-Sitzecken aus Leder, elegante Dielenfußböden und Holzvertäfelungen an den Wänden – es darf durchaus luxuriös zugehen im Nightliner. Gerade ist bei Ahrens' Firma ein Doppeldeckerbus des holländischen Herstellers Van Hool in Arbeit, dessen Toilettenabteil mit schwarzem Marmor gefliest wird. Eine Dusche allerdings gibt es nicht in Ahrens' Bussen – die Wassertanks würden zu viel Platz benötigen. Dafür sind andere Extras möglich. Wenn es die Kunden wünschen, wird eine Bar installiert oder ein Separée abgeteilt. Ahrens hat Erfahrung: Bei ihm mieteten schon James Last, Die Fantastischen Vier, Motörhead oder Rammstein den Nightliner.

Nicht nur Komfort, sondern auch Sicherheit ist wichtig. Außer den jährlichen TÜV-Untersuchungen unterzieht Ahrens die derzeit 20 Nightliner seines Unternehmens alle drei Monate einer Sonderprüfung, bei der Bremsen, Stoßdämpfer und die Reifen inspiziert werden. Nicht alle Nightliner-Vermieter nehmen es dem Vernehmen nach so genau, was prekäre Folgen haben kann. Denn ohne Tiptop-Technik und einwandfreie Papiere fällt ein Bandbus mitunter der örtlichen Polizei auf. Bei der Kontrolle finden die Ordnungshüter dann nicht nur etwaige technische Mängel, sondern bisweilen auch halluzinogene Substanzen.

Beim Mietpreis gibt es kaum Grenzen

Wer bei Ahrens einen Nightliner mieten möchte, sollte für einen Singledecker mit bis zu zwölf Betten an Bord sowie einem 470 PS starken Motor pro Tag, inklusive Fahrer und Sprit, rund 600 Euro einkalkulieren. Wer mehr Platz braucht, sollte besser einen Doppeldecker mit bis zu 18 Schlafplätzen mieten. Der ist ab 950 Euro im Angebot. Mehrwertsteuer und Nebenkosten wie etwa Mautgebühren kommen noch dazu.

"Nach oben gibt es eigentlich keine Grenze, es kommt immer darauf an, was der Kunde wünscht", erklärt Ahrens. Bis sich ein Nightliner rentiert, muss er viel unterwegs sein, denn der Anschaffungspreis der fahrenden Herberge liegt bei rund 800.000 Euro. Nicht nur die Preise haben es in sich, sondern auch die Leistungsdaten eines Doppeldeckers. Der Setra S 431 DT etwa wird von einem Dieselmotor mit 16 Litern Hubraum und 503 PS angetrieben. Das maximale Drehmoment von 2300 Nm kommt auch mit üppiger Beladung klar.

Wie sonst im Alltag, kommt es auch im Bandbus unterwegs immer wieder mal zu Situationen, die vom Fahrer diplomatisches Geschick erfordern: Streitigkeiten zwischen den Insassen und Beschädigungen an den Ausbauten etwa. Viel unangenehmer findet Ahrens, was nach einem Konzert des amerikanischen Rhythm-&-Blues-Sängers Akon in Amsterdam geschah. Randalierende Fußball-Fans griffen den Nightliner an, schossen mit Leuchtspur-Munition auf den Wagen und bewarfen ihn mit Steinen. Der Nightliner wurde so stark beschädigt, dass er wegen der nötigen Reparaturen wochenlang ausfiel.

Die Band Deus hatte mehr Glück. Nach einigen Bieren und Spielen am Kickertisch war der Weg ins Bett für die Rocker nicht weit: Ihr Nightliner parkte direkt vor der Kneipe.

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