Ein Werk für die Ewigkeit zu schaffen - davon träumen nicht nur Dichter, Musiker oder Regisseure. Auch die Autodesigner sind von der Idee beseelt, als Schöpfer in die Geschichte einzugehen. Manchen gelingt das, Graf Goertz etwa mit dem 507 von BMW, oder Ferdinand Porsche mit dem 911er. Die DS von Citroën brauchte gar nur einen Auftritt auf der Autoschau in Paris 1956, um sich einen Platz in dieser Ahnengalerie zu sichern.
Doch mit schönen Autos ist es so eine Sache. Sie wecken Neugier, Begierde - doch verblasst die Erinnerung an sie schnell, wenn es nur bei den Äußerlichkeiten bleibt. Unter den Klassikern und Sammlerstücken gibt es deshalb noch eine weitere, ganz spezielle Gattung: jene, die in unserer Wahrnehmung irgendwann mehr sind als ein Auto. Durch die, gleichsam wie im Scheinwerferlicht, der Zeitgeist einer ganze Epoche sichtbar wird. Der Golf ist so ein Beispiel, der einer ganzen Generation seinen Namen gab.
Oral History: Jeder kann mitreden
Autos verkörpern Geschichte ungleich dichter als jeder andere Alltagsgegenstand - obwohl sie in der Geschichte, wie sie Historiker niederschreiben, nur in Ausnahmefällen auftauchen. Doch in der kollektiven Erinnerung gibt es eine ganze Ahnengalerie. In der der Deutschen eine andere als in der der Franzosen, und die ist wiederum anders als die der Italiener oder Schweden. Käfer, Ente und Isetta gehören jedenfalls ins Gedächtnis der Deutschen, wohl auch der Laubfrosch. Vollständig wird der Kanon ohnehin nie. Sie sind uns vertraut wie Goethe, Schiller oder Lessing - selbst bei jenen, die mit Autos wenig im Sinn haben. Man muss sich nicht einmal die Nase an der Seitenscheibe plattgedrückt haben, um mitreden zu können. Diese Art Kfz-Allgemeinwissen blüht, seltsam unbemerkt, abseits von den Planungen der PR-Abteilungen wie ein Schattengewächs.
Was also macht ein Auto zum Dauerparker in der Tiefgarage unseres Unterbewusstseins? Design und Stil spielen eine Rolle, ebenso Status oder eine Berühmtheit, die das Auto gefahren hat. Doch diese Begriffe und Kategorien sind zu eng verbunden mit Haute Couture und Snobismus. Zum richtiggehenden Artefakt wird dagegen, wer zur rechten Zeit am rechten Ort startet. Bessere Chancen als in Handarbeit kreierte Kunstwerke, wie die von Bugatti oder Rolls-Royce, haben Mobile für die Massen - wobei das keine Garantie ist, wie der Fiat 124 oder der Corolla von Toyota beweisen.
Der Käfer dagegen kam zum rechten Zeitpunkt. Er ist nicht besonders schön, keineswegs schnell oder sparsam, und technische Avantgarde kann er auch nicht bieten. Und doch verkörpert der noch zu Zeiten der Nazi-Herrschaft entwickelte Wagen die Aufbruchstimmung der fünfziger und sechziger Jahre wie kaum ein anderes Auto. Obwohl eher billig, steht er für neuen Wohlstand, für kleine Fluchten aus der Enge der familiären Wohnküche und die erste Sommerreise nach Rimini.
Ebenfalls als Symbol des deutschen Wiederaufstiegs geschätzt, dabei in unserer Vorstellung mit ganz anderer Bedeutung aufgeladen, ist der Mercedes-Benz Strich-Acht. Auch er transportiert weit mehr als Menschen, Möbel und Kisten voller Schallplatten. Der Status fährt immer noch mit, doch der ehrgeizige mittlere Angestellte hat den Wagen abgetreten an Freaks und Musiker, denen ihr Erscheinungsbild genauso wichtig ist wie vormals dem Abteilungsleiter.
Der Erstbesitzer hat mit dem Benz in den Siebzigern die Rüsselsheimer Hierarchieleiter verlassen - vom Kadett über Ascona und Commodore - und sich im Establishment festgesetzt. Die Generation der Söhne setzt mit verrotteten Strich-Achtern insgeheim den Protest gegen die da oben fort, die sie seit dem Stapellauf des Wagens 1968 so emsig bekämpften.
Traummaschinen ohne Bezug zum Alltag
Stilklassiker dagegen sind den Eingeweihten zwar noch immer ein Begriff, aber man verbindet mit ihnen nicht mehr als das Design selbst. Wie etwa bei Khamsin von Maserati, ein Traumwagen der Siebziger, und auch heute noch. Doch mehr? "Natürlich bleiben diese Autos im Gedächtnis", erklärt Klaus Weckler, Leiter des deutschen Automuseums Langenburg, das Phänomen. "Aber sie blieben für die Normalverdiener ein Traum, der mit ihrem Alltag wenig zu tun hatte." Ganz anders sei es hingegen, wenn er Besucher zu den Alltagsklassikern geleite. "Dann werde ich plötzlich zum Zuhörer der Menschen, die eine Geschichte mit diesem oder jenen Auto verbinden."
Der Volvo 244 ist so ein Beispiel: Begegnet man dem Schweden, poppen gleich die frühen Achtziger auf. Erinnerungen an die Schule werden wach, weil speziell Lehrer damit fuhren. Mit seinen kantigen Linien und den schweren Stoßstangen verkörperte er die Sachlichkeit jener Zeit. Lieblingsfarbe war passend dazu ein leuchtendes Orange, das fast so aussah wie der Signalton der gecrashten Vorserien-Brüder.
Ein wenig individueller trägt der Saab diesen Zeitgeist in sich, den eher linksliberale Leute fuhren, Menschen, die heute...genau: als Vernunftmenschen gar kein Auto mehr besitzen - die Mitarbeiter von Saab bekommen das derzeit stärker zu spüren als alle anderen.
Eine Ecke weiter im Gedächtnis weckt der Ur-Mini das Jahrzehnt davor. Geliebt und gefahren auf Rallyes und von Prinzessinnen, von Beatles und Punks, von Brigitte Bardot, aber auch von älteren Damen. Ein echter Grenzüberschreiter, so wie Pop, so wie die Sixties, als man aus Liverpool und der Arbeiterklasse stammte und trotzdem ein Hero werden konnte wie John Lennon.
Das Auto als Medium
Ebenso fest verankert in der kollektiven Psyche, wenn auch nicht ganz so bedingungslos geliebt, ist der Citroën 2CV. Jeder kennt die Ente, und für die meisten ist sie grün, blau oder rot-schwarz, auf der Heckklappe klebt ein großer Sticker, "Atomkraft? Nein Danke", und dann geht's ab nach Brokdorf. Kein Auto, sondern eine Lebenseinstellung, auch das Private ist politisch, serienmäßig statt mit ABS oder ESP.
Womöglich schaffte es die Ente gerade, weil sie auf alles verzichtete, was ein echtes Auto ausmacht. Citroëns DS kennt auch fast jeder, aber sie genügt sich mit ihrem faszinierenden Design und der avantgardistischen Technik. Man schaut auf sie und denkt vielleicht noch an die Champs-Elysées und den Eiffelturm. Doch das reicht nicht, um die DS dauerhaft im Unterbewusstsein neben den Grenzüberschreitern zu parken. Ebenso wie der 911 oder James Bonds Aston Martin DB5: zweifelsohne Klassiker, aber keine Autos, die mehr Geschichte in sich tragen als die eigene.
Weil Mobile für die Massen diese nicht planbaren Assoziationen so wunderschön einfangen, weil die Liebe in den Zeiten der globalen Krisen weiterhin blendet und bezaubert, zieht die Autoindustrie nach - mit Remakes wie dem Beetle, dem New Mini, dem Fiat 500 oder auch dem Ford Mustang.
Freilich ist das nur ein Recyceln von Lebensgefühl, Second Hand sozusagen. Vielleicht beschreiben sie unsere Enkel einmal als Symbole einer Epoche, die auf eine eigene Identität verzichtet hat - mal sehen.
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