Bergrennen Pikes Peak: Rekordjagd auf dem Spielplatz des Teufels

Aus Colorado Springs berichtet Tom Grünweg

Bergrennen Pikes Peak: Der Gipfelstürmer Fotos
Peugeot

Der Pikes Peak ist im Motorsport sagenumwoben. Am Viertausender in Colorado findet das traditionsreichste Bergrennen der Welt statt. In diesem Jahr will der Autohersteller Peugeot den Hang mit einem 875-PS-Wagen hochjagen - und dabei alle Rekorde brechen.

Morgens um fünf Uhr herrscht auf dem Spielplatz des Teufels noch friedliche Ruhe. Über den Plains von Colorado geht langsam die Sonne auf. Doch schon kurz darauf zerreißt das Gebrüll von 20 Rennmotoren die Stille - und es wird klar, warum der Devil's Playground, dieser Ort auf 3900 Metern am Pikes Peak, seine höllische Bezeichnung trägt. Von hier aus sind es noch etwa 400 Höhenmeter bis zum Gipfel. Tausend Meter weiter unten liegt der Startpunkt des Pikes Peak International Hill Climb: Dem berühmtesten Bergrennen der Welt.

Für das brachiale Getöse sind die Teilnehmer der 91. Ausgabe des Hill Climbs verantwortlich. Für sie hat an diesem Morgen die Generalprobe vor dem Rennen begonnen. Während weiter unten im Tal die Motorräder und Seitenwagen losstürmen, Elektrofahrzeuge ihren leisen Kampf gegen die Uhr starten und dazwischen ein paar Rennquads den Berg hinaufklettern, laufen sich weiter oben die Champions warm: Prototypen, die nicht für die Serie, sondern nur fürs Siegen gebaut wurden.

In einem von ihnen sitzt Sébastien Loeb, der im Programmheft als Rookie, also Anfänger, angekündigt wird. Eigentlich eine seltsame Bezeichnung für einen Fahrer, der seit fast zehn Jahren die Rallye-Weltmeisterschaft dominiert. Doch hier in Colorado ist der 39 Jahre alte Franzose tatsächlich ein Neuling. Nach eigenen Aussagen ist er aber ein Fan des Rennens, seit er das erste Mal das Video "Climb Dance" aus dem Jahr 1989 gesehen hat: Der Kurzfilm dokumentiert die halsbrecherische Siegesfahrt des Finnen Ari Vatanen in einem Peugeot 405 am Pikes Peak.

Deshalb musste Loeb nicht lange überlegen, als der Motorsportchef von Peugeot, Bruno Famin, ihm das Fahrzeug für die Rückkehr der Franzosen nach Colorado nach über 20 Jahren angeboten hat.

"Sébastien muss den Streckenrekord pulverisieren"

Auf dem Profi lastet nun ein gewaltiger Erwartungsdruck. Nicht nur, weil Peugeot auf dem Pikes Peak schon 1988 und 1989 gewonnen hat, sondern vor allem, weil ein Sieg allein nicht reicht. "Sébastien muss den bisherigen Streckenrekord förmlich pulverisieren, damit unsere Rechnung aufgeht", sagt ein Peugeot-Sprecher. Die Bestzeit für den Höllenritt liegt derzeit bei etwa 9,46 Minuten, der Amerikaner Rhys Millen stellte sie im vergangenen Jahr mit seinem umgebauten Hyundai Genesis Coupé auf.

Die Rechnung von Peugeot lautet so: Die Teilnahme am Pikes Peak soll die Wunden heilen, die das Aus in Le Mans hinterlassen hat. Aus Kostengründen strich der Konzern über Nacht das Engagement am 24-Stunden-Rennen. "Wir wollen hier endlich wieder Flagge zeigen", sagt Motorsportchef Famin, "und auf diesen Berg schaut am Wochenende die ganze Motorsportwelt."

Mit einem kleinen Team, wenig Geld - die Rede ist von einem niedrigen einstelligen Millionenbetrag - und noch weniger Zeit hat Famin das Projekt Pikes Peak gestemmt. Innerhalb von acht Monaten haben die Franzosen nur für dieses eine Rennen ein komplett neues Auto gebaut, das gewöhnliche Rallye-Wagen zu Spielzeugautos stempelt. Denn wo diese mit rund 300 PS auskommen, tobt im 208 T16 Pikes Peak ein 3,2 Liter großer V6-Turbo mit irrwitzigen 875 PS.

Damit beschleunigt der Rennwagen in 4,8 Sekunden von 0 auf 200 km/h und könnte mit der richtigen Übersetzung fast 350 Sachen erreichen. Dass am Pikes Peak schon bei etwa 250 km/h Schluss ist, liegt zum einen an dem für die kurzen Zwischensprints optimierten Getriebe und zum anderen an der Umgebung: Am Gipfel ist die Luft so dünn, dass nicht nur den Menschen, sondern auch den Turboladern das Atmen schwer wird. Die Motoren leisten im Ziel deshalb etwa 25 Prozent weniger als 1500 Höhenmeter weiter unten beim Start, erläutert Famin.

Angeben mit einer Mogelpackung

Bei der Namensgebung mogelte Peugeot beim 208 T16 Pikes Peak allerdings ein bisschen. Denn das Serienfahrzeug 208 GTI, von dem sich der Racer seine Bezeichnung leiht, ist höchstens ein entfernter Verwandter des Bergboliden. "Zwar hat uns der Designer des 208 beim Styling der Karbonkarosse geholfen", gibt Famin zu, "aber man wird im Rennwagen kein einziges Gleichteil finden."

Und trotzdem: Wenn Loeb tatsächlich einen neuen Rekord aufstellt - und die Trainingszeiten sprechen dafür - wäre das ein gewaltiger Imageschub, den die darbende Marke Peugeot gut gebrauchen kann. Und damit dieser nicht wirkungslos verpufft, haben die Franzosen fast eine Hundertschaft von Reportern eingeflogen.

Dieser PR-Rummel hat Tradition am Pikes Peak. Denn im Grunde ist das ganze Rennen seit je her nichts anderes als eine riesige Reklameveranstaltung. Schließlich wurde es 1916 nur deshalb ins Leben gerufen, weil findige Geschäftsleute auf die neue Straße aufmerksam machen wollten, die sie als Touristenattraktion auf den Berg gebaut hatten.

Asphaltiert läuft's besser

Der Berg ein Mythos, die Strecke eine Herausforderung und die Kosten für die Teilnahme überschaubar - vor diesem Hintergrund ist es sehr verwunderlich, dass sich in Colorado nicht mehr Werksteams engagieren und zum Beispiel die in den USA sonst so ehrgeizigen deutschen Hersteller mit Abwesenheit glänzen.

Stattdessen sind neben dem Peugeot in diesem Jahr nur noch zwei Elektroautos von Toyota und Mitsubishi mit Werksunterstützung am Start. Die meisten anderen der rund 160 Teilnehmer sind Privatiers und zahlen ihre Fahrzeuge aus der eigenen Tasche.

Das könnte sich allerdings ändern. Denn zu Zeiten, als Walter Röhrl auf dem Audi Sport quattro S 1987 als erster die Elf-Minuten-Marke unterbot, war die Piste noch weitgehend geschottert und eigentlich nur für Rallye-Autos zu bezwingen. Mittlerweile ist sie aber komplett asphaltiert.

Pikes-Peak-Cheforganisator Tom Osborne registriert deshalb ein gewachsenes Interesse bei den großen Herstellern: "Wir haben in diesem Jahr zahlreiche Beobachter aus der Autoindustrie hier, die sich für 2014 umschauen - denn je mehr asphaltiert wurde, desto näher kommen die Rennwagen den Serienfahrzeugen." Gut möglich, dass auf dem Spielplatz des Teufels bald noch mehr Krach herrscht.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass der Startpunkt des Rennens 400 Höhenmeter unter dem Gipfel liegt. Tatsächlich beträgt der Höhenunterschied zwischen Start und Ziel etwa 1400 Höhenmeter. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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1. An die Redaktion
trinityguildhall 29.06.2013
Es hat sich ein Fehler eingeschlichen. Oben heisst es: vom Startpunkt (auf 3900 Meter Hoehe) sind es noch 400 Hoehenmeter bis zum Ziel. Weiter unten heisst es, der Startpunkt ist 1500 Hoehenmeter tiefer. Alles sehr verwirrend, bitte Hoehe des Berges eintragen und den Fehler korrigieren.
2. ...
Dirk Ahlbrecht 29.06.2013
Zitat von trinityguildhallEs hat sich ein Fehler eingeschlichen. Oben heisst es: vom Startpunkt (auf 3900 Meter Hoehe) sind es noch 400 Hoehenmeter bis zum Ziel. Weiter unten heisst es, der Startpunkt ist 1500 Hoehenmeter tiefer. Alles sehr verwirrend, bitte Hoehe des Berges eintragen und den Fehler korrigieren.
Mein Favorit ist nach wie vor Walter Röhrl im Audi S1 - großartig!
3. 4,:8
-neutral- 29.06.2013
Sekunden auf hundert ist unlogisch. nichtmal ein Motorrad kann so schnell von 0 auf 200 beschleunigen.
4. Hals
Sabi 29.06.2013
Peugeot steht das Wasser bis zum Halse und macht monatlich 300 Mio € Miese, da haben sie nichts besseres um auf einem Halb-Kontinent Nord-Amerika, wo keiner sie kennt und sie keine Autos verkaufen soviel Geld für dämliche Rekorde zu pulverisieren. C'est fou !!!!
5. Elektroautos
wennderbenzbremst... 29.06.2013
Ich bin ja mal gespannt wie die Elektroautos abschneiden. Die sollten ja aufgrund der dünneren Luft im oberen Teil einen Vorteil haben. Wobei die 875 PS des Peugeot nur schwer zu schlagen sein dürften
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