Liegeräder im Test Fahren im Halbschlaf

Liegend durch die Welt fahren - diese Vorstellung begleitet unseren Autor seit Kindheitstagen. Jetzt, da der Rücken anfängt zu zwicken, hat er es erstmals gewagt und zwei Liegeräder getestet.

HP Velotechnik

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Als Kind, ich lag ein paar Tage mit Fieber im Bett und bekam ständig zu hören, ich müsse liegen bleiben, hatte ich einen Traum. Ich könnte liegend durch die Gegend radeln: durch das Dorf, in die nächste Stadt, um die ganze Welt. Das wäre zwar nicht ganz so schön, wie in einem Bett durch die Welt zu fliegen, wie Pippi Langstrumpf. Aber immerhin, fahren ist ja auch ganz okay. Ich stellte mir vor, mein Bett habe Räder und Pedalen.

Jahre später fielen mir Liegeräder auf: mit meist älteren Männern darauf, die sich relativ schnell fortbewegten. Ich fühlte mich an meinen Kindheitstraum erinnert: liegend die Welt zu erkunden. Aber da ich finde, dass Fahrradfahren nicht nur eine hocheffiziente und zugleich umweltschonende Fortbewegungsart ist, sondern auch eine ästhetische Angelegenheit, verwarf ich die Sache mit den Liegerädern sogleich. Irgendwie wirkten die albern auf mich. Mit meiner Wahrnehmung scheine ich nicht allein zu sein: Das Fahrrad feierte im vergangenen Jahr seinen 200. Geburtstag. Liege- beziehungsweise Sesselräder gibt es seit etwa 1890, durchgesetzt haben sie sich nie. Bis heute sind sie ein Nischenprodukt.

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Liegeräder: Halb über dem Boden

Weitere Jahre später, als nach einer längeren Radtour der Hintern wehtat und der Rücken zwickte, kamen mir diese Gefährte wieder in den Sinn. Sollten die nicht schonend für Po und Rücken sein? Ästhetik hin oder her, ich lieh mir zur Probe zwei Liegeräder: das Kettwiesel Spezial der Firma Hase Bikes aus Waltrop im Kreis Recklinghausen, ein dreirädriges Modell mit 20-Zoll-Rädern, außerdem eine Streetmachine Gte mit zwei Rädern (20 Zoll vorne, 26 Zoll hinten) von HP Velotechnik aus Kriftel bei Frankfurt am Main.

Einmal in Schwung, geht es mit Karacho voran

Um es gleich vorwegzunehmen: Das sind zwei grundverschiedene Fahrzeuge. Wer sich also für ein Liegerad interessiert, sollte sich gut beraten lassen, ausgiebig testen und sich klar werden, wozu er oder sie so ein Ding benötigt. Gemein haben sie nur, dass sie mir gleich auf den ersten Metern unmissverständlich klargemacht haben, dass meine Bauchmuskulatur mehr oder weniger verkümmert ist. Radelt man im Liegen - eigentlich sitzt man auf beiden eher -, werden zum Teil andere Muskeln beansprucht als beim normalen Fahrradfahren, unter anderem die Bauchmuskeln. Blöd, wenn man die ein paar Jahrzehnte nicht mehr benutzt hat. Aber gut, umso besser, dass man sie nun mit dem Liegerad zu neuem Leben erwecken kann. Ich verzichte daher auf den E-Motor, den es heute für nahezu alle Modelle gibt. Auf zum Sixpack!

Das Kettwiesel ist mit der dicken Bereifung eine Art Geländefahrzeug. Es macht Spaß, damit über Steine, Wurzeln und Schlaglöcher zu brettern. Auf Feld- und Waldwegen und auf Schotterpisten ist man gelassen unterwegs. Und da es ein Dreirad für Erwachsene ist, kann man einfach mal anhalten und in den Himmel gucken oder an einer schönen Stelle stehen bleiben und ein Buch lesen. Ideal ist es auch für Menschen, die sich auf einem normalen Fahrrad eher unsicher fühlen, weil es ihnen zu wacklig ist. Man sitzt etwa einen halben Meter über dem Boden, Gepäck kann man in einer eigens fürs Kettwiesel angebotenen Tasche mitnehmen. Gesamte Zuladung, also Fahrer und Fracht: 120 Kilogramm.

Gleichwohl: Das Gefährt selbst wiegt mehr als 30 Kilogramm, ist, je nach Größeneinstellung (die vordere Stange mit der Tretkurbel lässt sich je nach Beinlänge ausfahren) bis zu 2,21 Meter lang und hat mit etwa dreieinhalb Metern nicht gerade einen kleinen Wendekreis. Bis man also Fahrt aufgenommen hat, braucht man ein bisschen. Einmal in Schwung, geht es, Stichwort: Trägheit der Masse, mit Karacho voran.

Einfach nicht nach unten gucken!

Die Streetmachine Gte ist mit etwa 15 Kilogramm nur halb so schwer und verträgt nach Herstellerangaben 130 Kilogramm Gesamtlast. Und mit maximal 1,95 Meter Länge - auch hier kann man der Körpergröße entsprechend variieren - ist dieses Rad etwas handlicher. Allerdings birgt es für einen Liegeradanfänger wie mich eine ganz andere Herausforderung: die banale Tatsache, dass es nur zwei Räder hat, mithin einspurig ist, also umkippt, wenn man nicht tritt.

Was beim gewohnten Radfahren üblicherweise schon im Kindesalter nicht mehr der Rede wert ist, wird beim erstmaligen Liegeradfahren im mittleren Alter wieder zum Problem. Und so eiere ich herum, bete vor jeder Ampel, dass sie nicht rot wird, damit ich nicht halten und, noch schlimmer, wieder losfahren muss. Ich bilde mir ein, dass andere Verkehrsteilnehmer mich anstarren und auslachen. Ich finde heraus, dass man nicht in zu niedrigem Gang starten sollte, sonst nimmt man nicht schnell genug Fahrt auf und fällt um, aber auch nicht in zu hohem Gang, denn so viel Kraft bringt man aus dem Stand heraus nicht auf. Die Startversuche gelingen, aber elegant sieht anders aus.

Nach ein paar Kilometern hat man sich an das neue Fahrgefühl gewöhnt. Wie überall macht Übung den Meister. Ebenso verdrängt man, dass die Bremsscheibe kreissägenähnlich wenige Zentimeter vom Schritt entfernt rotiert, während man rasend schnell dahingleitet. Einfach nicht nach unten gucken! Die Streetmachine Gte ist ein Gleiter, ein Reisemobil, das übrigens, anders als beim Kettwiesel, mit handelsüblichen Gepäcktaschen bestückt werden kann.

Bei Langstrecken bleibt man von Druckstellen und sonstigen Blessuren verschont

Die Nachteile von Liegerädern gegenüber einem herkömmlichen Rad liegen auf der Hand: Liegeräder sind schwer und, wenn man sie schieben muss, unhandlich. Sie anzuschließen, ist umständlich. Im Stadtverkehr vermisse ich die gewohnte Wendigkeit. Und egal, was Studien sagen und wie hoch das Fähnchen hinten reicht - ich fühle mich tiefergelegt nicht sichtbar genug für Autofahrer und bekomme deren Abgase stärker ins Gesicht geblasen. Ein Ersatz für ein Alltagsrad in der Stadt kann keines der beiden Modelle sein - und vermutlich auch kein anderes Liegerad.

Wer aber ein Fahrzeug für längere Strecken durch Wald und Wiesen sucht oder gar ein Weltreisemobil, ist mit dem einen oder anderen Modell gut bedient - vor allem, wenn man seinen Rücken und seinen Hintern schonen will. Bergauf bekommt man zwar im Sitzen nie die Kraft in die Pedale, die man beim normalen Rad erreicht, wenn man aus dem Sattel aufsteht und im Wiegetritt fährt, aber dafür bleibt man auch bei Langstrecken von Druckstellen und sonstigen Blessuren verschont.

In zehn Jahren denke ich noch einmal drüber nach.



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Papazaca 02.06.2018
1. Sorry, das hört sich alles sehr komisch an
Ein Kumpel von mir arbeitet in einem Liegeradladen in Mainz. ich selbst, habe ehrlich gesagt, keinen blaßen Schimmer von diesen Rädern. Aber ich habe selten einen Artikel gelesen, der auf mich so zwiespältig wirkte. Das fängt schon mit Intro an. Ein Kindheitstraum, den man kaum glauben kann. Und das geht dann so weiter ... Lieber Haznain Kazim, sie haben sich eine Kategorie verirrt, von der sie augenscheinlich keine Ahnung, für die Sie aber auch kein Feeling haben. Alleine der Wunsch reicht nicht aus. Nicht böse gemeint, sprechen Sie mal mit Ihrem Kolleggen, der mußte schon sehr leiden, obwohl er ein wirklicher Biker ist und nicht nur als Kind Träume von Liegeräder hatte ... Sie bewegen sich auf vermintem Gebiet, bringen Sie sich in Sicherheit. Das ist wirklich nicht böse gemeint.
anselmwuestegern 02.06.2018
2.
Die geringe Sitzhöhe und das knappe Zuladungsgewicht schrecken mich ab, obwohl gerade das Bauchtraining sicher nicht nachteilig ist. Mein Idealqufbau wäre vorne zwei und hinten ein Rad wegen der Lenkstabilität aber das scheitert erst recht am Fahrergewicht, da das Hinterrad dann alleine den grössten Teil trägt. Hoffnung auf Abnehmen habe ich nicht, da ich im Umfang in den letzten Monaten verloren und auf der Waage gewonnen habe. Im nächsten Leben wähle ich Durchschnittsgrösse. Egal ob zu klein oder zu gross, wer abweicht hat ein Problem.
jing&jang 02.06.2018
3. Liegeräder sind sehr speziell
ich spreche diesen nach meiner Erfahrung mit einem Noll Tiefflieger die uneingeschränkte Alltagstauglichkeit gegenüber normalen Rädern ab, im Stadtverkehr viel zu gefährlich da die Silouete für Autofahrer noch unauffälliger ist und die Wendigkeit ist naturgegeben nicht so agil. Für den Ausflug ins Grüne ideal, Reiseerfahrungen habe ich damit nicht, da Steigungen schon schwieriger zu nehmen sind, aber das ist bestimmt Übungssache.
Leser161 02.06.2018
4. Interessant
Interessanter Artikel. Aber in einem Forum in dem schon geschlussfolgert wurde, das jeder Radfahrer der überfahren wird vermutlich ein ein Kampfradler war, der sich entgegen der natürlichen Ordnung mit anderthalb Tonnen Stahl und Plastik angelegt hat, well, ich weiss nicht ob so ein Artikel eine gute Wahl war. Wobei der Autor hat ja schon gegenüber anderen Radikalen Rückgrat gezeigt. Vielleicht ist er genau der Richtige für einen solchen Artikel. Mich jedenfalls hat er neugierig auf Liegeräder gemacht. Vielleicht eine gute Erweiterung für meinen Fahrradpark.
Papazaca 02.06.2018
5. Anmerkung: Um heraus zu bekommen, worum es geht
Da wir ja von einem ganz unterschiedlichen Rad sprechen - verglichen mit den konventionellen Rädern - müßte man die beiden Liegeräder auch mal umfassend ausprobieren. Wie fahren sie bergauf? Wie bei 40-60km oder mehr Kilometer Geschwindigkeit bergab? Wie ist es auf Radwegen? Wegen der Breite? Geben einem die Geschäfte die Möglichkeiten, alles auszuprobieren? Wie sind die Preise, wie der Service etc. etc. .... Es gibt sicher noch mehr viel wichtige Punkte, aber ich fahre ja Mountainbike. Ich muß mal meinen Kumpel fragen. ....
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