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15. November 2012, 16:08 Uhr

Los Angeles Design Challenge

Mit Blaulicht in die Zukunft

Von Tom Grünweg

Hauptsache visionär und abgedreht: Wenn Autodesigner für die Design Challenge der Los Angeles Autoshow zum Zeichenstift greifen, entstehen dabei nicht selten Studien wie aus einem psychedelischen Comic. Aufgabenstellung in diesem Jahr: ein Polizeiauto für das Jahr 2025.

Kreischende Motoren, quietschende Reifen, das Scheppern von Blech am Ende der Verfolgungsjagd - hierzulande kennt man US-Streifenwagen vor allem aus solchen Hollywood-Filmszenen. Schwarz-weiß oder blau-weiß lackierte Limousinen vom Typ Ford Crown Victoria, Chevrolet Impala oder Dodge Monaco zum Beispiel.

Mit solchen Modellen haben die Visionen, die Autodesigner für die aktuelle Design Challenge im Rahmen der kommenden Los Angeles Autoshow kreiert haben, nichts zu tun. Sie haben eher Einsatzfahrzeuge für Captain Future gestaltet, nicht den neuen Wagen für Lieutenant Kojak.

Die "Streifenwagen für das Jahr 2025" sind natürlich auch nicht mehr konventionell motorisiert. Die futuristischen Entwürfe können abheben und verfügen über Röntgensuchsensoren, sie fahren mit Strom, Treibstoff aus Regenwasser oder Biosprit aus Algen. Selbst die Abwärme des von der Sonne aufgeheizten Asphalts nutzen die Streifenwagen von morgen in den Visionen der Designer als Energiequelle.

Weg mit dem Fahrer

Klassisch runde Lenkräder, vertraute Instrumente, manchmal auch Räder oder sogar einen Fahrer - gibt es alles nicht mehr. Vertraut allein erscheint nur noch der schwarz-weiße Look der California Highway Patrol und das rot-blaue Signallicht auf dem Dach. Falls ein Dach vorhanden ist.

Die Kreativen der Marken General Motors, Honda, Subaru, BMW und Mercedes, die in diesem Jahr an der Design Challenge teilnehmen, setzten auf mobile und weitgehend automatisierte Kommandozentralen, die im Namen des Gesetzes fliegende Motorräder oder rasende Einachser als Drohnen aussenden und den Verkehr durch autonome Highway-Patrouillen überwachen.

Logisch, dass diese Streifenwagen vollgestopft mit Elektronik am Tatort 2025 ankommen. Sensoren scannen eigenständig das Terrain und eine autonome Steuerung navigiert selbständig - oder das Vehikel wird von einem Polizisten durch Blicke und mit Hilfe einer Spezialbrille vom Schreibtisch aus gesteuert. Man muss kaum erwähnen, dass diese visionären Streifenwagen immer und überall online sind, so dass sie auch unterwegs Zugriff auf sämtliche Verbrecherkarteien haben.

Nicht alles ist Zukunftsmusik

Alles nur Science-Fiction? Im Prinzip ja. Lediglich die zunehmende Vernetzung und die Notwendigkeit, auch Polizeifahrzeuge künftig mit umweltfreundlichen oder alternativen Antrieben auszustatten - beide Trends werden in sämtlichen Studien deutlich - basieren auf realistischen Annahmen. Der Rest ist hollywoodreife Designer-Phantasie.

Genau das ist der Reiz des Kreativwettbewerbs, der jetzt zum neunten Mal veranstaltet wird, und bei denen stets visionärer, von Konventionen völlig losgelöster Weitblick gefordert wird. Das passt zur Messe in Los Angeles, denn Südkalifornien ist ein kreativer Hot Spot der Branche.

Weil dort noch mehr Trends geboren werden als in anderen Gegenden auf der Welt und die US-Amerikaner vorerst noch immer die fleißigsten Autokäufer sind, unterhält nahezu jeder Autohersteller zwischen San Diego im Süden und Santa Barbara im Norden ein Designstudio.

Der Hauptgrund jedoch, warum beim Heimspiel in Los Angeles stets die bizarrsten und verwegensten Entwürfe präsentiert werden, ist ganz simpel: Für die Teilnahme am Wettbewerb braucht es keine maßstabsgetreuen Studien, sondern lediglich aussagekräftige Zeichnungen. Und Papier ist ja geduldig.

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