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24. November 2012, 17:11 Uhr

Luxus-Tuning

Geschmack kann man nicht kaufen

Von Heiko Haupt

Manche Menschen träumen ihr Leben lang von einem Ferrari. Andere kaufen ihn sich einfach - und bringen ihn erst mal zum Luxustuner. Danach kostet das Auto doppelt so viel wie vorher, ist aber nicht unbedingt schöner.

Ein Lamborghini Aventador leistet 700 PS und beschleunigt auf bis zu 350 km/h. Manchen Eignern reicht das aber nicht. Sie schieben das Auto umgehend nach Erhalt zum Tuner für eine Nachbehandlung. Zu Edel-Tuner Mansory beispielsweise: Der kitzelt 54 zusätzliche Pferdestärken aus dem Zwölfzylindermotor und ermöglicht immerhin Tempo 355.

Natürlich ist Leistung nicht alles. Manche Menschen finden, dass auch bei der Optik noch gehörig nachgebessert werden muss. Wer meint, mit den schlichten 20-Zoll-Rädern seines Ferraris nicht für genügend Aufsehen zu sorgen, dem wird bei Graf Weckerle geholfen.

Dort gibt es das Fleur-de-Lis-Rad, das mit seinen jeweils 184 Einzelteilen und barocken Linien nirgendwo unbemerkt bleibt. Natürlich lässt sich auch jede noch so noble Innenausstattung aufpeppen. Schwarzes Leder und Wurzelholz hat schließlich jeder - also warum das Ganze nicht einfach mal mit bunten Kuhhäuten beziehen?

Diese teilweise bizarren Auto-Verwandlungen finden aber nicht etwa dort statt, wo man sie erwarten würde, in Las Vegas, Moskau oder Hong Kong. Nein, ausgerechnet Deutschland ist die Heimat vieler Betriebe, die sich auf das Tuning jenseits herkömmlichen Spoilerwerks spezialisiert haben. Einer der Großen der Branche ist Kourosh Mansory, der in der wenig mondänen 1000-Seelen-Gemeinde Brand in der Oberpfalz die Autos der Superreichen aus aller Welt, nun ja, veredelt.

Ein Bentley in Pink

Dass er dabei zu ungewöhnlichen Ideen neigt, beweist der gebürtige Iraner immer wieder mit außergewöhnlichen Schaustücken. Mal stellt Mansory einen innen wie außen in zartes Pink gehüllten Bentley Continental GT ins Scheinwerferlicht eine Messe, mal nimmt er einem Rolls- Royce Phantom jede Spur zurückhaltender Eleganz, stellt ihn auf 24-Zoll-Räder, lackiert ihn mattschwarz und macht ihn zu einem Monument mit der Bezeichnung Conquistador.

Eines der neuesten Werke ist der schon erwähnte Lamborghini Aventador, bei dem die Tuningmaßnahmen sich nicht auf die Leistungsspritze beschränken. Mansory kleidet den Supersportwagen komplett in Karbon, gestaltet die Front neu und verbreitert das ohnehin nicht schmale Auto noch weiter. Am Ende bekommt der Wagen den Zunamen Carbonado. Was für die internationale Klientel kein Problem sein dürfte, da der Begriff nur in der norddeutschen Tiefebene an das dort Karbonade genannte Kotelett erinnert.

Für kleines Geld gibt es all das natürlich nicht. Wie viel genau so ein Umbau kostet, darüber hält man sich bei Mansory bedeckt. Aber je nach Aufwand lässt sich der Basispreis eines Luxusautos durchaus verdoppeln, erklärt Mansory-Sprecher Ralph Niese. Also: Auch wenn es keine offiziellen Angaben gibt, gilt es als offenes Geheimnis, dass ein serienmäßig gut 300.000 Euro teurer Aventador nach den Mansory-Eingriffen als Carbonado um die 700.000 Euro kostet.

Ist das Kunst oder kann das weg?

Einen anderen Weg als Mansory schlägt die Tuningschmiede Graf Weckerle aus Karlsruhe ein. Die beiden Gründer des Unternehmens, Alexander Graf und Tim Weckerle, bedienen sich laut eigenen Aussagen für ihre Tuning-Philosophie bei Ideen aus der Kunst, beziehungsweise lehnen sich an die Konzepte nobler Modelabels an.

Dahinter verbirgt sich ihre Erkenntnis, dass typische Tuneraussagen wie "alles ist machbar" dem Kunden nicht immer weiterhelfen. Sondern oft zu ziemlich scheußlichen Ergebnissen führen. "Wir bieten den Kunden daher ein Thema an", so Alexander Graf. Also gewisserweise einen Rahmen, an dem man sich bei den Tuning-Maßnahmen orientiert. Imperialwagen heißt dieses Konzept bei den beiden konkret - in Anlehnung an den goldenen Krönungswagen des kaiserlichen Hofes in Wien.

Die Imperialwagen der Neuzeit sollen weniger durch überbordenden Prunk als durch Eleganz und handwerkliche Finesse überzeugen - egal ob die Basis ein Aston Martin, ein Ferrari oder ein Mercedes SL bildet. Vor allem setzt man auf nochmals veredelte Innenräume und besonders hochwertige Räder. Ein Beispiel dafür ist das Fleur-de-Lis-Rad, dessen Formen sich an der namensgebenden Lilienblüte orientieren, die auch als typisches Symbol der französischen Monarchie gilt.

Jung, reich, zeigefreudig

Auf die Frage, woher eigentlich die Kundschaft für Autos von Mansory oder Graf Weckerle kommt, geben beide Unternehmen ähnlich lautende Antworten. Die Emirate, Russland, China oder Japan. Laut Christian Graf kommen jedoch immer wieder Kunden aus Ländern hinzu, die man zuvor so gar nicht mit getunten Luxusautos in Verbindung brachte. Kasachstan etwa, dessen Rohstoffreichtum inzwischen haufenweise Geld in die Kassen oft noch junger Unternehmer spült.

Denn eines gibt auch Mansory-Sprecher Ralph Niese unumwunden zu: Spricht man von auffälligem Luxustuning, dann spricht man in der Regel auch von jungem Geld. Es sind nicht die über Generationen wohlhabenden Familien, die ihren Reichtum auf diese Weise zur Schau stellen, sondern diejenigen, deren Wohlstand noch relativ frisch ist.

Dass es davon auch in Deutschland einige gibt, zeigt sich unter anderem bei Edeltuner Denis Anderson aus Düsseldorf. Auf seiner Webseite stellt er nicht nur Beispiele veredelter Fahrzeuge vor, er posiert auch mit zahllosen Fußball-Größen, die ihre Luxuskarossen in seine Hände gaben.

Der Blick auf die Produkte der Luxustuner führt zu zwei Erkenntnissen. Erstens: Wer alles hat, kann wirklich fast alles machen lassen. Zweitens: Selbst wer Unsummen für automobiles Glitzerwerk ausgibt, wird am Ende nicht selten feststellen müssen, dass es etwas gibt, das sich für kein Geld der Welt kaufen lässt - guten Geschmack.

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