Mazda RX7 Gruppe B Er ist unschuldig

Für manche Autos muss man einfach mehr bieten. SPIEGEL ONLINE zeigt Fahrzeuge mit berühmten Vorbesitzern und Raritäten, die versteigert werden. Diesmal: ein Unversehrter aus der wildesten Zeit des Rallyesports.

Rowan Horncastle / RM Sotheby's

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Unterm Hammer: Ein Mazda RX7 Gruppe B Rallyewagen, Baujahr 1985

Warum mitbieten? Weil dieses Auto ein Relikt aus der sagenumwobenen Gruppe-B-Ära ist.

Mitte der Achtzigerjahre wurden im Rallyesport die Ingenieure von der Leine gelassen. Der Verband hatte Auflagen und Vorschriften abgeschwächt oder gestrichen, die Hersteller durften ihre Autos sogar während der Saison ständig aufrüsten. Es war eine Einladung zur Eskalation, und sie wurde angenommen: Bald tobten Rennmonster mit einem Gewicht von weniger als einer Tonne im Allradmodus und 500 PS Leistung über die Pisten. Diese Zeit ging als die Ära der Gruppe B in die Geschichtsbücher ein. Ein kurzes Kapitel ohne Happy End.

Die Zuschauer strömten damals in Scharen zu den Spektakeln um die hochgezüchteten Kleinwagen und verehrten die Piloten als Helden - bis zwei tragische Unglücke die Gruppe-B-Serie jäh enden ließen. 1986 wurden bei der Rallye in Portugal drei Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt, nachdem ein Fahrer die Kontrolle über seinen Wagen verloren hatte und in die Zuschauermenge raste. Kurz darauf verbrannten bei dem Rennen auf Korsika zwei Piloten bei einem Unfall in ihrem Auto. Der Verband zog daraufhin die Konsequenzen und verschärfte die Regeln und Auflagen für die Teams. Die Monster wurden weggesperrt.

Was blieb, sind die wehmütigen Erinnerungen vieler Fans und Fahrer an einige der kompromisslosesten Rennwagen, die der Motorsport je hervorbrachte: Der Lancia Delta S4 soll damals in 2,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h in beschleunigt haben, Audi-Pilot Walter Röhrl verglich die Fahrt in seinem Quattro Sport S1 mit einem "Ritt auf dem Feuerball" und der Peugeot 205 Turbo war offenbar so unwiderstehlich, dass manche Leute nicht die Hände von ihm lassen konnten - jedenfalls wurden nach einem Rennen mal zwei abgerissene Finger im Motorraum des Wagens gefunden.

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Mazda RX7 Gruppe B: Das perfekte Rallyeauto

Und der Mazda RX7? Zugegeben, trotz seines radikalen Designs gehörte dieses Modell nicht zu den schillerndsten Teilnehmern der Gruppe B, was bei dieser Konkurrenz aber keine Schande ist. Der RX7 mischte mit, und er war immerhin ein Exot: Weil Mazda als fast einziger Hersteller Fahrzeuge mit Wankelmotoren in Serie produzierte, wollten die Japaner

auch dessen Renntauglichkeit unter Beweis stellen. Der RX7 ging somit als einziges Rallyeauto mit Kreiskolbenaggregat an den Start. Die Maschine entfaltete 300 PS.

    Die teuersten Autos der Welt sind oft keine Neuwagen, sondern gebrauchte: Oldtimer, die sich in Händen reicher Sammler befinden oder nach langer Vergessenheit plötzlich aus Scheunen wieder auftauchen. Für den gewöhnlichen Auto-Enthusiasten bleiben diese Fahrzeuge unerreichbar, nur mit ganz viel Glück bekommt man sie mal zu Gesicht. In seltenen Momenten ergibt sich aber die Gelegenheit, etwas über diese Traumwagen zu erfahren: Wenn sie versteigert werden.

    Bevor die Autos zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten wieder verschwinden, werden die alten Storys über sie neu erzählt oder sogar Geheimnisse gelüftet. Je schillernder die Geschichte eines Autos, desto höher sein Marktwert. Die glamourösesten Fahrzeuge stellen wir in einer Serie in loser Reihenfolge vor. Sie sind unsere Helden unterm Hammer - die Auction Heroes.

Das jetzt zu ersteigernde Exemplar des RX7 hat außerdem noch eine einzigartige Rennhistorie: nämlich keine. Der Wagen hat niemals an einem Rennen der Gruppe B teilgenommen und wurde auch danach nicht auf der Piste bewegt. Es handelt sich hier um einen 32 Jahre alten Neuwagen.

Einerseits tragisch: Stellen Sie sich vor, Sie sind zur wildesten Party des Jahrhunderts eingeladen, brezeln sich entsprechend auf - und erscheinen dann einen Tag zu spät. So ähnlich verlief das Schicksal dieses Mazda RX7. Von den insgesamt 20 Homologationsmodellen, die für die Zulassung in der Gruppe B nötig waren, blieben laut Angaben des Auktionshauses RM Sotheby's nur sieben Exemplare komplett zusammengebaut, die anderen dienten als Teilespender. Sechs der sieben kamen zum Einsatz, für eines kam das Aus der Gruppe B zu früh.

Andererseits macht genau das den Charme des Wagens aus: Dieser Mazda RX7 hat sich seine Unschuld bewahrt. Kein Kieselsteinchen hat je die Karosserie gestreift, kein Tropfen Schweiß ist in den Fahrersitz geflossen. Er steht mit seinen knapp 1000 Kilo und 300 PS für die verheißungsvolle Illusion der Gruppe B, ohne an der schrecklichen Wirklichkeit beteiligt gewesen zu sein. Kurz gesagt: Er ist perfekt.

Unbenutzt: Der Mazda RX7 mit 300-PS-Wankelmotor
Rowan Horncastle / RM Sotheby's

Unbenutzt: Der Mazda RX7 mit 300-PS-Wankelmotor

Zuschlag! Sein Dasein als Frührentner verbrachte der Mazda RX7 mit der Chassisnummer MRTE 019 zunächst in den Hallen des europäischen Mazda-Rennteams in Belgien, ehe ihn ein Schweizer Händler Anfang der Neunzigerjahre kaufte und als Attraktion in seinem Autohaus ausstellte.

Vor einigen Jahren landete der Mazda schließlich bei dem britischen Autosammler David Sutton, der es offenbar schaffte, den perfekten RX7 noch perfekter zu machen. Dem Magazin "Top Gear" berichtete Sutton, er habe unter anderem die originalen Marken-Aufkleber so auf dem Wagen platziert, wie es bei den anderen Rallyeautos von Mazda üblich war. Die Sticker befanden sich noch in einem Umschlag im Wagen.

Am 5. September kommt der RX7 unter den Hammer, zwischen 184.000 und 206.000 Euro werden für ihn aufgerufen. Ein fairer Preis für einen Zeitzeugen ohne Altersspuren.

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
crunchy_frog 04.09.2017
1. Tolles Fahrzeug
Aber ich kann mir im Leben nicht vorstellen, daß der mit dieser einzigartigen Historie für 200.000 über den Tisch geht. Schon gar nicht bei den aktuell überhitzten Klassikerpreisen.
widower+2 04.09.2017
2. Viel zu teuer!
Zitat von crunchy_frogAber ich kann mir im Leben nicht vorstellen, daß der mit dieser einzigartigen Historie für 200.000 über den Tisch geht. Schon gar nicht bei den aktuell überhitzten Klassikerpreisen.
Und ich glaube nicht, dass der anvisierte Preis erreicht wird. Die einzigartige Historie ist doch eher das Problem. Denn die ist schlagartig dahin, wenn man das Auto auch nur ein paar Meter fährt.
crunchy_frog 04.09.2017
3.
Zitat von widower+2Und ich glaube nicht, dass der anvisierte Preis erreicht wird. Die einzigartige Historie ist doch eher das Problem. Denn die ist schlagartig dahin, wenn man das Auto auch nur ein paar Meter fährt.
Bis zur Auktion wird er aber nicht gefahren werden, von daher ist dies nicht relevant. Preislich wären die 200.000 eher das Niveau eines gut erhaltenen bzw. restaurierten "normalen" Gruppe B Wagens. Einen jungfräulichen gibt es wohl weltweit kein zweites mal. Der Käufer kann dann entscheiden, ob er mit diesem Fahrzeug sein erstes Rennen fährt (wofür sicher erst noch einige Teile ausgetauscht werden müssten) oder es in diesem Zustand belässt.
dbrown 04.09.2017
4. Und schon wieder
ein Fahrzeug, daß von Millionären ersteigert wird, damit es weggeschlossen wird, statt es auf die Straße zu bringen. Schade um jeden einzelnen dieser Oldtimer.
spicer011 04.09.2017
5. Die Aufkleber...
...hätte Sutton mal lieber im Umschlag gelassen. Für mich wäre das Aufkleben ein Grund, den Wagen abzuwerten, weil es so nicht mehr der bis dahin erhaltene Ursprungszustand ist. Insgesamt ist das Auto deshalb ohnehin zur Immobilie verurteilt: Sobald er auch nur bei einem Rennen teilnimmt, ist der 'jungfräuliche' Status dahin. Ein Grund mehr, ein Gruppe-B Fahrzeug mit Rennhistorie zu kaufen, sofern man damit auch fahren will.
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