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G-Modell von 1991: Der falsche Mercedes

Von Kai Kolwitz

G-Modell von 1991: Huch, ein Puch! Fotos
Mirjam Wählen

Der Fotograf Jan Friese ist stolzer Besitzer eines kantigen Geländewagens mit Mercedes-Stern. Bei dem mehr als 20 Jahre alten Auto handelt es sich aber um eine Mogelpackung mit abenteuerlicher Geschichte.

Jan Friese hat in seinem Leben eine Menge Autos fotografiert, schließlich ist das sein Beruf. Und bei manchen Wagen war es nicht einfach, sie für die Auftraggeber - Hersteller, Magazine, Werbeagenturen - attraktiv in Szene zu setzten. Am liebsten würde er deshalb immer sein eigenes Auto ablichten: "Den kannst du von allen Seiten fotografieren, mit einem Weitwinkel oder einem Tele", sagt Friese. "Das sieht immer super aus. Archetypisch. Wenn du ein Kind ein Auto zeichnen lässt, dann kommt sowas dabei raus."

Das Fahrzeug, von dem der 38-Jährige so schwärmt, ist ein G-Modell, Baujahr 1991. Eines der letzten 230-GE-Exemplare der alten Baureihe, noch mit schmaler Form, ohne die ausgestellten Kotflügel, die kurz darauf kamen. Dass es sich dabei in Wahrheit um eine Mogelpackung handelt, stört Friese nicht.

Denn Mercedes entwickelte das Modell einst gemeinsam mit dem österreichischen Hersteller Puch. Die Märkte teilten sie untereinander auf: Puch bekam die Alpenländer, Großbritannien, Teile des Balkans und des afrikanischen Kontinents. Den Rest der Welt belieferte Mercedes. Bis auf die Hersteller-Embleme waren die Autos baugleich. Und Frieses G-Klasse ist eigentlich ein Puch G.

Besser als das Original

Dass der Puch zum Mercedes wurde, liegt am Vorbesitzer. "Unser Wagen wurde ursprünglich an die slowenische Polizei ausgeliefert", sagt Friese. "Dann hat ihn ein Werkstattmeister übernommen. Allerdings war der wohl ein ziemlicher Mercedes-Fan und hat an allen möglichen Stellen nachträglich einen Stern draufgeknallt."

Außerdem beseitigte er penibel den Rost, ließ den Kunstlederbezug der Sitze durch echtes Leder ersetzen, lackierte das Armaturenbrett in hochglänzendem Schwarz und platzierte einen Kompass im Sichtfeld des Fahrers. Kurz gesagt: Die Mogelpackung ist besser als das Original.

Die Geschichte, wie Jan Friese zu seinem Mercedes-Puch gekommen ist, klingt fast genauso abenteuerlich wie die Herkunft des Autos. Sie beginnt mit einer Seifenkiste. "Sie sieht aus wie ein Silberpfeil aus den Dreißigerjahren, und ich hatte sie auf einem Plakat entdeckt", erzählt Friese. "Für 250 Euro habe ich sie ersteigert." Daraus wurde wiederum eine Idee für eine Fotoproduktion. Die Bilder sollten in Schottland gemacht werden, und als passendes Pendant zur Seifenkiste kam Friese eine silberne Mercedes G-Klasse in den Sinn. "Mein Vater hatte schon so ein Modell", sagt er. Einen Leihwagen konnte er aber nicht auftreiben - also kaufte er den aufgemotzten Puch. Den ursprünglichen Plan, ihn wieder zu verkaufen, verwarf er kurzerhand.

Ein Vernunftfahrzeug - im Vergleich zu Frieses Ex-Auto

Bevor Friese auf den Geländewagen umsattelte, fuhr er unter anderem einen Chevrolet Blazer mit dickem V8-Motor. "Eine Proll-Schüssel", erinnert er sich - dagegen geht der Puch regelrecht als Vernunftauto durch. Auch seiner Freundin, der Designerin Kathrin Schuster, gefällt der Fake-Mercedes. Sie begleitete Friese auf der Tour durch Schottland.

In Deutschland vermeidet der Fotograf Ausfahrten ins schwere Gelände, dafür ist ihm sein Wagen zu schade. Aber in den schottischen Highlands durfte der Puch seine Qualitäten ausspielen. Und auf der Heimreise wurde er besonders strapaziert: Friese und seine Freundin hatten bei einem Trödler Stühle, Spiegel, Kissen, einen Schreibtisch und als Krönung eine lange Angelrute gekauft. "Das war eine ziemliche Plackerei, alles zu verstauen", sagt Schuster, "und dazu immer noch die Seifenkiste aufs Dach zu bekommen." Friese stellte fest: "Wenn man mit dem Auto voll beladen den Berg hoch will, dann geht gerade noch Tempo 80." Und der Verbrauch bei solchen Touren liegt bei 15 Litern auf hundert Kilometer.

Ohne die Seifenkiste wäre Friese wohl nicht auf die Idee mit Schottland gekommen, und ohne die Reise hätte er heute vielleicht nicht seinen Mercedes, der eigentlich ein Puch ist und sich von allen Seiten so schön fotografieren lässt. Nicht alles an dem Silberstück ist aber so einfach: "Der Wagen ist wohl kerniger als ich", gibt Friese zu. "Seit den 4000 Kilometern in Schottland habe ich Schmerzen in den Beinen, wie sie sonst nur Taxifahrer haben. Wahrscheinlich deswegen, weil ich vorher ewig nur Automatik-Autos gefahren war und jetzt wieder richtig arbeiten musste."

Freunde von Autos
  • Corbis
    Es gibt Menschen, die haben mit ihrem Auto ein größeres Ziel im Blick als nur den Weg von A nach B: eine Weltreise zum Beispiel, bei der aus dem einfachen Pkw ein zuverlässiger Partner wird. Sie wollen ihr Fahrzeug umbauen, zerlegen, bewahren. Was diese Menschen teilen: Sie sind Freunde von Autos. In einer losen Serie stellt SPIEGEL ONLINE Männer und Frauen mit ganz besonderen "Beziehungskisten" vor. Freunde von Autos ist eine Kooperation mit "Freunde von Freunden", einer internationalen Agentur in Berlin, die Kreative aus Kultur und Kunst porträtiert.

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1. Bekannt auch ...
Airkraft 01.12.2014
Bekannt auch unter dem Pseudonym: "Fahrende Schrankwand" ;-)
2.
c.PAF 01.12.2014
Ich verstehe nur Bahnhof. Was war jetzt da abenteuerlich? Jemand hat einen Puch gekauft, ihn mit Mercedessternen versehen und dann wieder verkauft. Und dann hat ein Fotograf damit eine Reise nach Schottland unternommen. Gut. Und nun? Eine "Mogelpackung" wäre da doch eher der VW Käfer mit Mercedes-Kühlergrill, oder? (http://images.fotocommunity.de/bilder/autos-zweiraeder/oldtimer-youngtimer/roter-vw-kaefer-mit-mercedes-benz-kuehlergrill-5e17589a-bb03-4620-8c5e-41b9c47a78cf.jpg)
3.
spon-facebook-10000181798 01.12.2014
wirklich ein sehr abenteuerliches mogel Auto. Und sogar einen Kompass hat er eingebaut! Und der Bursche hat nach 4000km Beinschmerzen weil er mal ne Kupplung treten muss? Typisch Künstler. "weil ich jetzt wieder richtig arbeiten muss"
4. Kupplung
henson999 01.12.2014
Zitat von spon-facebook-10000181798wirklich ein sehr abenteuerliches mogel Auto. Und sogar einen Kompass hat er eingebaut! Und der Bursche hat nach 4000km Beinschmerzen weil er mal ne Kupplung treten muss? Typisch Künstler. "weil ich jetzt wieder richtig arbeiten muss"
Sind Sie mal Autos aus den 80ern gefahren, die etwas mehr Getriebe hatten? Meistens waren dies Autos mit viel PS. Ich kann mich gut an Porsche erinnern. Die hatten damals um die 250PS aber die Kupplung war so schwer zu treten, dass man nach längerer Zeit wirklich Muskelkater bekam. Das war noch etwas anders, als die ganzen unterstützten Kupplungen heute. :)
5. Ich dachte das Sommerloch ist vorbei?
testsieger73 01.12.2014
Oder seit wann ist eine Puch-G-Klasse eine Mogelpackung? Das sind bis auf die Logos absolut identische Autos. Ich kann mir auf meinen G auch das BMW-Logo kleben und hab immer noch keine Mogelpackung...
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