Mercedes 540 K Stromlinienwagen Viel Wind um ein altes Auto

Jahrzehntelang standen die Reste eines "Stromlinienwagens" unbeachtet im Magazin des Mercedes-Museums. Nun wurde der Oldtimer aufwendig rekonstruiert. Bei einem Test im Windkanal sorgte das raffiniert gestaltete Auto für eine Überraschung.

Daimler/ Friedemann Bayer

Von Markus Bruhn


"Die Aerodynamik ist außergewöhnlich", sagt Teddy Woll, "das Heck verjüngt sich ähnlich wie bei einem Vogel und die Strömung reißt erst am Nummernschild ab." Woll ist der Chef-Aerodynamiker von Mercedes und klingt, als ob er einen Neuwagen anpreist. Tatsächlich beschreibt er aber ein Auto aus dem Jahr 1938: den Mercedes 540 K Stromlinienwagen. Das Unikat setzte damals aerodynamische Maßstäbe, wurde irgendwann zerlegt, geriet in Vergessenheit und schlummerte bis Ende 2011 im Magazin des Mercedes-Museums. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wurde es nun detailgetreu restauriert und demonstrierte im Windkanal erneut, wie weit es damals seiner Zeit voraus war.

Die als "Stromlinienfahrzeuge" bezeichneten Prototypen der Zwanziger- und Dreißigerjahre waren damals die technologische Spitze eines Trends: Die radikale Abkehr von der frühen Kutschenform der Autos, hin zu schnittigen Karosserien. Nicht selten waren die Konzepte vom Flugzeugbau inspiriert. Gerade in Deutschland tüftelten viele Flugzeugingenieure an Autos, denn der Vertrag von Versailles verbot dem Deutschen Reich den Wiederaufbau von Luftstreitkräften.

In der Folge entstanden windschlüpfige Autos wie der "Tropfenwagen" von Edmund Rumpler, den allerdings kaum jemand kaufen wollte, oder der Versuchswagen "Göttinger Ei" von Karl Schlör. In den USA wollte Chrysler ab 1934 mit dem Modell Airflow ein geschmeidigeres Autodesign etablieren - doch der Wagen floppte.

Der Stern ist nur aufgemalt

Mercedes-Benz in Sindelfingen entwickelte damals auf Basis des damaligen Luxussportwagens 540 K - das K steht für Kompressor - den Stromlinienwagen. Ursprünglich sollte das Auto an der für den Spätsommer 1938 geplanten Fernfahrt Berlin-Rom teilnehmen, doch das Rennen wurde verschoben und 1939 wegen des Kriegsbeginns abgesagt.

Das aerodynamisch optimierte Auto wurde dennoch gebaut. Im Sommer 1938 lieferte Mercedes den Wagen an die Dunlop-Reifenwerke in Hanau. Dort nutzten Reifenentwickler ihn, "um das Verhalten der Bereifung bei schneller Dauerfahrt zu studieren", wie es in einer zeitgenössischen Dunlop-Broschüre heißt. Der 540 K konnte ein für damalige Verhältnisse hohes Tempo von rund 170 km/h über einen längeren Zeitraum halten.

Der übliche 540-K-Stahlrahmen mit dem rund 180 PS starken 5,4-Liter-Reihenachtzylindermotor trug einen Hilfsrahmen aus Eschenholz, über den sich eine geschmeidige Alukarosserie schwang. An vielen Stellen war der Wagen auf Aerodynamik optimiert: "Neu waren der abgerundete Bug, die in die Karosserie integrierten Scheinwerfer, innen abgerundete Radhäuser, versenkte Türgriffe, ein glatter Unterboden, minimale Karosseriefugen und der Verzicht auf Stoßfänger", sagt Woll. Und der Mercedes-Stern, der normalerweise aufrecht auf dem Kühler prangte, war lediglich auflackiert.

Der Feinschliff zeigte Wirkung: Ein normales 540 K Coupé erreichte etwa 145 km/h und der cW-Wert lag bei 0,57 - doch der 540 K Stromlinienwagen war im Kompressorbetrieb bis zu 185 km/h schnell und wurde im Windkanal mit einem cW-Wert von 0,36 gemessen. Ein derartiger Sprung in Sachen Windschlüpfigkeit wäre heute unvorstellbar.

Für die Ansprüche der Reifentester war das Auto zwar ideal, doch sie konnten es kaum ein Jahr lang nutzen. Denn nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 wurde in Deutschland die Benutzung von Kraftfahrzeugen, die nicht im Behördendienst unterwegs waren, drastisch eingeschränkt. Um den Versuchsbetrieb dennoch aufrechtzuerhalten, wurde der Stromlinienwagen auf Flüssiggasantrieb umgestellt. Wie lange das Auto noch von Dunlop genutzt wurde, ist nicht bekannt. Nach Kriegsende jedenfalls wurde der Wagen vorübergehend von einem US-Soldaten gefahren. Im April 1948 jedoch wurde er in Hanau abgemeldet, kurze Zeit später kam das Auto wieder in den Besitz von Mercedes.

Jahrzehntelanger Dornröschenschlaf

Die genauen Umstände lassen sich nicht mehr nachvollziehen, auch nicht, warum der Wagen bei Mercedes in der Folge auseinandergenommen wurde. Die Spuren der Aluminiumkarosserie verloren sich, das Fahrgestell, die Hinterachse und ein paar Anbauteile landeten im Mercedes-Museum und erhielten dort eine Listennummer.

Diese Nummer und vor allem die übrig gebliebenen Autoteile wurden schlagartig wieder interessant, als Ende 2011 einem Mercedes-Archivar die sogenannte Linienrisszeichnung des Stromlinienautos in die Hände fiel - die millimetergenaue Beschreibung der Karosserie.

Mithilfe dieser Daten, einiger Originalfotos, der alten Bedienungsanleitung und den Eintragungen im Kfz-Brief machten sich die Oldtimer-Experten bei Mercedes an die Rekonstruktion und Restauration des Autos. Die nahm rund zweieinhalb Jahre in Anspruch - bis zu dem Moment, an dem das fertige Stromlinienfahrzeug erstmals im modernen Windkanal stand und die Ingenieure verblüffte.



insgesamt 11 Beiträge
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georg.smolik 17.07.2014
1. Stromlinienwagen- Mercedes
man sollte sich die Werte des PKWs Tatra 87 (Bj 1936-50 - CR) anschauen? Vielleicht hat das Auto Porsche schon einen Vorgängen gehabt?
Blindleistungsträger 17.07.2014
2. Entweder, oder
Entweder, die industrielle Revolution in Sachen Computer fand viel früher statt und die hatten damals schon excellente 3D-CAD- und Simulationssysteme oder, wirklich gute Leute schaffen das auch mit Bordmitteln, sprich mit Wissen und Erfahrung.
patrick6 17.07.2014
3. Der Kamm-BMW K1
...(auch aus 1938) soll sogar einen cw-Wert von nur 0,23 haben...
artbond 17.07.2014
4. und trotz..
... der Optimierung des Luftwiderstandes waren das alles gutaussehende und sogar sehr schöne Autos... wenn man sich die Kisten von heute so anschaut merkt man das das Thema CW-Wert nur eine Ausrede ist. Wie man sieht konnte man vor 80 Jahren schöne UND windschlüfrige Autos bauen. Wie das geht weis heute leider keiner mehr, die Leute von damals sind leider schon alle tot...
mr.hans1960 17.07.2014
5. Heute
werden die Karosserien um die vorhandene Technik colani-mäßig drumrumgeknödelt.Das nennen sie dann Design.Ist doch kein Wunder,wenn sich jüngere Leute immer weniger für neue Autos bzw.überhaupt für einen Führerschein begeistern können.So ganz nebenbei,kommen zum hässlichen Äusseren ja auch gepfefferte Anschaffungs und Unterhaltskosten dazu.
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