Angeblicher Göring-Mercedes: Oldtimer mit Nazi-Problem

Von Christoph Stockburger

In den USA wird ein Mercedes restauriert, in dem angeblich einer der ranghöchsten Nationalsozialisten fuhr: Hermann Göring. Alte Dokumente bestätigen zwar, dass der Wagen dem Kriegsverbrecher gehört haben könnte. Experten des Stuttgarter Autoherstellers geben sich aber noch zurückhaltend.

Mercedes 540 K Cabriolet: Görings Repräsentationswagen wird restauriert Fotos
Getty Images

Das Mercedes Benz 540K Cabriolet B ist eine absolute Rarität. Bis zum Jahr 1939 wurden weniger als 200 Exemplare gebaut. Eine dieser riesigen Luxuskarossen mit Achtzylindermotor ist jetzt im US-Bundesstaat North Carolina aufgetaucht. "Das Auto ist mehrere Millionen Dollar wert", sagt David Rathbun, einer der jetzigen Besitzer. Aber nicht nur, weil es sich um einen begehrten Klassiker handelt - sondern vor allem wegen seiner Vorgeschichte: Angeblich gehörte das Auto während des Zweiten Weltkriegs Hermann Göring, einem der ranghöchsten Nazis.

Göring war während des Zweiten Weltkriegs Oberbefehlshaber der Luftwaffe und für die Errichtung mehrere Konzentrationslager verantwortlich. In dem offenen Mercedes Benz 540K ließ er sich bei Paraden vom Volk feiern. Der Wagen war zu diesem Zweck mit Sonderanfertigungen ausgestattet: Er hatte unter anderem eine verlängerte Rückbank sowie eine kleine Plattform auf der Beifahrerseite, auf der Göring während der Fahrt entlang der Menge stehen konnte.

Alte Dokumente bestätigen diese Geschichte: In einem Schreiben von Daimler vom 30. September 1953 heißt es, dass das Fahrzeug mit der entsprechenden Karosserienummer "am 21. Juli 1941 an Herrn Reichsmarschall Hermann Göring verkauft" worden war. Rathbun, der zusammen mit seinem Geschäftspartner Steve Saffer mit Oldtimern handelt, hat sich die Unterlagen aus den Archiven von Mercedes Benz zukommen lassen.

Von Deutschland nach Amerika

Weitere Dokumente des US-Militärs belegen laut Rathbun, wie der Wagen nach dem Krieg in die USA kam: Demnach wurde er wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs von der US-Army auf dem Obersalzberg konfisziert, als die US-Soldaten dort Adolf Hitlers Alpenresidenz erreichten. Der Kommandant der Streitkräfte, Colonel John A. Heintges, nutzte den Wagen anschließend als Privatauto. Fotos zeigen, dass er dem Auto kurzerhand eine neue Lackierung verpasste und auf Motorhaube und Seitentüre den fünfzackigen Stern, das Zeichen der 7. US-Armee, pinseln ließ.

Später wechselte der Mercedes laut der Dokumente in den Besitz eines anderen hochrangigen Militärs, der ihn von Europa nach Texas verschiffen ließ. Ab 1958, sagt Rathbun, gehörte der Wagen einem Mann namens Dick Taylor aus North Carolina. Zufällig, so der Autohändler, hätten er und sein Partner Steve Saffer von dem Oldtimer und dessen Geschichte gehört. Im Mai hätten sie Taylor schließlich ausfindig gemacht und ihm das Cabrio abgekauft. Zu welchem Preis, darüber schweigt Rathbun.

Ein Mitarbeiter von Mercedes-Benz Classics, der sich um Oldtimer des Stuttgarter Unternehmens kümmert, geht mit der Geschichte um diesen angeblich speziellen 540K vorsichtiger um. Die Auszüge aus den Auftragsbüchern von 1941, in denen als Besteller des Wagens das Reichsluftfahrtamt aufgeführt wird, sind ihm zufolge zwar echt. "Aber ob dieses Auto wirklich Göring gehörte, können wir nicht bestätigen." Mit den Aufnahmen, die von dem Fahrzeug existieren, lasse sich die Behauptung nicht eindeutig belegen.

Schwäbische Zurückhaltung

"Ein klarer Beweis fehlt derzeit noch", sagt der Mercedes-Mitarbeiter, "und weil unsere Aussagen wahrscheinlich den Verkaufspreis des Autos beeinflussen, halten wir uns mit solchen Bestätigungen zurück." Diese Haltung ist laut seinen Angaben seit Jahren die gängige Praxis im Haus. "Wir machen das bei allen klassischen Autos so, bei denen etwaige Zweifel nicht restlos ausgeräumt werden können." Bei angeblichen Nazi-Fundstücken ist doppelte Vorsicht geboten.

Auch die Frage, ob die Papiere tatsächlich zu dem Mercedes 540K Cabrio in North Carolina gehören, ist noch nicht geklärt. Um solche Zusammenhänge zu ermitteln, bietet Mercedes eine 15.000 Euro teure Expertise an. Dabei werden alle Identifikationsnummern an den betreffenden Fahrzeugen untersucht - etwa am Motor und an der Karosserie - und mit den Angaben in den Dokumenten verglichen. Außerdem fräsen die Experten ein münzgroßes Stück aus dem Rahmen und untersuchen es in einem Labor in Fellbach. "Dadurch lässt sich feststellen, von wann das Material stammt", sagt der Mercedes-Mitarbeiter.

Der Rost muss weg

Das Gutachten ist seinen Angaben zufolge dann hieb- und stichfest. Dem Kunden wird es übrigens in einem in Leder gebundenen Buch überreicht. David Rathbun sagt, dass ihm diese Expertise angeboten wurde und er sie gerne durchführen lassen möchte - allerdings hat er sich mit Mercedes noch nicht über die genaue Vorgehensweise geeinigt. "Das geht ein bisschen schleppend voran", sagt er.

Er und sein Partner Saffer hoffen, dass sie zunächst auch ohne das Lederbuch Investoren finden, um den Mercedes zu restaurieren. Ihm zufolge sind sämtliche Teile vorhanden und der Motor intakt - allerdings hat die abenteuerliche Geschichte Spuren an dem Wagen hinterlassen. "Er sollte am Besten einmal komplett auseinandergenommen und wieder zusammengebaut werden", sagt Rathbun. Der Rost muss runterpoliert und die zerschlissenen Polster erneuert werden. Die Kosten dafür lassen sich noch nicht abschätzen.

Ist der Wagen erstmal wieder restauriert, soll er auf Autoshows gezeigt werden und anschließend, so Rathbun, "in die richtigen Hände übergeben werden".

Sein Partner Saffer ist Jude, erzählt der Autohändler, und beide wollen nicht, dass der Wagen an einen obskuren Nazi-Sammler gelangt. Göring wurde bei den Nürnberger Prozessen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit schuldig gesprochen, er war maßgeblich an der Planung des Holocaust beteiligt. Sollte sich der richtige Käufer für den Wagen finden, wollen Rathbun und Saffer einen Teil der Erlöse einer jüdischen Einrichtung zukommen lassen.

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