Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Rainer van den Bosch über das Leben mit seinem Mercedes Benz 219 Ponton, Baujahr 1959 .
Es war Liebe auf den ersten Blick: Als meine Frau mir den abgemeldeten Benz 219 zeigte, den sie vor einer libanesischen Bäckerei entdeckt hatte, sah ich meinen neuen Traumwagen. Ich konnte mein Glück kaum fassen, denn das Auto stand auch noch zum Verkauf.
Der 219 ist ein Zwitter aus dem 190er und dem 220S. Bis zur A-Säule besitzt er die gleiche langgezogene Motorhaube und den Reihensechszylinder mit 2,2 Liter Hubraum und 90 PS, die den 220S kennzeichnen. Ab der A-Säule ist der Wagen quasi ein 190er mit kürzerem Radstand, mit weniger Chrom und ohne die luxuriöse Inneneinrichtung des 220S. Zwischen 1956 und 1959 wurden knapp 28.000 Einheiten des Einstiegsmodells in die Luxusklasse verkauft, Kostenpunkt seinerzeit 10.500 Mark.
Im gleichen Jahr, in dem meine Limousine vom Band rollte, hatte die selige Tante Luzie einst die Patenschaft für meine Frau übernommen. Und weil der 219 die gleichen runden Formen und die Gemütlichkeit von Tante Luzie ausstrahlte, bot sich der Spitzname für den Oldtimer geradezu an.
Ganz stilecht mit Röhren-Radio
Der Fahrer nimmt auf einer durchgehenden Sitzbank Platz und kann insgesamt fünf Passagiere zur Ausfahrt mitnehmen. Allerdings wird es dann schon sehr eng; besonders im Fond wünscht man sich mehr Kniefreiheit und den größeren Radstand des 220S.
In den USA dürfte unser 219 nicht viel Streusalz abbekommen haben, denn die Zahl der Roststellen war erstaunlich gering. Um den Wagen wieder straßentauglich zu machen, mussten dennoch einige Arbeiten unter der Motorhaube durchgeführt werden. Dabei stellte sich heraus, dass die unbekannte Anzahl von Vorbesitzern mit Improvisation, wenig Fachkenntnissen und kleinem Budget viel verbastelt hatten. Glücklicherweise gibt es in Houston eine Werkstatt, die auf klassische Mercedes spezialisiert ist, sowie eine aktive und kompetente Oldtimer-Szene in Deutschland, die mit Ersatzteilen, Werkstattbüchern und Rat zur Seite steht.
Unser 219 ist im Land der autobegeisterten Amerikaner, turmhohen Pickups, blubbernden V8 Motoren und ausladenden Motorhauben immer und überall Gesprächsthema. Egal, ob Tante Luzie parkt oder fährt, man blickt stets in freundliche Gesichter und bekommt im Vorbeifahren ein Thumbs-up mit - so wundert es nicht, dass der Wagen mittlerweile auch die Webpage des Car-Wash um die Ecke ziert.
Sitze wie Mutters Sofa
Im Verkehr schwimmt Tante Luzie locker mit; nie hat man das Gefühl, untermotorisiert zu sein. Wohl auch, weil ein Vorbesitzer dem Wagen den Doppelvergaser des 220S verpasst hat, und nun 100 PS zur Verfügung stehen. Bei unseren Ausfahrten zwischen Houston, dem Hill Country um Austin und Galveston am Golf von Mexiko, genehmigt sich der Doppelvergaser im Schnitt um die 15 Liter. Der Wagen springt zuverlässig an und hat uns bislang selbst bei den Wolkenbrüchen und Sturzregen noch nicht im Stich gelassen, die in Texas im Sommer regelmäßig über das Land ziehen. Aber dann ist der Wischermotor überfordert, der die Blätter nur mit geringer Geschwindigkeit bewegt. Gestartet wird der Wagen übrigens über den heute wieder in Mode gekommenen Startknopf.
Das Fahrgefühl passt ideal zu den Tempolimits in den USA. Der 219 ist so weich gefedert, dass man sich wie auf Mutters Sofa fühlt. Trotz der kleinen 13-Zoll-Räder, die bei den Pontons erstmals zum Einsatz kamen, wird damit nahezu jedes Schlagloch glatt weggebügelt. Grenzwertig sind allerdings die Fahrgeräusche bei den 65 Meilen in Stunde (105 km/h) Höchstgeschwindigkeit. Da stehen noch alle mittlerweile brüchigen und nicht mehr ganz dichten Tür- und Fenstergummis zum Austausch an. Und da in Texas im Sommer eine Durchschnittstemperatur von 35 Grad herrscht, ist eine Ausfahrt ohne Klimaanlage schon eine Herausforderung.
Nachdem Tante Luzie ihre Alltagstauglichkeit unter Beweis gestellt hat, ist das große Ziel für 2011 abgesteckt: Eine Reise auf der berühmten Route 66.
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