Mercedes Benz 220 D, Baujahr 1972: Rollende Wanderdüne, schnörkellos - und grenzenlos cool

Mit dem Versprechen, ihn zu hegen und zu pflegen, erbte SPIEGEL-ONLINE-Leser Peter van Wijk seinen  Mercedes Benz 220 D. In Houston dreht sich fast jeder um, wenn die schneeweiße Limousine vorbeifährt - wobei der Begriff "fahren" fast ein wenig zu dynamisch klingt.

Mercedes Benz 220 D, Baujahr 1972: Bekannt als rollende Wanderdüne Fotos
Peter van Wijk

Nahezu jeder Autobesitzer fühlt sich mit seinem Fahrzeug auf besondere Weise verbunden. Bei SPIEGEL ONLINE stellen Leser ihr persönliches Lieblingsmodell und ihre persönlichen Erlebnisse mit dem Gefährt vor. Diesmal berichtet Peter van Wijk über das Leben mit seinem Mercedes Benz 220 D, Baujahr 1972.

In den achtziger Jahren konnte ich mich nicht sattsehen an den Modellen der Baureihen W123 und W115 - den Urvätern der heutigen E-Klasse sozusagen. Ich liebte sie besonders, wenn die weiß lackiert waren. Mein Vater bevorzugte BMW, bekam aber meist Firmenwagen von Opel und Audi. Ein Mercedes war nie dabei. Als unsere Familie 1990 nach Houston, Texas, zog, probierten wir sofort amerikanische Marken aus, und ich verlor Mercedes ein wenig aus dem Blickfeld.

Bis ich bei einem Rettungsdiensteinsatz die Vorbesitzer meines Oldies traf: ein Oberst der US-Army im Ruhestand und seine deutsche Ehefrau, die er nach Ende des Zweiten Weltkrieges kennengelernt hatte. Nach Fronteinsätzen in Korea und Vietnam zog er mit der Familie ins beschauliche Virginia. Die Gattin bekam die Aufgabe, ein Fahrzeug für den Familientransport zu beschaffen. Sie suchte sich einen Mercedes 220 D der sogenannten Strich-8-Reihe aus - mit Vier-Zylinder-Dieselmotor und Viergangschaltung. Der Preis lag natürlich deutlich höher als der vergleichbarer US-Fahrzeuge. Entsprechend sorgfältig wurde der Viertürer gepflegt.

Die "Königin", so der Spitzname des Wagens, geleitete die Familie in den folgenden 30 und mehr Jahren quer durch die Staaten, unter anderen auf Ausflüge nach Yellowstone, Colorado oder Kalifornien. Da der Oberst im Alltag einen Dodge Charger bevorzugte, hatte seine Gattin den Mercedes fast allein für sich.

Ohne Warteschlange zum Truckstopp

Mir erzählte sie mal eine Anekdote aus der Zeit der ersten Ölkrise. Die Opec-Staaten hatten 1973 den Ölhahn zugedreht, mit weitreichenden Folgen für die Weltwirtschaft. Da Diesel von der Verknappung relativ unbeeinflusst blieb, konnte sie mit ihrem Mercedes immer seelenruhig an den Warteschlangen der Benziner-Fahrer entlangfahren - bis zur Dieselzapfsäule. Wenn sie ganz entspannt ihr Fahrzeug aufgefüllt hatte, folgten ihr etliche neidische Blicke.

Später verschwand die "Königin", so der Spitzname des Wagens, in der Garage. Nur hin und wieder wurde sie in der Nachbarschaft spazierengefahren. Seine Arzttermine im Veteranenkrankenhaus von Houston mehrmals pro Woche - eine Stunde Fahrt im dichten Verkehr - erledigte der Oberst mittlerweile in einem Automatikwagen. Nach seinem Tod hatte dann aus seiner Familie niemand mehr Interesse an dem Oldie, und so kam das Fahrzeug einen Monat später zu uns.

Von einem Loch im Polster des Fahrersitzes und einer Roststelle am linken hinteren Kotflügel abgesehen, sieht der Wagen aus wie neu. Ich habe die Kraftstofffilter erneuert und das Auto gründlich gereinigt - und konnte einfach losfahren.

Ob Hitze oder Minusgrade: Nach einer kurzen Anlaufzeit springt der Motor immer an. Die Heizung arbeitet sehr gut, nur die Klimaanlage funktioniert im Moment nicht. Gleiches gilt für das originale Becker Radio. Mal sehen, ob ich bei Mercedes Benz oder bei einer lokalen Werkstatt fündig werde. Neue Gummis in Türen und Fenster sollten die Geräuschkulisse ein wenig reduzieren. Die Federung und die Lenkung halten das Auto noch immer schnurgerade in der Spur.

Ab 60 Meilen wird es laut

Stets zieht der Wagen bewundernde Blicke auf sich, trotz des betont schlichten Designs wirkt er wie ein echter Exot. Der Coolness-Faktor ist einfach enorm. Der größte Fan ist der einzige Händler für Biodiesel in Houston. Der besitzt nämlich ein baugleiches Fahrzeug, grün lackiert und mit beigefarbenem Interieur. Gespeist mit Biodiesel hat das Dieselaggregat sogar seinen anfangs recht rauen Ton abgelegt.

Sollte eine Werkstatt nötig sein, so gibt es in Houston eine reiche Auswahl an Mechanikern für europäische Modelle. Bis dahin dürfte es aber noch eine Weile dauern. Denn obwohl der Tacho mittlerweile nur noch ab und zu funktioniert, schätzen wir, dass das Auto an die 250.000 Meilen auf dem Buckel haben dürfte. Bislang läuft die Königin noch rund. Sie beschleunigt zwar unmerklich, schwimmt im Verkehr aber gut mit, solange man die rechte Fahrspur nicht verlässt. Immerhin muss der 55-PS-Diesel rund 1400 Kilogramm bewegen. Lästermäuler sprechen deshalb gerne von einer rollenden Wanderdüne. Ab 60 Meilen in der Stunde macht der Strich-Acht außerdem ordentlich Krach. Für die linke Spur ist das zu langsam, denn meist werden die erlaubten 65 mp/h um zehn und mehr Meilen überschritten.

Allzu viel möchte ich der alten Dame ohnehin nicht mehr abverlangen. Sie hat sich ihren Ruhestand verdient. Für längere Fahrten kommt ihr Enkel zum Einsatz: ein C-Klasse-Mercedes 320 als Kombi, Baujahr 2002. Schade, dass er als Diesel nie in die USA geliefert wurde. Beide Autos zu besitzen, das Original und dessen Weiterentwicklung, das wäre schon toll.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Ganz nett aber.....
dipl_arch 28.03.2011
....mein 200D /8 hatte 55PS - der 220D hatte doch vieeeel mehr :-)
2. Was die Fahrer nicht daran hinderte
gsm900, 28.03.2011
Zitat von dipl_arch....mein 200D /8 hatte 55PS - der 220D hatte doch vieeeel mehr :-)
aufder linken Spur meien P7 (75 Ps) anzublinken und dann ging ihnen am Berg die Puste aus.
3. Nämlich
thrust26 28.03.2011
sportliche 60 PS! :)
4. Texas Klima
Texmex 28.03.2011
ist einfacg genial fuer die Erhaltung von Autos. Schoenes Fahrzeug und man sieht sie in Texas nur nich sehr selten auf den Strassen. Viel Spass damit. Gruss aus Dallas.
5. Nicht...
sappelkopp 28.03.2011
...die blankgeschliffenen und gesichtslosen neuen Autos sind es. Das ist es, das ist "Das Auto".
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Markus Gölzer
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