Mercedes-Benz W 126, Baujahr 1990 Von Reeperbahn bis Vatikan

Einst war die Mercedes-Baureihe W 126 das bevorzugte Gefährt von Präsidenten, Protzern, Potentaten. SPIEGEL-ONLINE-Leser Markus Gölzer kaufte preiswert eine alte S-Klasse - und freut sich über gediegenes Wurzelholzinterieur und Samtveloursbezüge.


Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch deutlich älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Markus Gölzer über seinen Mercedes W 126, Baujahr 1990.

Markus Gölzer:

Kiez-Legende Karlheinz Schwensen fährt einen, Päpste und Präsidenten fuhren ihn bis vor nicht allzu langer Zeit, Nina und ich werden ihn fahren, bis er oder wir den Dienst quittieren: den W 126, die Baureihe der Mercedes-S-Klasse von 1979 bis 1991.

Das Luxussymbol der Achtziger schützte seine Passagiere als erstes mit modernen Sicherheitsfeatures wie dem Airbag, der damals noch Luftsack hieß und strömt gleichzeitig einen Halbweltcharme aus, den ich als Jugendlicher ziemlich sexy fand. Und auch als juveniler Enddreißiger, wie ich bei einer unerwarteten Begegnung mit einem 90er Modell auf einem Gebrauchtwagenhof feststellen konnte: 1,5 Tonnen dunkler Stahl, fetter Chromgrill, hellgraues Samtvelours (war als Extra genauso teuer wie das teuerste Leder), handvernähtes Lederlenkrad, Wurzelholz, Klimaanlage und und und.

Der Wagen ist ein 80.000-Mark-Auto für 6000 Euro, technisch seiner Zeit weit voraus, das in der Modellausführung 260 SE mit seinen 160 PS einen moderaten Spritverbrauch hat. Alles andere als moderat ist die Verarbeitung – schon beim Einsteigen lässt sich erahnen, wie frei sich Ingenieure fühlen durften, als sie noch nicht den Lederslipper des Controllers im Nacken hatten: Türen, die jedem Tresor gerecht werden und trotzdem mit Leichtigkeit aufschwingen, schwere Sitzmöbel, die in Verbindung mit dem Wurzelholzduft eher an einen englischen Club als an deutsche Wertarbeit erinnern und solide Armaturen, die diesen Namen auch verdienen.

Nachdem ich das alles dem Gebrauchtwagenhändler erklärt hatte und auf sofortigen Kauf drang, wich dieser ein Stück zurück und machte sich daran, das einfachste Geschäft seines Lebens zu tätigen. Und Nina und ich traten die erste Fahrt in unserem Dicken an.

Fast schon zu souverän

Wo andere fahren, gleitet der W 126. Vom Motor ist praktisch nichts zu hören, von Bodenunebenheiten nichts zu spüren. Nur die Klimaanlage keucht behaglich. Und sollte man tatsächlich einmal das Gefühl haben, sich an der Hetze da draußen beteiligen zu müssen, kann der rollende Palast durchaus agil beschleunigen – aber wann will man das schon? Vielmehr neigt der Fahrer dazu, vor lauter Souveränität immer langsamer zu fahren, bis einen der aufgeregte Hintermann daran erinnert, dass 20 km/h dem Verkehrsfluss eher abträglich sind.

Die Souveränität endet jäh, wenn nach 15-stündiger Fahrt im Hochsommer kurz vor Barcelona die Klimaanlage ausfällt – und aus dem komfortablen Reisemobil schlagartig ein Hochofen mit gefühlten 1000 Grad wird. In Verbindung mit Uneinigkeit über den weiteren Streckenverlauf eine hochexplosive Mischung, die ich keinem reisenden Paar wünsche.

Ansonsten entsprechen Zuverlässigkeit und Qualität auch nach 230.000 Kilometern dem früheren Ruf der Marke, das Preisniveau bei den wenigen größeren Reparaturen leider auch. Das meistgebrauchte Ersatzteil ist und bleibt der Stern auf der Kühlerhaube, aber selbst der musste in vier Jahren erst dreimal ersetzt werden. Das Platzangebot ist überragend, und so bleibt unterm Strich herrlich überflüssiger, aber nicht unvernünftiger Luxus für überschaubares Geld.

Oder wie es der Mechaniker meines Vertrauens formulierte, während er die Mercedestür immer wieder öffnete und genüsslich ins Schloss fallen ließ: "Herr Gölzer, ich sach' mal: ein besseres Auto können Sie nicht fahren." Recht hat er.

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Forum - Altmetall Mercedes W 126 - was sind Ihre Erfahrungen?
insgesamt 20 Beiträge
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tigerluchs 31.07.2007
1. Er läuft... und läuft... und läuft - mit Hilfe
Hallo! Wir haben jetzt seit ca. 3 Jahren einen 1990er 500 SEL, der einige Zeit in einer Scheune überdauert hat und dann wieder zugelassen wurde. Der Motor und der Wagen sind an und für sich ein Traum. Ist man jedoch so detailverliebt, daß man auch die kleineren Fehler beseitigen läßt, so geht das bei diesen Modellen schnell ins Geld. Wir haben sozusagen von dem damaligen Anschaffungspreis, der allerdings sehr günstig war, nochmal dasselbe in Reparaturen hineingesteckt. Nichtsdestotrotz möchten wir das Auto nicht gegen einen Neuwagen tauschen, da die Behäbigkeit und Ruhe mit einem Neuwagen kaum zu vergleichen ist. Das Schließen der Tür, das Starten des Motors und das Dahingleiten bei 80 bis 100 km/h und einer Drehzal von gerademal 2000 ist unwahrscheinlich schön. Ebenso der Duft nach Leder und die eingebaute Stereoanlage von Becker, die damals schon 8000 DM extra gekostet hat, bringen einen schönen Klang. Darüber hinaus hallt es in diesem Wagen leicht nach, wenn man die Gurte schließt. Ob das an der Langversion liegt oder einfach an zu alten Federn der Schließe lasse ich mal dahingestellt ;-). Die hydropneumatische Federung läßt einem nicht wirklich einen Kontakt zu Strasse fühlen. D.h. man kommt sich eher vor wie an Bord eines Dampfers, der für alles etwas mehr Platz braucht. Die Länge von 5,20 Metern ist natürlich ungünstig für Parkplätze in der Stadt, aber die mercedestypischen Möglichkeiten, die Vorderräder maximal einzuschlagen hilft extrem. Zum Einparken gibt es leider kein besseres Auto. Wir haben noch einen 124 und dieser ist fast auf dem Teller zu drehen, wenn man Spass am Zirkeln hat. Ob man mit zwei Personen eine Langversion braucht, ist ebenso fragwürdig, aber das Gefühl einen Dampfer zu fahren und zu genießen wollen wir ungern missen. Auch wenn die Antischlupfregelung im Winter eher als unnötig bzw. unmöglich anzusehen ist. Andere Fahrzeuge fahren langsam mit durchdrehenden Reifen vom Fleck während sich unser 126 auch nicht mit gutem Zureden dazu veranlasst sieht auf glatter Fahrbahn überhaupt die Reifen zu bewegen. Läuft er allerdings mal, dann hält den Wagen durch sein Gewicht auch hohe Schneeverwehungen nicht mehr auf. Allerdings sollte man immer etwas Kies und Matten im Auto haben um ihm den nötigen Schubs geben zu können. Der Verbrauch ist sicherlich nicht der umweltverträglichste, aber mit technischen Nachrüstungen ist auch dieser Wagen auf Euro3 Norm gebracht worden. Alles in allem ein tolles, wenn auch manchmal teures Fahrzeug. Gruß Tigerluchs "Mercedes fahren gibt einem immer das Gefühl, einem guten Stern zu folgen."
Benz500 31.07.2007
2. Toller Wagen
Allerdings finden sich einige Fehler in der Beschreibung. Das abgebildete Fahrzeug hat keine Velourausstattung, sondern die serienmäßigen Stoffsitze. Auch war Velour nicht gleichteuer wie Leder. 1990 kostete Velour 2.291,40 DM Aufpreis, Leder hingegen 3.271,80 DM. Daneben gab es noch die Kunstfaser Amaretta für 2.650,50 DM und das MB-Tex genannte Kunstleder für 319,20 DM (auch aus damaligen Taxis der Baureihen W123 und W124 bekannt). Verschiedene Lederarten waren auch nicht erhältlich, so dass es kein "teurstes Leder" gab. Die Unterschiede der Lederausstattung ist modelljahrbedingt: Ab September 1988 wurde das sogenannte "Softleder" angeboten, erkennbar an den gerippten Türverkleidungen und den fehlenden Längspfeiffen der Sitze. Das Wurzelholz dürfte auch keinen Duft verströmen, da es sich bei den Verkleidungen um hauchdünne Holzschichten handelt, die auf Aluminium aufgezogen und komplett mit Klarlack versiegelt sind. Ansonsten kann ich dem Bericht als Fahrer eines 500 SEL nur beipflichten, allerdings - da werden mir Kenner beipflichten - gilt der 260 SE gerade in Verbindung mit Automatik als untermotorisiert. Hier von agiler Beschleunigung zu Reden ist irreführend. Aber gerade bei diesem Fahrzeug, dass einem einen gelassenen Fahrstil geradezu aufzwingt spielen die Fahrleistungen eh eine untergeordnete Rolle. An meinen Vorredner: Das Becker Mexico Compact Disc electronic kostete als teuerstes Radio 1990 4.674,00 DM. Selbst mit dem zusätzlich optionalen Soundsystem für 1.407,90 DM kam man nicht auf 8.000 DM.
tssd47 31.07.2007
3. Der beste Mercedes, der je gebaut wurde. W126
Ich genieße ihn jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit. 8 Zylinder, eine seidenweiche Automatik, elektrisches Schiebe-Hebedach, elektrische Sitzverstellung, Sitzheizung, High-Tech Amaretta-Polsterung superweich, Klimaanlage, Airbag, ABS, ASR etc. pp. und natürlich die Gewissheit, 252 Pferden unter der Motorhaube freien Lauf lassen zu können, wenn man es nur will. Ach ja, ich vergaß: Meiner Frau bleibt der fast neue 207-PS Laguna vom Créateur d'Automobile, der sich ebenfalls 13 Liter auf 100 km gönnt. Wo bleiben da die 15 Jahre Entwicklungsunterschied? Fahrzeugtausch? NIEMALS!
OnkelBenz, 31.07.2007
4. 126...
Meine Schneck und ich haben einen 280 SE (M110), ihre Eltern fahren einen 300 SE. Außer in einem 116er, der für den Alltagsgebrauch schon ein bißchen zu antiquiert ist oder einem W100 oder W140(V8 muß dann aber sein), die ich mir nicht leisten kann, sitzt und fährt man in keinem Kraftfahrzeug besser. Eigentlich liebe ich meine silberblaue 123er Maus, aber der 126er wirkt noch erhabener und großzügiger. Der Wagen ist kaum aus der Ruhe zu bringen, und so bewegt er einen auch. Für den TDI oder 318i der unbedingt nerven muß, reichts aber noch... Ferner habe ich lieber etwas Metall um mich herum, als einen lustigen Kleinwagen mit acht Airbags. Das Sicherheitsgefühl in so einem Wagen ist mit nichts vergleichbar. Volvos sind vielleicht knorke, aber das Mercedes-Modell ergibt im Finish technisch wie optisch einen viel gediegeneren Eindruck. Ein hervorragendes Reisefahrzeug, man sitzt wie im Sessel, Automatik auf "D"auerbetrieb und man kann stundenlang über die unendliche Motorhaube in den Horizont fahren. Und mit einer gepflegte S-Klasse, gerne 22 bzw.17 Jahre alt, kann man sich wirklich überall sehenlassen.
fietje 01.08.2007
5. Mercedes W 126
Zitat von sysopDer Verkehr auf deutschen Straßen wird von Altwagen dominiert, die fünf, zehn oder mehr Jahre auf dem Buckel haben. Was taugen die betagten Modelle? Was sind Ihre Erfahrungen mit alten Mercedes W 126-Modellen?
dieser Wagen ist noch immer ein echter Hingucker , zwar nicht auf den neuesten Stand der Technich durch sein Alter bedingt , aber dafuer bietet der Wagen echten Luxus fuer relativ wenig Geld . fietje
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