Mercedes F 300 Life-Jet Dieses Dreirad inspirierte die S-Klasse

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: Ein Dreirad, das Mercedes in Schräglage brachte.

Daimler

Von Matthias Kriegel


Ein dreirädriges Vehikel mit Zyklopen-Scheinwerfer und schmaler Karosserie: Was da am 23. Dezember 1995 an der Strecke des Hockenheimrings parkte, sah nach allem möglichen aus, nur nicht nach einem Mercedes. Jedenfalls war nicht zu erahnen, dass ein Teil dieser seltsamen Konstruktion namens F 300 später einmal in dem Flaggschiff des deutschen Autoherstellers verbaut werden sollte - in der S-Klasse.

Entwickelt hatte das Dreirad der Mercedes-Ingenieur Günter Hölzel. Für ihn war der 23. Dezember 1995 wie Weihnachten; denn die hochrangigen Konzernmanager, die auf dem Hockenheimring eine Testfahrt im F 300 absolviert hatten, waren von der Schnelligkeit und der innovativen Fahrwerkstechnik des Gefährts begeistert. Hölzel bekam grünes Licht für die Weiterentwicklung.

Auf der IAA 1997 in Frankfurt wurde das Dreirad dann im Rampenlicht des Mercedes-Messestands präsentiert - als Forschungsfahrzeug F 300 Life-Jet. Ziel bei diesem Fahrzeug war es laut einem Presseprospekt von damals, "Fahrerlebnis und Kurvendynamik eines Motorrads mit der Sicherheit und dem Komfort eines Autos zu verknüpfen".

Wie im Flieger

Das Ziel wollte Mercedes wie folgt erreichen: Ein schräg im Heck verbauter, wassergekühlter 1,6-Liter-Vierzylinder-Benziner aus der A-Klasse, der 102 PS leistete, sorgte für den Vortrieb. 7,7 Sekunden dauerte der Spurt von null auf Tempo hundert, die Höchstgeschwindigkeit war mit 211 km/h angegeben. Geschaltet wurde, ähnlich wie bei einem Motorrad, per sequenzieller Gangwahl über einen seitlich angebrachten Hebel; Sicherheitsgurte, Airbag, Seitenaufprallschutz, ABS und Anti-Schlupf-Regelung gehörten ebenfalls zum Equipment.

Klingt nach einem soliden Automobil - wäre da nicht das Design gewesen.

Der F 300 Life-Jet verfügte über zwei Vorderräder und ein Hinterrad. Die Sitze waren hintereinander postiert, mit insgesamt vier Meter Länge hatte der Prototyp ungefähr die Maßstäbe eines Kleinwagens. Das Dach der Fahrgastzelle war geschlossen, ließ sich jedoch abnehmen, in zwei Teile zerlegen und im Kofferraum verstauen. Das Chassis war aus Aluminium gefertigt und brachte lediglich 89 Kilogramm auf die Waage. Insgesamt wirkte das Design wie das eines Fluggeräts, worauf ja auch der Name Life-Jet hindeutete. Auch der Innenraum mit dem oben offenen Steuerknüppel und den vielen Bedienelementen erinnert an ein Flugzeugcockpit.

Ein schräges Konzept

Die größte Besonderheit des Straßenjets aber war die Active Tilt Control (ATC), die eine Seitenneigung des Dreirads in Kurven erwirkte. Ein damals neu entwickeltes Computerprogramm berechnete je nach Geschwindigkeit, Beschleunigung, Lenkeinschlag und Giermoment (das Heck drängt nach außen) den perfekten Neigungswinkel für die jeweilige Fahrsituation. Die Informationen wurden direkt an einen Hydraulikzylinder an der Vorderachse weitergegeben, der passend zum Lenkeinschlag eines der beiden Federbeine nach außen drückte, sodass sich Räder und Karosserie in die vom Computer berechnete Schräglage neigten.

Auf Fotos, die den F 300 Life-Jet bei Kurvenfahrten zeigen, sieht man, dass sich das Fahrzeug wie ein Motorrad in die Kehre neigte. Der Fahrer jedoch verharrte gemütlich in seiner Position. Der maximal erreichbare Neigungswinkel des ATC betrug dreißig Grad. Die Reifen waren speziell auf diese Innovation abgestimmt und so konstruiert, dass sie einen großen Sturz- und Schräglaufwinkel ermöglichen. Die aus Magnesium angefertigten Felgen brachten zudem nur 75 Prozent des Gewichts einer herkömmlichen Motorradfelge auf die Waage. Im Verbund mit der Neigungstechnik stieg so die mögliche Querbeschleunigung von 0,6 auf 0,9 g an - und damit der Fahrspaß in Kurven.

Vom Life-Jet in die S-Klasse

Der F 300 Life-Jet blieb ein Unikat. Vorübergehend stand er im Mercedes-Museum, derzeit parkt er in einer Halle auf dem Werksgelände. Doch die maßgebliche Innovation Active Tilt Control schaffte den Sprung in die Serienfertigung: Als 1999 eine neue Mercedes S-Klasse (Baureihe 220) präsentiert wurde, wurde erstmals ein System namens Active Body Control angeboten, das mithilfe von Hydraulikelementen am Fuß der Stahlfedern die Kurvenneigung der Karosserie weitgehend ausgleichen konnte.

Später wurde daraus die Magic Body Control, bei der zusätzlich eine Kamera die Straße vor dem Auto scannt und etwaige Schlaglöcher oder Unebenheiten an die Fahrwerksteuerung meldet, damit diese Ruppigkeiten des Untergrunds durch Verstellen der Federn und Dämpfer buchstäblich ausgebügelt werden können. Beide Systeme wurzeln in der Neigungstechnik des F 300 Life-Jet.

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pacof 20.03.2017
1. Anti
Ich will auch mal klugschei****n. Es heißt ASR - Antriebsschlupfregelung. Jedoch tatsächlich beim ABS Antiblockiersystem.
mborevi 20.03.2017
2. Ich werde nie verstehen, wieso ...
... so viel Gedankenschmalz in solch überflüssige "Erfindungen" investiert wird, es aber gleichzeitig nicht gelingt, ein schadstofffreies Auto seriös zu entwickeln. Stattdessen wird mittels Softwaretricks die Schadstoffarmut vorgetäuscht. Es kann doch für einen denkenden Menschen wirklich nicht darum gehen, immer mehr PS im Autobahn-Stillstand zu bewegen und dabei den Stau-Fahrspaß zu genießen und - theoretisch - immer schneller um Kurven fahren zu können. Sind wir alle verrückt?
guentherzaruba 20.03.2017
3. genau wie beim C111
bedauerte ich es SEHR, dass das F 300 nicht in Serie ging . Ein Motorrad von DAIMLER ist schon JAHRZEHNTE mehr als überfällig. Den Tomahawk nicht mit gerechnet
spontanistin 20.03.2017
4. Na geht doch!
Und jetzt das ganze mit E-Motor oder Wasserstoffantrieb. Das wäre doch echter Fortschritt durch konsequenten Leichtbau.
felisconcolor 20.03.2017
5. Da gibt
Zitat von mborevi... so viel Gedankenschmalz in solch überflüssige "Erfindungen" investiert wird, es aber gleichzeitig nicht gelingt, ein schadstofffreies Auto seriös zu entwickeln. Stattdessen wird mittels Softwaretricks die Schadstoffarmut vorgetäuscht. Es kann doch für einen denkenden Menschen wirklich nicht darum gehen, immer mehr PS im Autobahn-Stillstand zu bewegen und dabei den Stau-Fahrspaß zu genießen und - theoretisch - immer schneller um Kurven fahren zu können. Sind wir alle verrückt?
es eine ganz einfache Lösung für. Dieser Hype um "schadstofffreie" Verbrenner ist ein politökologischer Blödsinn der nur in den Köpfen von Chemie und Physik unbedarften Menschen existiert. Und kein Hersteller Vorstand hat genug Hintern in der Hose gehabt den Politikern zu sagen "Das funktioniert nicht". DAS ist verrückt. Motore von heute laufen nur noch weil sie von viel Elektronik zwangsweise am Laufen gehalten werden. Die Besten und saubersten Motore (für Autos) haben zwischen 2 und 3l Hubraum sind Sauger oder Selbstzünder und sind vernünftig eingestellt. Mit ein paar Innovationen der Neuzeit wie z.B. Piezoeinspritzung und Russfilter. (Abgasrückführung übrigens sehr effizient ist ja schon ein alter Hut.) Jaaaa die emittieren halt etwas mehr CO2 aber dafür kaum andere Schadstoffe und schon gar kein NOx. Aber das begreifen Menschen von heute nicht mehr. Mein 1,1l 146PS Motor (guter alter Sauger) top eingestellt ist auf dem Abgasprüfstand besser als mancher Motor mit Kat. Aber sowas zu behaupten ist ja heute Gotteslästerung. Weil nicht sein kann was nicht sein darf. Das Gedrängel um immer weniger CO2 hat erst das Problem NOx hervorgerufen.
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