Mercedes Nafa Das vielleicht hässlichste Auto der Welt

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: der Mercedes Nafa.

Daimler

Von Christian Frahm


Was für ein seltsames Vehikel: Die Front wie die eines VW-Busses, der in den Zerrspiegel guckt. Das Profil wie eine verunglückte Autozeichnung eines Kindes. Das Heck ein komischer Plexiglasbürzel. Und so winzig! 2,5 Meter lang, 1,5 Meter breit und hoch - wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das Vehikel für das etwas verunglückte Einzelstück eines Autobastlers halten.

Das irrwitzigste an diesem im wahrsten Sinne schrägen Mobil pappt vorn auf der Haube - ein Mercedes-Stern. Insofern: Einzelstück ja, Hobbybastler nein. Der Wagen war das Werk von Daimler-Benz und bei seinem Erscheinen 1981 gleichzeitig die Antithese zu allen anderen damals erhältlichen Mercedes-Fahrzeugen.

Viele Menschen hielten die Studie Nafa - eine Abkürzung von "Nahverkehrsfahrzeug" - bei ihrer Premiere deswegen schlichtweg für einen Scherz.

Sicherheitshalber zwei Überrollbügel

Für Mercedes jedoch war das Auto ein höchst ernsthaftes Anliegen. Es wirkte wie die Reaktion der Stuttgarter auf eine neun Jahre zuvor erschienene Studie "Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome; bei Daimler hatten sie begriffen, dass es irgendwann eng werden würde in den Ballungszentren. Entsprechend minimalistisch war das Nafa konzipiert: ultrakompakt, extrem wendig und maximal effizient.

Mercedes Nafa
Daimler

Mercedes Nafa

Das Auto bot genug Platz für zwei Passagiere plus Einkaufstüten und ließ sich, dank Allradlenkung und einem Wendekreis von lediglich 5,70 Meter, auch in kleinste Parklücken zirkeln. Es gab zwei Schiebetüren für einen problemlosen Ein- und Ausstieg in engen Parkhäusern, eine Plexiglaskuppel am Heck, die sich nach oben aufklappen lässt und dem Fahrer zugleich einen herrlichen Rundumblick ermöglicht. Eine weitere Klappe zwischen den Rückleuchten war zum Verstauen kleinerer Einkäufe im Gepäckabteil gedacht.

Mit 700 Kilo war das Nafa im Verhältnis zu seiner Größe nicht gerade ein Leichtgewicht, doch dafür gab es gleich zwei eingearbeitete Überrollbügel, die für Sicherheit sorgten - obwohl damals noch niemand an Elch-Tests dachte.

Wegbereiter für A-Klasse und Smart

Innen waren Sitze und sämtliche Armaturen mit Leder überzogen - Oberklasse-Charme im Kleinstformat sozusagen. Die eingebaute Klimaanlage hingegen war weniger Luxus als pure Notwendigkeit: Da sich die Fenster des Autos nicht öffnen ließen herrschte bei Sonnenschein eine Atmosphäre wie im Treibhaus.

Angetrieben wurde der Mini-Mercedes von einem Dreizylinder-Benziner mit einem Liter Hubraum und einer Leistung von 45 PS, der gerade so unter die kleine Haube passte und das Auto in 14 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigte. Theoretisch war eine Spitzengeschwindigkeit von 130 km/h möglich.

Für etwas mehr als 20.000 Mark, so die damalige Kalkulation, hätte der Winzling gebaut und angeboten werden können. Das war natürlich ein Preis jenseits von Gut und Böse, und so versuchte es Mercedes erst gar nicht. Aber die Idee war in der Welt. Und von dieser Idee profitierte 15 Jahre später der Prototyp der Mercedes A-Klasse, der 1996 debütierte und dessen Ähnlichkeit mit dem Nafa unverkennbar ist. Noch mehr beeinflusste die Studie das 1997 erstmals vorgestellte Smart City-Coupé.

So wurde - mit reichlich Verzögerung und zahlreichen Änderungen im Detail - aus dem Nafa doch noch ein Serienauto. Die vermeintlichen Scherzkekse von 1981 haben die Lacher seitdem auf ihrer Seite.



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insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
Thorkh@n 21.03.2016
1. Da hat ...
... Mercedes sich wohl von Playmobilautos inspirieren lassen. ;)
wll 21.03.2016
2. Kein Titel
Seiner Zeit sicher (zu weit) voraus, aber definitiv nicht das hässlichste Auto der Welt. Von diesem "Ehrenplatz" ist imho der Fiat Multipla kaum mehr zu verdrängen. So schlecht sieht der Mercedes m. E. gar nicht aus, bis auf das "Papamobil-Heck" vielleicht. Ansonsten erinnert mich das Fahrzeug optisch eher an einen beim Waschen stark eingelaufenen Kleintransporter. ;-) Das größte no-go ist für mich aber, dass die Fenster sich nicht öffnen lassen. Zum Öffnen der Garageneinfahrt oder des Firmenparkhauses (Schlüsselkarte!) jedesmal auszusteigen, würde mich schon gewaltig nerven. Keine Ahnung, was sich MB da gedacht haben mag - vielleicht wollte man ja einen Absatzmarkt für funkbetriebene Garagenöffner schaffen? ;-)
ash26e 21.03.2016
3. Die Schiebetüren
würd ich der 3. Generation des Smart dringend empfehlen.Und elektrische Lenkung treibt mittlerweile den Preis auch nicht nach Utopia.
sumfuiesse 21.03.2016
4. Geschichte
Das mag geschichtlich interessant sein, jedoch gehört die daraus folgende A-Klasse zu den hässlichsten Autos aller Zeiten, neben Audi A2 und Fiat Multipla. Wobei ich die Fahrzeuge von Mercedes generell als nicht schön erachte, unabhängig vom Modell...
p2063 21.03.2016
5.
was Hässlichkeit betrifft kann es nur einen Sieger geben: Fiat Multipla
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