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Messerschmitt Kabinenroller: Wiederkehr des Wirtschaftswunders

Von Uschi Kettenmann

Ein Grafiker aus dem Odenwald verguckte sich in einen Messerschmitt Kabinenroller. Weil er sich das legendäre Mobil aus den Fünfzigern nicht leisten konnte, baute er einfach selbst eins. Daraus könnte ein Geschäftsmodell werden.

Messerschmitt Kabinenroller: Kleiner König der Straße Fotos
Uschi Kettenmann

Fred Zimmermann ist bekennender Fan des Messerschmitt Kabinenrollers aus den Fünfzigerjahren. "Warum das Rad immer neu erfinden? Viele gute Ideen von früher muss man nur wieder aufgreifen und mit modernen Techniken umsetzen", sagt der 53-Jährige.

Fred Zimmermann ist auch ein kreativer Tausendsassa. Weil er sich ein Original des Wirtschaftswunder-Kleinstwagens nicht leisten konnte, begann der Grafikdesigner, der als Angestellter in Teilzeit arbeitet, kurzerhand mit einem Eigenbau. Gute Exemplare der Oldtimer werden für immerhin bis zu 26.000 Euro gehandelt.

Vor allem das Grundkonzept von Konstrukteur Fritz Fend - minimale Motorisierung kombiniert mit maximaler Leichtbauweise - hat es ihm angetan. Die Philosophie von damals ist heute wieder aktuell - Studien von Audi mit dem Urban Concept, Opel Rak-E und VW Nils belegen das. Die kleinen Gefährte könnten in eng bebauten Städten ein Mobilitätskonzept für morgen liefern. Warum dann nicht auch eine Neuauflage des Messerschmitt?

"Nach zwei Tagen hatte ich keine Stimme mehr"

Zimmermann entschied sich bei seinem Messerschmitt-Nachbau für ein Velomobil, also eine Art windschnittiges Fahrrad mit Elektrounterstützung. Seine zwei kleinen Töchter wollte er mitnehmen können. Innerhalb von zwei Jahren entstand in der heimischen Garage im hessischen Odenwald der erste Prototyp in Monocoque-Kunststoff-Bauweise. Zur Senkung des Luftwiderstands studierte Zimmermann einen besonderen Messerschmitt - nämlich den Super 200, mit dem die Firma 1955 auf dem Hockenheimring bei einer 24-Stunden-Dauerfahrt insgesamt 22 Weltrekorde aufstellte. Mit seinen 13 PS erreichte das Rekordfahrzeug nur durch leichte Veränderungen der Karosserie gegenüber der Serie damals eine Spitzengeschwindigkeit von stolzen 130 Stundenkilometern.

Das erste Serienmodell kam 1953 auf den Markt, es war eine Mischung aus Motorroller und Auto. Der dreirädrige Zweisitzer bot dem einfachen Arbeiter, der sich bis dato meist mit Moped oder Motorrad fortbewegte, endlich ein Dach über dem Kopf. Doch zu Beginn der Sechzigerjahre war die Zeit der Kleinwagen vorbei, nach rund 35.000 Exemplaren lief 1964 der letzte Kabinenroller vom Band.

Das könnte sich nun ändern. Zimmermann arbeitet an einem Comeback des legendären Messerschmitt. Über ein Velomobil-Forum lernte Zimmermann mit Achim Adlfinger einen in Andalusien lebenden Designer und Kunststofftechniker kennen. Der gebürtige Bayer hilft ihm nun, den zunächst Veloschmitt genannten Wagen in Kleinserie zu bauen. Adlfinger kümmert sich in Spanien um den Formenbau und fand im slowenischen Ljubljana eine kleine Werkstatt für die Vorserie.

Als die beiden Männer Ende April den Wagen auf einer internationalen Fahrradmesse erstmals der Öffentlichkeit vorstellten, waren sie überwältigt von der Nachfrage. "Nach zwei Tagen hatte ich keine Stimme mehr," erzählt Zimmermann. Dafür aber zehn feste Bestellungen in der Tasche. Damit war eine Kleinserienfertigung beschlossene Sache.

Zimmermann darf seinen Veloschmitt nun Messerschmitt nennen

Zimmermanns neuer Messerschmitt hat mit einer Länge von 2,80 Meter und Breite von 1,22 Meter die genauen Maße seines Vorbilds. Nur im Frontbereich ist er konstruktionsbedingt 15 Zentimeter höher, um Platz für die Räder und die Tretmechanik zu haben. Dafür bringt er mit 120 Kilo inklusive Motor und Batterie nur die Hälfte seines Urahnen auf die Waage. Die Sitzposition kann für Fahrer von 1,50 Meter bis 1,95 Meter Körpergröße eingestellt werden. Der klassische Pedalantrieb wird mit einem bis zu 4000 Watt starken, auf 25 Stundenkilometer gedrosselten Elektromotor ergänzt, ungedrosselt sind bis zu 50 Stundenkilometer Geschwindigkeit zu erreichen. Optional kann der Veloschmitt auch mit einem zweisitzigen Limousinen-Einstieg mit oder ohne Cabriodach ausgestattet werden, außerdem hat Zimmermann zusätzlich eine dynamische Kurven-Neigungstechnik konstruiert. Die Ideen gehen ihm und Adlfinger nicht aus: Auch eine vierrädrige Version - entsprechend der Sportversion Messerschmitt Tiger - ist angedacht.

Selbst die Messerschmitt-Stiftung, 1968 von Firmengründer Willy Messerschmitt noch selbst gegründet, ist inzwischen mit im Boot. Sie besitzt nach wie vor die Markenrechte. Für Zimmermann ist es ein Ritterschlag, dass die Stiftung ihm nun sogar erlaubt, den Namen für den modernen Nachfahren des Kabinenrollers zu benutzen. Vielleicht rollt der Messerschmitt bald wieder wie früher in Deutschland vom Band. Denn die Produktion in Ljubljana ist mit der derzeitigen Nachfrage bereits komplett überlastet.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Nette Idee
Leser161 07.11.2014
Aber ein Velomobil ist wohl eher was für Enthusiasten. Im Alltagsgebrauch kommt man damit nicht weit. Und das fehlt uns doch, günstige Alltagsmobilität unterhalb einer fernreisetauglichen Ein-Tonnen-Lösung (aka Kleinstwagen)
2. Was wäre so schlimm.....
ridgleylisp 07.11.2014
..... mit einem kompletten Nachbau des damaligen Vehikels? Mit 13-PS Motörchen - damit man nicht mit leerer Batterie herumliegt?
3. Passt scho ...
sargeantangua 07.11.2014
Zitat von Leser161Aber ein Velomobil ist wohl eher was für Enthusiasten. Im Alltagsgebrauch kommt man damit nicht weit. Und das fehlt uns doch, günstige Alltagsmobilität unterhalb einer fernreisetauglichen Ein-Tonnen-Lösung (aka Kleinstwagen)
Was ist für Sie "Alltagsgebrauch"? Das Ding kann 50 km/h und damit die in Stadt zulässige Höchstgeschwindigkeit, braucht wenig Platz und reicht für die Fahrt in die Arbeit locker, da kommen Sie auch kleinere Hügel hoch. Regenschutz hats auch noch. Und Platz für ein Kind und Einkäufe - was sollte da noch fehlen?
4.
Ingmar E. 07.11.2014
Ein Milan SL-Velomobil schafft es mit einem 1kW-Motor auf >>100km/h (in Testfahrten aufm Sachsenring), da sieht man wieviel Potenzial bei diesem Fahrzeug verschenkt wurden, wenn es bei 4kW trotzdem nur 50km/h schaffen würde.
5.
Narn 07.11.2014
Zitat von Leser161Aber ein Velomobil ist wohl eher was für Enthusiasten. Im Alltagsgebrauch kommt man damit nicht weit. Und das fehlt uns doch, günstige Alltagsmobilität unterhalb einer fernreisetauglichen Ein-Tonnen-Lösung (aka Kleinstwagen)
Hä? Was'n daran nicht alltagstauglich? Fehlen Klimaanlage und Massagesitze oder was? Von den relativ hohen Anschaffungskosten mal abgesehen sind Velomobile für den täglichen Weg zur Arbeit bereits perfekt. Einkäufe passen idR noch mit rein, nur wenn man die Kinder noch abholen muss, dann braucht man ein Auto.
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