"Die Straßen werden immer voller, fahr' Messerschmitt Kabinenroller." Der Slogan klingt zwar ein bisschen angestaubt, doch im Prinzip ist er aktueller denn je. Und das, obwohl er schon über 50 Jahre alt ist.
Der Schüttelreim bewirbt keines der neuen Fahrzeugkonzepte, wie sie Renault mit dem Twizy als Antwort auf den Verkehrsinfarkt in den Metropolen bereits auf der Straße und VW mit dem Nils, Opel mit dem Rak-E und Audi mit dem Urban Concept zumindest in der Schublade haben. Sondern er lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Oldtimer, der die Idee vom Zwitter aus Auto und Motorrad bereits kurz nach dem Krieg vorweggenommen hat.
Vom genialen Konstrukteur Fritz Fend aus der Not geboren, war der von seinen Fans heute liebevoll "Karo" genannte Messerschmidt Kabinenroller nichts anderes als ein Auto für die Minimal-Mobilität. Damals war es allerdings nicht der Überfluss, der die Kunden in den Schmalspur-Flitzer getrieben hat, sondern der Mangel.
Autos konnte kaum ein Hersteller bauen und erst recht kein Kunde bezahlen: "Die Leute hatten kein Geld und die Hersteller kein Material. Es gab ja damals nicht viel mehr als Schrott und Trümmer", sagt Stefan Voit, der im Saarland ein sehenswertes Kleinstwagenmuseum betreibt.
Ein Tiger mit vier Rädern
Auf dieser bescheidenen Basis baute Fend 1948 erst ein motorisiertes Dreirad für Kriegsversehrte und als dessen Weiterentwicklung ab 1952 den Kabinenroller. Bei seiner Premiere vor exakt 60 Jahren hatte auch der mit vielen Teilen aus dem Motorradbau konstruierte Kabinenroller nur drei Räder und einen Einzylinder-Motor. Erst zum Ende seiner Laufzeit wurde er als "Tiger" oder "TG 500" auch mit vier Rädern und einem Zweizylinder angeboten. Aber auch dann war man am Steuer des Karo vom Auto-Gefühl noch meilenweit entfernt.
Daran hat sich bis heute nichts geändert - im Gegenteil. Um in dem Fahrzeug Platz zu nehmen, kann man entweder die Türe öffnen, oder mit einem kurzen Scherenschritt über die Brüstung springen. Einmal eingestiegen, klemmt man sich auf einen wackeligen Gartenstuhl und wartet darauf, das einem der Sozius buchstäblich den Buckel hinunterrutscht. Anders bekommt man zwei Leute nämlich kaum in den Wagen.
Sitzt, passt, wackelt - und hat keine Luft mehr. So ähnlich stellt man es sich am Steuerknüppel eines Star-Fighters vor. Nur, dass der Pilot dort auf Hunderte von Anzeigen schaut und es beim Karo neben dem wie aus zwei Spazierstöcken gebogenen Motorradlenker nur zwei dürftige Skalen gibt: Links eine für die Kühlerwassertemperatur und rechts eine fürs Tempo - das muss reichen.
Röcheln aus dem Heck
Doch die stolz geschwellte Brust fällt in sich zusammen, sobald man am fragilen Zündschlüssel dreht. Ein Räuspern im Heck, ein zartes Röcheln, dann ein Knattern, das immer gleichförmiger wird. Zwei winzige Kolben stampfen durch Zylinder, die kaum größer als ein Bierglas sind. Kein Wunder, dass der Motor mit Mühe und Not auf 20 PS kommt. Und damit kann man wirklich fahren?
Ja, und wie! 125 Sachen hat der große Messerschmitt mit dem Typenkürzel TG500 in seinen besten Tagen mal geschafft. Das reichte für ein Duell mit dem Opel Kapitän und so manche Rekordrunde auf den Rennstrecken jener Zeit. Und auch heute ist das Wägelchen noch überraschend flott bei der Sache. Auf einer leeren Landstraße oder dem ausrangierten Fabrikgelände rund um Voits Museum kann man das sogar 60 Jahre nach seinem Debüt erleben.
Aber wehe, die Straße wird voller und der Verkehr dichter: Dann fühlt man sich im Tiger nackt und exponiert wie in einer Badewanne, die auf dem Hänger durch die Stadt gezogen wird. Jeder schaut von oben ins Auto, der Abstand zum Nebenmann ist irgendwie immer zu knapp und selbst zu Porsche-Fahrern muss man aufschauen. Wer da kein großes Ego hat, der fühlt sich plötzlich ganz, ganz klein und verletzlich. Erst wenn man sich an den Minimalismus gewöhnt hat, selbst auf den nötigen Abstand achtet, ein wenig entschleunigt und sich auf das Abenteuer einlässt, ist Karo plötzlich Trumpf und man surft förmlich durch die City.
War der Wechsel vom Kabinenroller vor 60 Jahren vor allem deshalb ein Erfolg, weil man es damit zu etwas gebracht hatte und endlich mal mit sauberem Hemd und trockenen Haaren bei der Schwiegermutter vorfahren konnte, ist es heute genau umgekehrt: Spaß macht der Kabinenroller, weil man mit ihm bewusst Verzicht übt und einen Abstieg in Kauf nimmt - und zwar nicht nur bei der Sitzhöhe. Kleiner als ein Smart, wendiger als ein Mini und schlichter als ein Dacia Logan wäre er selbst heute noch das ideale Stadtfahrzeug - wenn sich mit den Jahren nicht auch das Verkehrsgeschehen verändert hätte.
Solange es für alte und neue Schmalspurflitzer keine eigenen Fahrbahnen gibt oder man mit ihnen zumindest auf die Busspur oder den Radweg darf, möchte man so ein Gefährt gar nicht dauerhaft durch das Kampfgetümmel der Großstadt bewegen müssen. Keinen Neuling wie den Nils oder den Twizy - und erst recht nicht einen Oldtimer wie den Messerschmitt.
Dafür werden die Klassiker unter den Kabinenrollern mittlerweile auch viel zu teuer gehandelt. Bis zu 20.000 Euro bezahlen Sammler für gut erhaltene Exemplare, sagt Kleinstwagen-Experte Voit. Und der seltene Tiger ist noch viel teurer. Kleines Fahrzeug, großer Preis - auch das hat der Messerschmitt mit seinen Enkeln wie dem Twizy oder irgendwann vielleicht mal dem Nils gemein.
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