Mietfahrrad vs. öffentlicher Nahverkehr Umsonst und draußen

Mietfahrrad oder öffentlicher Nahverkehr: Welches Verkehrsmittel ist eigentlich schneller - und günstiger? Der Test in einer deutschen Großstadt.

Jan Göbel

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Ich trete in quietschende Pedale, von vorne pustet mir kalter Wind ins Gesicht. Auf der langen geraden Strecke durch die HafenCity-Erweiterung gibt es keinen Schutz vor der Witterung. Etwas weiter westlich pendelt Hamburgs S-Bahn-Linie 3 zwischen Wilhelmsburg und Hauptbahnhof, mein täglicher Streckenabschnitt zur Arbeit. Ich sitze auf einem Ausleihfahrrad des Ausleihsystems "StadtRad Hamburg": Heute ist der Zug mein Kontrahent.

Mit welchem Verkehrsmittel bin ich schneller unterwegs? Mit meinem Leih-Bike oder dem öffentlichen Nahverkehr? Wie fällt der Vergleich auf anderen Routen aus? Was ist billiger? Wie ist die Verfügbarkeit der Räder? Und taugen die roten Dinger überhaupt was? Eine Challenge auf fünf Strecken.

Rasch erklärt: So funktioniert das Leihsystem

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Öffentliche Mietfahrräder: Für Schnellbucher

Job, Party, Ausflug: die fünf Testrouten

  • Die Arbeitsroute: SPIEGEL-Verlagshaus - Wohnort des Redakteurs, Hamburg-Wilhelmsburg, die Entfernung einer Autofahrt liegt bei 9,7 Kilometern, Fahrtzeit: 17 Minuten.

Besonderheiten: Die Fahrradstrecke führt durch das ehemalige Zollgebiet, am Spreehafen und einem Deich entlang - bei Sonnenauf- und -untergang ein beeindruckendes Panorama, zudem kann man einen Blick auf die Baustellen im Zuge der HafenCity-Erweiterung werfen. Auch sonst ein Paradies für Radfahrer: nur eine Ampel! Um die Strecke mit dem öffentlichen Nahverkehr zurückzulegen, sind ein bis zwei Umstiege notwendig. Die Züge der S-Bahn-Linie 3 sind meist überfüllt. Die Fahrt mit dem Metrobus 13 ist dagegen unterhaltsam und berüchtigt, die Linie gilt als Lebensader Wilhelmsburgs und wurde 2012 verfilmt ("Die Wilde 13").


  • Die Partyroute: Wohnort des Redakteurs, Hamburg-Wilhelmsburg - Große Freiheit, Reeperbahn, die Entfernung einer Autofahrt liegt bei 12,8 Kilometern, Fahrtzeit: 24 Minuten.

Besonderheiten: Auch hier hat die Fahrradstrecke einige Highlights zu bieten. Darunter eine Fahrt durch den Hafen sowie den Alten Elbtunnel. Sie können mit dem Fußgängerfahrstuhl hinunter fahren oder in einem nostalgischen Lastenzug mit Autos. Der öffentliche Nahverkehr führt nach dem Hauptbahnhof in Richtung Reeperbahn ebenfalls durch einen Tunnel, allerdings unspektakulär durch den Citytunnel.

Alter Elbtunnel
Jan Göbel

Alter Elbtunnel


  • Die Touristenroute: Hauptbahnhof - Elbphilharmonie, die Entfernung einer Autofahrt liegt bei 2,5 Kilometern, Fahrzeit: 7 Minuten.

Besonderheiten: Hier führt Sie die Fahrradstrecke durch die alte Speicherstadt, immerhin Unesco-Weltkulturerbe, und Teile der Hafen City. Trotz der kurzen Strecke werden Sie mehrmals zum Stehen kommen: Viele Ampeln bremsen Sie aus. Mit dem öffentlichen Nahverkehr kann die Elbphilharmonie nach einem Umstieg an den Landungsbrücken mit der Fähre erreicht werden. Das geht schnell und scheint noch ein Geheimtipp zu sein, auf unserer Fahrt war die Fähre nahezu leer. Alternativ führt die U-Bahnlinie 3 zur Elbphilharmonie, sie bietet an der Station Baumwall einen schönen Ausblick auf den Hafen.


  • Die Sommer-Grillroute: Universität Hamburg - Planetarium, Stadtpark, die Entfernung einer Autofahrt liegt bei 5,4 Kilometern, Fahrzeit: 16 Minuten.

Besonderheiten: Rotherbaum, Harvesthehude und Winterhude - oder anders gesagt: Stadtteile mit schicken Villen und teuren Autos vor den Einfahrten. An anderer Stelle herrscht aber Armut: Die Radwege sind schlecht oder gar nicht vorhanden, es könnte also durchaus sein, dass es Ihnen wie uns geht und Sie auf der Straße von einem Porsche-Fahrer weggehupt werden. Bei der Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs müssen Sie sich mit den Buslinien auskennen oder die App des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV) im Anschlag haben, mehrere Umstiege sind notwendig.


  • Die Fußballroute: Hauptbahnhof - Volksparkstadion, die Entfernung einer Autofahrt liegt bei 10,1 Kilometern, Fahrzeit: 22 Minuten (alle Angaben stammen von Google Maps).

Besonderheiten: Der Hamburger SV spielt aktuell nicht nur sehr bescheiden Fußball, auch sein Stadion ist sehr schlecht zu erreichen. Die Fahrradstrecke führt an einer stark befahrenen Bundesstraße vorbei, viele Ampeln bremsen aus. Die StadtRad-Station befindet sich zudem mehrere Fußminuten vom Stadion entfernt, immerhin bleibt so Zeit für ein Fuß-Pils. Der öffentliche Nahverkehr läuft hier deutlich zügiger, überfüllte Züge bei einem Spiel des HSV sind aber vorprogrammiert.


3:2 fürs Fahrrad: Die Ergebnisse im Überblick

Während unseres Testzeitraums hatte es geschneit, es war frostig kalt und Straßen und Radwege teilweise glatt. Die klassischen Ausreden, um das Fahrrad lieber stehen zu lassen, haben wir also nicht berücksichtigt.

Mietfahrrad vs. Nahverkehr - Der Vergleich

Strecke Zeit in Minuten/inkl. Fußweg Preis in EUR Auffälligkeiten Vorteil
SPIEGEL-Wohnort 27:15 (Mietfahrrad) - 31:20 (Nahverkehr) 0 (Mietfahrrad) - 3,20 (Nahverkehr) Fahrradausleihe funktionierte nicht über das Terminal, nur per Smartphone Fahrrad
Wohnort-Reeperbahn 29:57 - 36:30 0 - 3,20 Bügel beim ersten Fahrrad ließ sich aufgrund eines Defekts nicht öffnen, zweite Leihe unproblematisch Fahrrad
Hauptbahnhof-Elbphilharmonie 23:20 - 19:30 0 - 1,60 viele Rote Ampeln Öffentlicher Nahverkehr
Universität Hamburg-Stadtpark 23:12 - 29:20 0 - 3,20 kaum oder nur schlechte Radwege vorhanden Fahrrad
Hauptbahnhof-Volksparkstadion 54:30 - 36:30 0,08 - 3,20 Fahrradausleihe funktioniert nicht über das Terminal, Smartphone-Leihe ermöglichte die Leihe eines Rads, das sich nicht öffnen ließ. Zweiter Versuch unproblematisch. Stadtrad-Station über 20 Minuten Fußweg vom Stadion entfernt Öffentlicher Nahverkehr

Preisknüller und Nervenkrieg: Vor- und Nachteile der Mieträder

  • Was war gut?

Der Preis für die Nutzung des Mietrads ist beinahe unschlagbar. Auf unseren fünf Teststrecken haben wir lediglich für die Route Hauptbahnhof - Volksparkstadion acht Cent zahlen müssen (die einmalige Anmeldegebühr in Höhe von fünf Euro nicht einberechnet). Der Verbraucher profitiert einerseits von dem engen Netz an Stationen, andererseits davon, dass die Fahrtzeit zwischen interessanten Orten meist nicht über 30 Minuten hinausgeht.

Leihrad-Stationen im Hamburger Innenstadtbereich (200 Stationen und 2450 Räder im gesamten Stadtgebiet)
StadtRad Hamburg

Leihrad-Stationen im Hamburger Innenstadtbereich (200 Stationen und 2450 Räder im gesamten Stadtgebiet)

Auch der technische Zustand der Räder ist meist einwandfrei, mit einer Sieben-Gang-Nabenschaltung lassen sich für fittere Fahrer auch hohe Geschwindigkeiten erreichen. Die Sattelhöhe ist leicht der eigenen Körpergröße anzupassen und es gibt eine Gepäckträgerschale.

Sie haben Ihr eigenes Fahrrad und verstehen gar nicht, warum wir das Mietrad gegen den öffentlichen Nahverkehr testen? Guter Punkt. Aber auch hier gibt es gute Argumente für eine Ausleihe. Um Diebstahl ihres Fahrrad oder Vandalismus müssen Sie sich keine Sorgen machen. Zudem können Sie mit ihrem Account ein zweites Fahrrad leihen, ideal falls Sie Besuch haben.

Wer knausern will, kann das System austricksen. Sollten Sie Ihr Mietbike zum Beispiel bei 29 Minuten abgeben und direkt im Anschluss ein neues Fahrrad leihen, beginnt der Zeitzähler wieder bei null (nicht zur Nachahmung geeignet).

  • Was war schlecht?

An einigen Stationen hapert es mit der Ausleihe. In zwei von fünf Fällen war die Leihe über das Terminal nicht möglich. Hier verliert man kostbare Zeit und Nerven, denn auch ein anschließender Versuch Ausleihe per App schlug fehl. Erst beim zweiten Anlauf mit einem anderen Bike klappte es in unserem Test.

Wenn Sie nicht in einem dichtbesiedelten Gebiet oder zufällig an einer StadtRad-Station wohnen, könnte der Fußweg zum Ausleihterminal wichtige Minuten ihrer Zeit kosten. Beispielsweise ist die Station auf dem Weg zum HSV-Stadion viel zu weit weg, die Fahrt mit dem Mietfahrrad lohnt sich nicht wirklich.

An einigen Stellen hat vor allem die Stadtplanung dringenden Nachholbedarf, teilweise fehlen gute Radwege. Auf dieses Problem weist auch der Verkehrsclub Deutschland hin. "Vielerorts wächst zwar der Anteil der Radfahrenden, aber nicht die Infrastruktur dafür", sagt Pressesprecherin Anja Smetanin: "Das Fahrradleihsystem steht und fällt mit der Infrastruktur für Räder."

  • Und der öffentliche Nahverkehr?

Für die fünf Einzelfahrten hätten wir 14,40 Euro aufbringen müssen, auf drei von fünf Routen hätten wir mit der Bahn sogar langsamer das Ziel erreicht. Ansonsten verlief die Tour mit dem öffentlichen Nahverkehr unproblematisch, keine Zugausfälle und keine auffälligen Verspätungen. Meist war die kalkuliertes Zeit der HVV-App mit unserer benötigten Zeit identisch.


Aufsteigen lohnt sich: das Fazit

Schneller, günstiger und umweltschonender - das Mietfahrrad punktet fast überall und stellt damit eine attraktive Alternative zum öffentlichen Nahverkehr dar. Damit das Angebot aber wirklich erfolgreich ist, muss auch die infrastrukturelle Entwicklung einer Stadt mitwachsen. Ohne gute, breite und sichere Radwege macht die Nutzung auf manchen Routen keinen Spaß.

Auf der Strecke zu mir nach Hause habe ich das Problem mit schlechten Radwegen nicht, sie sind breit und sicher. Ich blicke auf die Anzeige an der Station Mannesallee. In vier Minuten kommt der nächste Bus. Es wäre mein Bus gewesen, heute bin ich wieder mit dem StadtRad unterwegs, und wieder einen Tick schneller zu Hause.

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Seite 1
Sibylle1969 07.02.2017
1. Rote Ampeln
Zu viele rote Ampeln sind für Radfahrer ungünstig, da sie den Zeitvorteil im Stadtverkehr zunichte machen können. Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit habe ich 13 Ampeln. Davon kann man bei 7 eigentlich fast immer gefahrlos durchfahren, auch wenn sie rot sind (z.B. reine Fußgängerampel oder Ampel, wo trotz Querstraßen-Grün nie ein Auto kommt). Da meine Wohnung und mein Büro an derselben U-Bahnstation liegen und somit eine hervorragende ÖPNV-Verbindung ohne Umsteigen besteht, sieht der Vergleich für mich so aus: U-Bahn (6 Stationen) reine Fahrtzeit 11 Minuten plus 10 Minuten Fußwege = 21 Minuten von Tür zu Tür. Mit dem Fahrrad (5 km) je nach Ampelschaltung zwischen 19 und 22 Minuten. Mit dem Auto im Berufsverkehr mindestens 30 Minuten. Da das Fahrradfahren nichts kostet, die U-Bahn aber 2 x 2,80 Euro, fahre ich immer Fahrrad, außer bei strömendem Regen. Im Jahr 2016 ist das aber weniger als 10x vorgekommen.
johannesbueckler 07.02.2017
2. guter Artikel
Tip für Touristen wenn das Wetter toll ist:.....Früh aus der Kiste und ausleihen, dann irgendwo mit dem mitgelieferten Schloß sichern....Sonst hat man/frau schlechte Karten, die Alster zu umrunden......kostet zwar ein bißchen mehr wegen der Zeitbegrenzung.....aber halt:.."gutes Rat ist teuer "
zeichenkette 07.02.2017
3. Ein massives Problem bei eigenem Fahrrad:
Wenn man das Ding nicht sicher vor der Haustür und am Zielort anschließen kann, muss man entweder damit rechnen, dass es schnell geklaut ist, oder man muss es umständlich und dreckig in den Keller und wieder raus schleppen. Nach meinen Erfahrungen steht und fällt die alltägliche Fahrradnutzung genau damit: Wo es vor den Wohnhäusern und an den Zielen massig Anschließmöglichkeiten gibt (auch solide Zäune oder Geländer reichen schon), wird im kleinen Alltagsverkehr viel Rad gefahren, wo es das gar nicht gibt, wird praktisch gar kein Rad gefahren. Kann sich ja mal jeder bewusst ansehen, ich finde dieses Problem ist völlig unterbewertet. In Wohngebieten ist abends meist jede Laterne und jeder Schilderpfosten mit mindestens einem Fahrrad belegt und bei allen, die keine Anschließmöglichkeit mehr finden, verrostet das Rad im Keller und wird bestenfalls im Sommer bei schönem Wetter am Sonntag mal rausgetragen.
rhoischnooke 07.02.2017
4. Call a Bike
Also ich nutze seit zweieinhalb Jahren in Frankfurt am Main täglich das Call a Bike Angebot und bin super zufrieden. zum einen vom Hauptbahnhof ins Büro, aber auch auf sonstigen Wegen innerhalb der Stadt.
c.PAF 07.02.2017
5.
Zitat von Sibylle1969Zu viele rote Ampeln sind für Radfahrer ungünstig, da sie den Zeitvorteil im Stadtverkehr zunichte machen können. Auf meinem täglichen Weg zur Arbeit habe ich 13 Ampeln. Davon kann man bei 7 eigentlich fast immer gefahrlos durchfahren, auch wenn sie rot sind (z.B. reine Fußgängerampel oder Ampel, wo trotz Querstraßen-Grün nie ein Auto kommt). Da meine Wohnung und mein Büro an derselben U-Bahnstation liegen und somit eine hervorragende ÖPNV-Verbindung ohne Umsteigen besteht, sieht der Vergleich für mich so aus: U-Bahn (6 Stationen) reine Fahrtzeit 11 Minuten plus 10 Minuten Fußwege = 21 Minuten von Tür zu Tür. Mit dem Fahrrad (5 km) je nach Ampelschaltung zwischen 19 und 22 Minuten. Mit dem Auto im Berufsverkehr mindestens 30 Minuten. Da das Fahrradfahren nichts kostet, die U-Bahn aber 2 x 2,80 Euro, fahre ich immer Fahrrad, außer bei strömendem Regen. Im Jahr 2016 ist das aber weniger als 10x vorgekommen.
Das ist ja genial. Aus dem Haus, in die U-Bahn-Station, einmal durchlaufen und am anderen Ende wieder hoch, und ab ins Büro. Man braucht nicht mal ein Ticket... ;-)
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