Mini-Hot-Rods mit Straßenzulassung: Badewannen auf Speed

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Fahrspaß pur mit nur 14 PS? Der Mini-Hot-Rod macht's möglich. Die Kiste hat weder Dach noch Dämpfung - und trotzdem eine Straßenzulassung. Die ultraflinken Flitzer haben Suchtpotential. Doch wie bei allen Drogen besteht auch hier bei dauerhaftem Gebrauch Gefahr für die Gesundheit.

Erinnern Sie sich noch? Als kleines Kind konnte man von Dingen, die Spaß machen, nicht genug bekommen. An den Händen von Papa durch die Luft gewirbelt zu werden zum Beispiel. Noch mal! Dieses Gefühl der Begeisterung lässt sich auch jenseits der Volljährigkeit erleben: mit der Fahrt in einem Mini-Hot-Rod. Man steigt nach der Fahrt aus und hat nur einen Wunsch: Noch mal!

Vergessen Sie für einen Augenblick alles, was Sie je über Fahrspaß gehört haben und stellen Sie sich einen Hybrid aus Seifenkiste und Gokart vor. Die Ausmaße ähneln einer schmalen Badewanne, und so funktioniert auch das Einsteigen: mit den Händen an den Seitenwänden abgestützt und dann ein Bein nach dem anderen ins Cockpit. Jetzt reicht ein Tritt aufs Gaspedal, und los geht's, mitten hinein in den Stadtverkehr. So verrückt das Gefährt auch aussieht - es hat eine Straßenzulassung.

Über diesen Coup freut sich Maik Wenckstern immer noch diebisch. Der 51-Jährige hat die schrägen Mobile vor rund fünf Jahren zusammen mit seinem Bruder entwickelt. Inspiriert wurden die beiden, so erzählt es Wenckstern, durch ein Rennen mit Aufsitzrasenmähern und "ein paar Flaschen Bier".

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Mini-Hot-Rods mit Straßenzulassung: Ab in die Kiste
"Zwei Jahre hat es gedauert, bis der TÜV zufrieden war und wir die Straßenzulassung bekommen haben", sagt er. Die Mini-Hot-Rods auf die erforderliche Mindestgeschwindigkeit von 80 km/h zu bringen, war dabei das kleinste Problem. Der große Durchbruch war geschafft, als die Prüfer die Sicherheit der GFK-Karosserie abnickten. Jetzt dürfen die Kisten sogar auf die Autobahn. Dort zieht es aber selbst Wenckstern nur in Ausnahmefällen hin - er schlägt eine Spritztour entlang des Hamburger Hafens vor. Also Helm auf, rein in die Wanne und rauf auf die Straße. Hier verschieben sich in dem knapp 120 Kilo leichten Mini-Hot-Rod plötzlich die Dimensionen. Ein Smart wirkt riesig wie ein Jeep, Geländewagen werden groß wie Lastwagen, und unter einem Lastwagen, so scheint es, lässt es sich glatt hindurchschlüpfen. Die Felgen der anderen sind auf Augenhöhe.

Angst? Nein, dazu ist das Fahrgefühl zu intensiv. Der Trip im Mini-Hot-Rod ist eine einzige Reizüberflutung. Ab der Brust aufwärts zischt der Wind um den Körper, direkt im Rücken knattert der Einzylindermotor, sämtliche Sinneseindrücke sind roh und ungefiltert. Und dann ist da noch die Sache mit der Federung: Es gibt keine. Mini-Hot-Rod und Fahrer werden eins mit der Straße. Es ist so, ob man auf einem Teppich sitzend über den Asphalt gezogen wird. Bei der Fahrt über Pflastersteine klappern die Zähne.

Schmerzen? Na ja, die werden in Kauf genommen. Schließlich verleihen das starre Fahrwerk und die direkte Lenkung den Glauben daran, im 90-Grad-Winkel um Kurven schießen zu können. Verblüffend, wie viel Spaß in einem Zylinder und 14 PS stecken. Das ist wie Achterbahn ganz vorn. Mit dem Unterschied, dass sich hier die Richtung bestimmen lässt. Noch mal!

Spezial-Windschutzscheibe für Österreich

Leider muss der Mini-Hot-Rod jetzt aber erst einmal stehen bleiben. Für mehr als eine Person ist kein Platz. Es geht nach Norderstedt bei Hamburg, in die Manufaktur von Maik Wenckstern, wo die Gefährte zusammengebaut werden. Es herrscht ein geordnetes Chaos aus Werkzeugkästen, Karosserieteilen und Motorsätzen - auf den ersten Blick wirkt die 400 Quadratmeter große Halle also wie eine normale Autowerkstatt. Bis zu 14 Mitarbeiter schrauben hier an den kleinen Flitzern.

"Das Ur-Modell haben wir noch in einer Doppelgarage zusammengebastelt", sagt Wenckstern. Als Design-Vorlage diente der 1932er Ford Revolver Hot Rod. "Dauernd sind die Scheinwerfer und Außenspiegel abgefallen", erinnert er sich an die anfänglichen Probleme - ein Nachteil der fehlenden Federung. Mittlerweile wackelt nichts mehr an dem Mini-Hot-Rod, dafür bringt die Expansion ins Ausland unerwartete Herausforderungen mit sich: "Für den österreichischen Markt mussten wir die kleine Frontscheibe ein bisschen vergrößern. Sonst hätte die Vignette nicht draufgepasst."

Die Preise für einen Mini-Hot-Rod starten bei 12.900 Euro. Rund 20 Exemplare hat Maik Wenckstern bisher an Privatpersonen verkauft. Die meisten Modelle werden aber für Anbieter von sogenannten City-Touren produziert: In Hamburg und Berlin gibt es bereits Verleihstellen, wo man sie stundenweise mieten kann. In Dresden und Wiesbaden sollen noch in diesem Sommer Stationen eröffnen, für weitere Städte in Deutschland, Spanien und Österreich laufen laut Wenckstern die Verhandlungen. "Wir wollen in diesem Jahr zwischen 100 und 120 Mini-Hot-Rods bauen", sagt er.

Zickzackkurs um Gullydeckel

Auch wenn die Fahrt durch den Großstadtdschungel ziemlich abenteuerlich ist - laut Wenckstern hat es bei den City-Touren noch nie einen Unfall gegeben. "Zur Sicherheit fährt immer ein Mitarbeiter als Begleitung mit", erklärt er. Trotzdem fühlt man sich in den kleinen Karren ziemlich schutzlos und hofft auf die Rücksicht der anderen Verkehrsteilnehmer.

Dank der simplen Technik kann der Fahrer selbst aber nicht viel falsch machen. Die Bedienung beschränkt sich auf Gas geben, Lenken und Bremsen, es gibt nur einen Vorwärts- und Rückwärtsgang. Die größte Herausforderung besteht darin, Gullydeckel und Schlaglöcher zu umkurven, um einem Bandscheibenvorfall vorzubeugen. Und sich an Ampeln so hinter die Autos zu platzieren, dass man nicht die volle Ladung Abgase beim Losfahren abkriegt.

Ein gewisses Maß an Gesprächigkeit sollte man als Fahrer eines Mini-Hot-Rods übrigens auch mitbringen, denn mit den Kisten erregt man mehr Aufsehen als in jedem Lamborghini. Bei der Spitztour am Hamburger Hafen zeigen sich zwei ältere Damen schwer beeindruckt. "Tolles Auto! Wie heißt das denn?" Sogar eine Polizeistreife winkt freundlich aus dem Einsatzwagen. Noch mal!

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Wie geil ist das denn?!
C-MC 17.05.2013
Das will ich auch! Aber kann mir bitte jemand verraten, wie die Dinger in D Straßenzulassung bekommen haben? Selbst wenn ich sowas bauen könnte, ich käme nie auf die Idee, eine TÜV-Vollabnahme zu beantragen, mangels Aussicht auf Erfolg. Hamburg is' mal wieder eine Reise wert.
2.
7eggert 17.05.2013
Ich find's toll, nur zwei kleine Fragen: 1) Verbrauch ohne Autobahn? 2) Warum ist eich ein Login-Timeout so wichtig, daß ihr mich dafür aus dem Thread schmeißt oder, wie gerade eben, garnicht erst reinlaßt, sondern zur Hauptseite schmeißt?
3. die zukunft
uterallindenbaum 17.05.2013
Ich finde dieses Artikel und das video obergeil. Bin auch sicher, dass sich eine spartanische Federung sich noch einbauen liesse. Modellbau lässt grüssen.
4. Herrlich...
axelkli 17.05.2013
Ich finde die Kisten sehr spaßig und würde gerne mal mit einer fahren, da ich aber über 2 m groß bin, sehe ich da wenig Aussicht auf Erfolg. Ich frage mich aber wie zum Teufel die eine Straßenzulassung bekommen haben, wo der TÜV sonst bei jedem Schräubchen Zicken macht. Hat der Meister die TÜV-Chefin gepudert?
5. Muss ich haben!
spon-facebook-1478387491 17.05.2013
Als Riesen "Super Seven"-Fan kribbelts schon beim Lesen des Artikels! Es scheint immer noch reduzierter und puristischer zu gehen. Auf nach HH zur Probefahrt und dann Penunzen aus der Spaßkasse zusammenkratzen und käuflich erwerben!!!
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Fahrzeugschein
Hersteller: Wenckstern
Typ: Mini-Hot-Rod
Motor: Einzylinder Viertakt gebläsegekühlt
Getriebe: Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 170 ccm
Leistung: 14 PS (10 kW)
Höchstgeschw.: 88 km/h
Verbrauch (ECE): 2,5 Liter
Kraftstoff: Benzin
Gewicht: 120 kg
Maße: 2010 / 1120 / 810
Preis: 12.900 EUR
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