Radel verpflichtet

Radel verpflichtet Bahn frei!

Maximilian Neukirch

Für mich die pure Form des Fahrradfahrens: Runde um Runde durch das Oval einer Radrennbahn zu treten. Leider kommt man als Freizeitradler nur schwer auf eine Bahn - es sei denn, der Zufall hilft.

Meine ersten Erinnerungen an den Radsport haben nichts mit der Tour de France zu tun, sondern mit einer Radrennbahn. Ich weiß noch, wie fasziniert ich war, als ich die Mannschaftsverfolgung bei den Olympischen Spielen 1972 sah: Vier Männern auf Rennrädern, dicht an dicht, die in einem unglaublichen Tempo Runde um Runde gegen ein anderes Team fuhren. Am Ende gewannen die vier Deutschen. Mir war klar: Das wollte ich auch einmal machen.

Ich verlor dieses Ziel dann aus den Augen - bis ich mir vor einigen Jahren ein sogenanntes Fixie kaufte. Das ist ein Fahrrad, das fast so minimalistisch ausgestattet ist wie ein Bahnrennrad: Es hat weder Schaltung noch Freilauf, sondern eine starre Achse, so dass man ständig treten muss. Bahnrennräder haben nicht mal eine Bremse, weil das nur zusätzliches Gewicht bedeutet. Auf die Bremse wollte ich bei meinem Fixie allerdings nicht verzichten, ich nutze es schließlich im Straßenverkehr und möchte noch ein Weilchen leben.

Das Fixie löste in mir die Begeisterung von 1972 wieder aus. Mein Traum: Einmal damit auf einer richtigen Radrennbahn zu fahren. Mein Problem: die Berliner Radrennbahn-Regeln.

  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Es gibt einige schöne Radrennbahnen in Deutschland, und eine der imposantesten befindet sich in meinem Wohnort: Das Velodrom in Berlin ist eine Holzbahn, sie gilt als eine der schnellsten Welt. Wie ich feststellen musste, sind Freizeitfahrer, wie ich einer bin, dort unerwünscht. "Sie müssen Mitglied in einem Verein sein", erklärte mir eine Dame vom Berliner Radsportverband am Telefon. "Und zwar in einen Berliner Verein."

Mir leuchtet ein, dass nicht jeder, der sich auf einem Rad halten kann, auf eine Bahn gelassen wird. Auf einem Bahnrad fährt es sich anders als auf einem konventionellen Rad. Ich habe selbst eine Weile gebraucht, bis ich mich daran gewöhnt habe, auf dem Fixie ohne Freilauf zu fahren. Die Bahnen sind in den Kurven außerdem sehr steil, die sogenannte Überhöhung kann zwischen 25 und 60 Grad betragen. Ist man nicht schnell genug, rutscht man von der Bahn runter.

Es gibt also eine Reihe von Regeln, die man kennen sollte. Aber ich habe, wie viele andere, keine Lust, deswegen in einen Verein einzutreten. Ich will keine Rennen fahren und auch nicht regelmäßig auf der Bahn trainieren. Ich würde es nur gerne einmal ausprobieren. Das aber passt nicht ins starre Konzept des Berliner Radsportverbandes. Ich habe gehört, dass es in anderen deutschen Städten ähnlich ist.

Ich hatte die Sache schon aufgegeben. Doch dann startete ich über Pfingsten mit meinem Sohn zu einer Radtour entlang der Isar. Kurz hinter Deggendorf, in dem Örtchen Niederpöring, tauchte sie auf einmal auf: eine echte Radrennbahn. Nicht in einer Halle, sondern in einem Stadion. Mit überhöhten Kurven, einer Tribüne und einer Anzeige mit den Rundenrekorden. Ich hatte meinen Traum wieder vor Augen.

Die Radrennbahn von Niederpöring
Maximilian Neukirch

Die Radrennbahn von Niederpöring

Natürlich war ich nicht auf dem Fixie unterwegs, sondern auf einem Rad mit Gepäckträger, Schutzblechen und Beleuchtung. Die Gelegenheit konnten mein Sohn und ich uns trotzdem nicht entgehen lassen. Doch der Zugang zum Stadion war versperrt. In Berlin wäre das wohl der Moment gewesen, in dem ein Platzwart auftaucht, um uns wegzuscheuchen.

In Niederpöring tauchte auch ein Platzwart auf. Er ermunterte uns, ein paar Runden zu drehen. Wir konnten unser Glück kaum glauben.

Anfangs war ich etwas nervös, vor allem vor der Kurve. In Berlin ist die Bahn an den Geraden 13 Prozent überhöht und in den Kurven sogar 45 Prozent. Ohne Speed stürzt man da ab. Aber in Niederpöring beträgt die Überhöhung in den Kurven nur 27 Prozent, und auf dem Beton der Fahrbahn haben die Reifen einen guten Grip. Nachdem ich die erste Kurve gemeistert hatte, konnte ich das Fahren genießen. Und wie sich herausstellen sollte, war diese Art des Fahrens ganz anders, als ich sie bisher kannte.

Bremsen und Anfahren, Halten an Ampeln, das Umfahren von falschgeparkten Autos - alle Hindernisse, die auf der Straße den Schwung rauben: Auf der Bahn gibt es sie nicht.

Auf der Bahn geht es nur um Geschwindigkeit. Es geht darum, den richtigen Rhythmus zu finden, und dann so schnell, so lang und so hart wie möglich zu treten. Beim Straßenfahren gibt es einen ständigen Wechsel zwischen Entspannung und Anstrengung. Bahnfahren ist nur Anstrengung. Es ist für mich die purste Form des Radfahrens. Intensiver als alles, was ich bis dahin gemacht hatte.

Die meisten Radrennbahnen haben eine Länge, die sich zu 1000 Meter addieren lässt. In Berlin sind es 250 Meter, in Niederpöring 333,33 Meter. Nach drei Runden war ich schweißgebadet. Auf der Straße hatte ich mich noch nie in so kurzer Zeit ausgepowert.

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Radel verpflichtet: Berlin, London, Niederpöring

Auf unserer Tour lagen noch 150 Kilometer vor uns, aber zwei Runden drehte ich noch auf der Bahn, zwei langsame. Erst dann rollte ich wieder runter. Mit einem richtigen Bahnrad, dachte ich mir, ist das Erlebnis vermutlich noch intensiver.

Zurück in Berlin wählte ich noch mal die Nummer des Radsportverbandes. "Im Oktober findet im Velodrom die Bahnrad-Europameisterschaft statt, die Bahn wird deshalb neu gemacht", erklärte mir eine Dame. "Danach", sagte sie, "gibt es noch mehr Einschränkungen."

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18 Leserkommentare
gebimmel 15.07.2017
geradsteller 15.07.2017
spontanamo 15.07.2017
Thomas Kummer 15.07.2017
Papazaca 15.07.2017
RolandBerger 15.07.2017
hle 15.07.2017
alpenradler 15.07.2017
busbahn 15.07.2017
Papazaca 15.07.2017
varesino 15.07.2017
malu501 15.07.2017
hle 15.07.2017
specialsymbol 15.07.2017
womo88 15.07.2017
gonzotheold 16.07.2017
zivcoedge540 17.07.2017
ralph b. 17.07.2017

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