Mobile Werkstätten: Der Fahrradmonteur, der an der Haustür klingelt

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Sie kommen mit Lieferwagen oder mit dem Lastenfahrrad - und sie haben für den Notfall alles dabei: In immer mehr Städten reparieren mobile Fahrradmonteure Platten, kaputtes Licht oder gerissene Bremszüge - direkt vor Ort, am Arbeitsplatz ihrer Kunden oder bei ihnen zu Hause.

Mobile Fahrradwerkstätten: Unterwegs für Schraubermuffel Fotos
Iva Jauss

Mittags 12 Uhr in Münster. Die ersten Studenten laufen Richtung Mensa. Jürgen Rohnstock steht neben der Kantine und sieht ihnen entgegen. Dann öffnet er die Tür seines roten VW-Busses und wartet. Auf Studis, die ihm Räder mit platten Reifen, abgefahrenen Bremsen oder gerissenen Ketten entgegen schieben, dann essen gehen, um anschließend ihr fahrtüchtiges Rad wieder abzuholen. Drei bis vier Drahtesel repariert Rohnstock bis 14.30 Uhr. Danach geht's zum nächsten Standort. Die kleinen Ausbesserungsarbeiten sind das Mittagsgeschäft des Zweiradmechanikers und in seinem Terminkalender eine feste Größe.

Rohnstock ist der Leezen Doc, Münsters selbsternannter Fahrrad-Doktor. Vor elf Jahren hat er die erste mobile Radreparaturwerkstatt Deutschlands gegründet. Wer sein Velo nicht selbst reparieren will und den Weg zum Fachgeschäft scheut, ruft ihn an. Mittlerweile gibt es fast in jeder Stadt Deutschlands diesen Service. Viele Familien und Pendler nutzen die praktische Alternative zum Transport in die nächste Werkstatt. Aber auch Firmen rufen immer häufiger die mobilen Dienstleister, um die Räder ihrer Mitarbeiter im Frühjahr und im Herbst zu checken.

Berlin Schöneberg am Vormittag. "Ein echter Notruf geht im Jahr ein Mal ein", sagt Norbert Winkelmann. Dann steht ein Radfahrer mit gerissener Kette oder einem Platten am Potsdamer Platz und braucht schnell Hilfe. Ist Winkelmann in dem Moment nicht gerade bei einem Kunden, um dessen Rad auf Vordermann zu bringen, hängt er seinen orangeroten Werkstatt-Anhänger ans Rad und fährt los. Fünf Euro extra kostet in Notfällen die Anfahrt. Denn normalerweise arbeitet der Berliner nach Terminkalender.

Hilfreicher Service für Familien

Der ist im Frühjahr und im Herbst voll. 50 Prozent von Winkelmanns Kunden sind Familien. Für sie ist die Inspektion zu Beginn der Radsaison häufig ein logistisches Problem. Der Transport von vier bis fünf Rädern ist per Bahn oder Auto entweder gar nicht möglich oder lästig. Wer das vermeiden will, ruft Winkelmanns Radambulanz. Der erledigt die Inspektion auf der Straße oder im Hinterhof. Sein Anhänger ist Montageständer und Werkstatt in einem - einen Meter tief, drei Meter lang. "Da finde ich überall in Berlin einen Platz", sagt er.

Allerdings ist sein Leistungsspektrum begrenzt. "Ich bin kein ausgebildeter Zweiradmechaniker", erklärt er. Technisch knifflige Arbeiten beispielsweise am Kugellager führt er nicht aus. Tanja Knöfel schon. Die Zweiradmechanikerin aus Freiburg hat in ihrem Mercedes 508 eine komplette Werkstatt mit Montageständer und Kompressor eingebaut. "Ich speiche Laufräder ein und walze die Gewinde selbst drauf", sagt sie. Die alleinerziehende Mutter hat mehrere Jahre in einem Fachgeschäft gearbeitet bevor sie sich mit ihrer mobilen Werkstatt selbstständig machte.

Seit vier Jahre bedient sie nunmehr Freiburg und Umgebung. In kleinen Dörfern gibt es oft gar keinen Fahrradhandel. Da schließen sich Nachbarn zusammen und bestellen die mobile Expertin. Bei 50 Cent pro Kilometer lohnt sich das. Zu ihren Kunden zählen aber auch diverse Firmen. Ein Stromanbieter und eine Uniklinik bestellen sie regelmäßig, damit sie die Räder ihrer Mitarbeiter wieder auf Vordermann bringt. Zwischen neun und 15 Velos macht sie dann an einem Tag fahrtüchtig.

Kein Job bis zur Rente

Zunehmend vereinbaren auch Pendler Termine mit Tanja Knöfel. Die Handwerkerin besucht sie dann am Arbeitsplatz, lässt sich den Fahrradschlüssel geben und repariert das Velo in ihrem Bus. Der ist komplett ausgestattet mit Vorbauten, Ritzeln, Schaltungen und einer kleinen Auswahl an Sätteln. Gepäckträger, Lenker oder andere sperrige Teile besorgt sie auf Bestellung. Abends können ihre Auftraggeber dann wieder mit dem Bike nach Hause fahren.

Die Fahrradbranche ist ein Saisongeschäft. Die mobilen Werkstätten ebenso. Im Winter ist Tanja Knöfel unter anderem Mitglied im Gesellenprüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer. "In dieser Sparte braucht man mehrere Standbeine", sagt sie. "Man muss an die Zukunft denken. Ich repariere gerne Räder, aber mit 64 Jahren will ich nicht mehr in meinem Bus stehen."

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insgesamt 14 Beiträge
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1. tolle idee
janne2109 22.07.2011
tolle Idee, es gibt doch immer wieder einfallsreiche und wendige Arbeitssuchende. Mehr davon bitte-
2. ...
...ergo sum 22.07.2011
Komisch das die anscheinend so wenig Werbung für sich machen. Hätte ich früher gewußt das es so etwas hier in Berlin gibt, dann hätten die bereits massiv Aufträge haben können. Z.Z. ist eines unserer Räder mal dran mit kleineren Reparaturen und wir haben bereits überlegt wie wir das Teil in welche ? Werkstatt (möglichst in der Nähe) bringen könnten. Wenn man keine entsprechenden Gepäckträger auf dem Wagen hat ist es schon problematisch ein defektes Rad quer durch Berlin zu transportieren. Jetzt müßte man nur noch die Tel.: Nr. dieser mobilen Werkstatt wissen. Dann wäre das Problem keines mehr für uns. Tolle Idee ! Ich hoffe diese Werkstätten halten durch und werden nicht auf irgendeine Weise "platt" gemacht. Hier in Berlin gibt es fast in jedem Haushalt mindestens ein Rad und da müßte es doch eigentlich genug Aufträge geben, - zumal ganz "Harte" auch im Winter mit den Dingern unterwegs sind.
3. Telefonnummer
rincewind 1111 22.07.2011
Zitat von ...ergo sumKomisch das die anscheinend so wenig Werbung für sich machen. Hätte ich früher gewußt das es so etwas hier in Berlin gibt, dann hätten die bereits massiv Aufträge haben können. Z.Z. ist eines unserer Räder mal dran mit kleineren Reparaturen und wir haben bereits überlegt wie wir das Teil in welche ? Werkstatt (möglichst in der Nähe) bringen könnten. Wenn man keine entsprechenden Gepäckträger auf dem Wagen hat ist es schon problematisch ein defektes Rad quer durch Berlin zu transportieren. Jetzt müßte man nur noch die Tel.: Nr. dieser mobilen Werkstatt wissen. Dann wäre das Problem keines mehr für uns. Tolle Idee ! Ich hoffe diese Werkstätten halten durch und werden nicht auf irgendeine Weise "platt" gemacht. Hier in Berlin gibt es fast in jedem Haushalt mindestens ein Rad und da müßte es doch eigentlich genug Aufträge geben, - zumal ganz "Harte" auch im Winter mit den Dingern unterwegs sind.
Telefonnr.966 10 110 auf Foto 7 ist sie gut zu lesen.
4. ...
...ergo sum 22.07.2011
Zitat von rincewind 1111Telefonnr.966 10 110 auf Foto 7 ist sie gut zu lesen.
Danke für die Info ! Habe mir nicht alle Bilder angesehen und hoffe es ist die Nummer für Berlin. Na, schaun mer mal. ^
5. Das so etwas erlaubt ist, in Deutschland?
kantundco 22.07.2011
Da könnte ja jeder kommen und einfach mit einer guten Idee Geschäfte machen. Aber wahrscheinlich ist es nur erlaubt, weil sich noch keine Lobbygruppe für ein Verbot eingesetzt hat. (Zynismus Ende) Leider ist Deutschland kein – im Sinne des Wortes – Entwicklungsland mehr. Wir bräuchten viel mehr solche Ideen, viel mehr Mut und viel weniger Restriktionen statt die Leute in Hartz IV würdelos dahinvegetieren zu lassen.
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