Motorraddesigner Jens vom Brauck: Der Abspecker

Von Fabian Hoberg

Motorraddesigner Jens vom Brauck: Klang und frei Fotos
Fabian Hoberg

Motorräder werden immer breiter, schwerer und stärker. Jens vom Brauck arbeitet gegen diesen Trend. Der Selfmade-Designer speckt Maschinen ab, damit sie sich fahren wie ein Fahrrad. Für diese Philosophie wird er inzwischen von Fans auf der ganzen Welt gefeiert.

"Autofahren ist scheiße" - diese Ansage lässt keine Zweifel offen, dass das Herz von Jens vom Brauck für Zweiräder schlägt. Der Motorraddesigner mit dem Rauschebart hat sich den Werbeslogan einer Hamburger Biermarke prominent in seine Werkstatt gehängt. Hier, in einer ehemaligen Farbenfabrik in Köln, zeichnet und baut der 42-Jährige Bikes.

Dabei kämpft er gegen einen Trend: Ähnlich wie bei Autos werden Motorräder immer schwerer und stärker. Zwar auch sicherer. Aber das interessiert ihn nicht. "Motorradfahren ist unvernünftig. Und deshalb können Motorräder auch unvernünftig aussehen. Sie müssen nur möglichst viel Spaß machen", sagt vom Brauck.

Seit mehr als zehn Jahren widmet er sich Motorrädern inzwischen hauptberuflich. Meist hockt er dann in verwaschener Jeans und T-Shirt in seiner Werkstatt, in der es nach Öl, Metall und Gummi riecht. An den dreckigen Wänden hängen Skizzen, alte Fotos und Rock'n'Roll-Poster. Lackdosen und Werkzeug liegen im ganzen Raum verstreut. Auch wenn man es zunächst nicht vermutet: Zwischen diesem Chaos entstehen hochwertige Motorräder.

Designpreis für einen radikalen Entwurf

JvB, so sein Kürzel, entwirft die Maschinen am Computer, dann baut er sie. Dazu fertigt er zunächst Skizzen an, je nach Aufwand auch Modelle im Maßstab 1:12. Mit einem solchen Modell gewann er 2004 einen Ducati-Designwettbewerb. Mit seinem "Flat Red" genannten Entwurf, einer Kombination aus minimalistischem Chopper und schnellem, starken Supersportler überzeugte er die Jury - und begeisterte die Fans. Die wenigen, in einer Kleinserie gefertigten Exemplare waren rasch ausverkauft.

Durch seinen Erfolg wurde auch die deutsche Motorradmarke MZ auf den Wahl-Kölner vom Brauck aufmerksam. Mehr als die Konzeption einer Studie kam bei der Zusammenarbeit allerdings nicht heraus. Das Unternehmen rutschte 2008 in die Pleite, die Maschine kam nicht auf den Markt und vom Brauck konzentrierte sich wieder auf seine eigenen Entwicklungen.

Bei der Optik setzt der Selfmade-Designer die längst vergessene Philosophie der Scrambler-Maschinen um: robuste Bikes für alle Wege mit höher gelegtem Auspuff, grobstolligen Reifen, kleinen Schutzblechen und kurzem Heck - in den sechziger Jahren der Vorläufer der heutigen Enduros und eine Art Lebenseinstellung. Denn mit den Motorrädern konnte man auch mal einen Ausritt ins Gelände wagen - ein deutliches Plus an Freiheit.

Schlichte Schönheit

Was die Arbeit von Jens vom Brauck ausmacht, lässt sich gut an seiner "D-Track" genannten Version einer Yamaha SR 500 betrachten. Aus dem ursprünglich 170 Kilogramm schweren Einzylinder-Bike schnitt er 20 Kilogramm raus. Den schmalen Tank, den Sitz und die beiden Schutzbleche modellierte, schweißte, fräste und feilte er in stundenlanger Handarbeit. So entstand ein Motorrad von schlichter Schönheit, fast wie eine Skulptur.

Weil aber der japanische Einzylinder-Klassiker seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gebaut wird, widmet sich vom Brauck nun den Triumph-Modellen Bonneville, Thruxton und Scrambler. "Die britischen Retro-Bikes sind zwar ganz nett, aber irgendwie ist da noch zu viel dran." Für ihn muss ein Motorrad nicht nur möglichst leicht, sondern auch leicht zu bewegen sein, "fast so wie ein Fahrrad".

Dafür wird jedes Bike zerlegt, überflüssige Teile fallen weg und schwere Anbauteile wie Tacho, Lenker, Fußrasten, Griffe, Motorschutz, Reifen und Zündschloss werden durch neue und leichte Teile ersetzt. Die Sitzbank wird schmaler, das Heck deutlich kürzer und die Felgen pulverbeschichtet. Eine neue Optik erhalten die Triumph-Maschinen noch durch minimalistische Seitenteile und Kotflügel sowie eine spezielle Lampenmaske, die vom Brauck manuell mit Modelliermasse anpasst und anschließend aus glasfaserverstärktem Kunststoff (GFK) fertigen lässt.

Wer will, kann auch andere Federbeine von Öhlins oder mehr Power haben, alles beim TÜV eingetragen. Bis zu sechs Wochen benötigt der Bastler für den rund 8000 Euro teuren Umbau der Maschine - wenn der Kunde sein eigenes Bike mitbringt. Hat er keine Scrambler, sind rund 15.000 Euro für eine gebrauchte, aber überholte Maschine fällig. Seine Kunden kommen mittlerweile nicht nur aus dem deutschsprachigen Raum. Durch ein Porträt in einem internationalen Biker-Magazin und Präsenz auf Motorradtreffen ist vom Brauck inzwischen ein bekanntes Gesicht in der Szene.

"Die meisten Hersteller haben mittlerweile vergessen, worum es beim Motorradfahren eigentlich geht", erklärt vom Brauck seine Philosophie von Motorrädern, für die sich immer mehr Menschen begeistern können. "Es geht um das Gefühl, den Sound, die Vibrationen der Maschine und nicht nur um Höchstgeschwindigkeit."

Doch auch die Zukunft ohne Sprit hat der Designer im Blick, die ersten Zeichnungen für E-Bikes sind fertig und genügen auch seinen Ansprüchen. Also: wenig Schnörkel, glatte Flächen, viel Dampf. Nur mit dem geringen Gewicht hapert es angesichts schwerer Akkus noch. Deshalb tüftelt er weiter, bis er ein fahrfertiges Konzept hat. Damit würde er selbst irgendwann mal fahren, trotz fehlendem Motorsound und Vibrationen. Denn dass er täglich Motorrad fährt und Autos ablehnt wie auf dem Aufkleber der Biermarke deutlich zu lesen ist, hat einen weiteren Grund: "In meiner Wohngegend in der Kölner Innenstadt bekomme ich abends sowieso keinen Parkplatz."

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insgesamt 27 Beiträge
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1. Uralter Hut
perryhagedorn 15.08.2012
Chopper heißt abschlagen. Die ersten Motorradfahrer bauten einen Chopper indem sie so viel Teile wie möglich auf dem Bike "abschlugen" und damit leichter machen. Außerdem sah es besser aus. Da ich Chopper liebe finde ich es Super. Aber NEU ist was anderes.
2. super
ergoprox 15.08.2012
Wunderbares Konzept, nicht ganz billig, aber preiswert. Kann man auch als Kunstwerk ins Wohnzimmer stellen ;-)
3. Nett anzuschauen,
fort-perfect 15.08.2012
Zitat von sysopMotorräder werden immer breiter, schwerer und stärker. Jens vom Brauck arbeitet gegen diesen Trend. Der Self-Made-Designer speckt Maschinen ab, damit sie sich fahren wie ein Fahrrad. Für diese Philosophie wird er inzwischen von Fans auf der ganzen Welt gefeiert. Motorraddesigner Jens vom Brauck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,846726,00.html)
aber ich vermisse da einige für die deutsche Zulassung zwingende Anbauteile wie Blinker oder Spiegel..... mich würde interessieren, wie die Triumph dann noch ausschauen würde.... immer noch so hübsch, oder halt typisch deutsch vermurkst?
4. nicht alltagstauglich
Ehrmantraut 15.08.2012
... weil kein richtiger Spritzschutz, kein Kennzeichen in normaler Größe, keine Blinker, Treckerreifen die in der Kurve schwammig werden, eine Sitzposition die offensichtlich zu einen gekrümmten Rücken nötigen, .. wer was krasses will, kauft sich eine alte 3000.- Guzzi und macht mit weiteren 2000 einen echten Hingucker mit richtigen Sound (und zwar nicht nur für die Vollbartfraktion): http://tinyurl.com/8rer3py
5. Maschinen?
Linksruck 15.08.2012
Zitat von sysopMotorräder werden immer breiter, schwerer und stärker. Jens vom Brauck arbeitet gegen diesen Trend. Der Self-Made-Designer speckt Maschinen ab, damit sie sich fahren wie ein Fahrrad. Für diese Philosophie wird er inzwischen von Fans auf der ganzen Welt gefeiert. Motorraddesigner Jens vom Brauck - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,846726,00.html)
Welche Maschinen speckt er ab? Ich sehe nur ein einziges Motorrad, an dem jemand gebastelt hat. Da ist ja meine eigene Garage ergiebiger.
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