Nahkampfzone Straßenverkehr Rad-Rambos blasen zur Auto-Hatz

Im Straßenverkehr kennt mancher Radfahrer kein Pardon - nun findet der Kleinkrieg auch im Internet statt: In einschlägigen Foren kursieren fiese Tipps, wie man Autofahrer aussticht. Oft sind die Ratschläge illegal.

Radfahrer gegen Auto: Fahrbahnmitte als Kampfspur
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Radfahrer gegen Auto: Fahrbahnmitte als Kampfspur


Die Idee hatte der Fahrradkurier aus Hamburg schon lange, schließlich kämpft er täglich mit Autofahrern um die Vormacht auf der Straße. Jetzt ergibt sich die Gelegenheit, um den lang gehegten Racheplan in die Tat umzusetzen.

Gerade eben hätten ihn zwei Pkw fast angefahren, obwohl auf der Fahrbahn ein Radweg eingezeichnet sei, erklärt er im Kurier-Forum. Als einer der Fahrer wenig später halten muss, stellt ihn der Kurier zur Rede. Dazu öffnet er kurzerhand die Fahrertür. "Weil er mich anblaffte und die Tür wieder zuzog, öffnete ich die hintere Autotür", schreibt der Bike-Bote. Nach kurzer Diskussion wünscht er dem Autofahrer gute Fahrt und steigt auf sein Rad. Die Tür lässt er offen. "Im Nachhinein bedauere ich allerdings, dass ich nicht die rechte Hintertür geöffnet habe. Dann hätte der Fahrer ums Auto herumlaufen müssen."

Die Operation "offene Hintertür" ist nur eine Episode im tagtäglichen Ringen auf der Straße. Auto- und Fahrradfahrer stehen sich bisweilen unversöhnlich gegenüber, keiner gibt nach. Mittlerweile findet der Kleinkrieg aber auch im Internet statt. In den Web-Foren geht es manchmal so derb und hemmungslos zu wie am Stammtisch. Um - vermeintliche - Fehler ihrer Kontrahenten abzustrafen, überbieten sich Chatter mit fiesen Tipps.

Aufkleber auf die Windschutzscheibe pappen, Spiegel abtreten, den Wagen anspucken oder ein Schlag mit der flachen Hand aufs Fahrzeugdach - das sind auf Seiten der Radfahrer die gängigsten Kampfmethoden, die im Web genannt werden. Radrennfahrer schlagen auch den Wurf mit Energieriegeln oder Trinkflaschen vor, "um drängelnde Autofahrer abzuwehren".

Forumsteilnehmer verlieren jede Hemmung

Aber auch die Autofahrer haben ihre Methoden: In Internetforen erklären sie, wie sie mit Hilfe von Nadeln die Beifahrerdüse der Scheibenwaschanlage so einstellen, dass sie statt der Scheibe die neben dem Auto fahrenden Radfahrer treffen. Anonym vor dem Rechner verliert mancher Schreiber jede Hemmung. Den Zusammenstoß eines Radfahrers mit einem Auto kommentiert ein User im Freaksearch Forum: "Haste nachgetreten? Finalen Rettungsschuss angesetzt? Zwei Warnschüsse in den Rücken? Radfahrer muss man ausrotten, wo immer und wann immer man sie trifft."

Allein die Tatsache, dass Radfahrer auf der Straße fahren, bringt einige Autofahrer in Rage. "Ich hupe Radfahrer immer an, wenn sie so ein Verhalten an den Tag legen", schreibt ein Mitglied im Forum Gutefrage.net. Und ein Chatter anwortet: "Das mach ich auch. Wenn sie sich erschrecken ist es besonders lustig :)."

Natürlich kursieren auch harmlosere Tipps, etwa möglichst dicht an den Straßenrand zu fahren, wenn man an einer roten Ampel halten muss, damit Radfahrer sich nicht "nach vorn mogeln" können (obwohl sie es der Straßenverkehrsordnung nach dürfen). Oder den Abstand zum Vordermann in der Ampelschlange so gering zu halten, dass auch dort kein Radler durchkommt.

Einige Radfahrer sehen es dagegen als ihr Recht an, in der Straßenmitte zu fahren: "Ob ich Platz mache für hinterherfahrende Autos, hängt von der zulässigen Höchstgeschwindigkeit und meiner Geschwindigkeit ab", erklärt ein Mitglied im Forum Gesichtet.net. Wenn er in einer Tempo-30-Zone mit 30 km/h auf seinem Rad unterwegs sei, mache er keinen Platz für Autos.

Grenzbereich ist schnell erreicht

Konflikte sind die logische Folge dieses Verhaltens. Die Beiträge in Pkw-Foren zeigen jedenfalls: Je länger Autofahrer hinter einem Velo herfahren müssen, desto gereizter reagieren sie beim Überholen oder beim Zusammentreffen an der nächsten Kreuzung. Fast schon harmlos erscheint in diesem Zusammenhang die Strategie eines Teilnehmers, der sich bei Motor-Talk über Radfahrer auf der Landstraße aufregt: "Überholen, Vollgas geben und schön einräuchern."

Rechtlich bewegt man sich aber auch damit schon im Grenzbereich. Experten warnen Autofahrer davor, "erzieherische" Maßnahmen einzusetzen, etwa Radfahrer zu erschrecken oder mit zu geringem Sicherheitsabstand zu überholen. Der pädagogische Effekt ist gleich null, die Unfallgefahr dafür sehr groß. "Die Rechtssituation im Straßenverkehr hat sich verändert", mahnt etwa Polizeihauptkommissar Ortwin Schmidt von der Verkehrspolizei Hamburg. Radfahrern würden mittlerweile mehr Rechte eingeräumt.

Zum Glück leben die meisten ihre Emotionen nur im Internet aus. Laut Schmidt sind der Hamburger Verkehrspolizei Attacken unbekannt, wie sie in den Foren beschrieben werden. Dennoch reagierten die Ordnungshüter im Sommer auf Klagen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), wonach Autofahrer ihr Gegenüber im Verkehr häufig belehren würden. In einer gemeinsamen Aktion mit ADFC und ADAC klärten die Beamten die Verkehrsteilnehmer in der Stadt über die neue Rechtslage auf und warben für mehr Toleranz und Kommunikation.

Kuhhorn gegen träumende Autofahrer

Allerdings liegt der Streit auf den Straßen nach Einschätzung des Verkehrsrechtsspezialisten Jörg Elsner weniger an einzelnen Parteien. Die Zahl der Fälle, die er zwischen Autofahrern und Radfahrern vor Gericht vertritt, seien sehr gering. Er stellt dagegen fest, dass die Verkehrsdisziplin aller Teilnehmer eklatant abnimmt. Gleichzeitig steigt die Rechthaberei ebenso an wie der Anspruch auf Selbstverwirklichung. "Wer heute um zwei Uhr nachts vor einer roten Ampel wartet, gilt schon als Spießer", sagt er.

Dazu passen Tipps, wie ein Forumsmitglied sie bei Google Plus verbreitet. Um "ignorante Autofahrer dazu zu bringen, Radfahrer nicht überzumangeln, wenn ein Autofahrer mal wieder abbiegt, ohne auf den Radweg zu schauen", empfiehlt der Schreiber das Air Zound III Bike Horn. Outdoor-Ausrüster Globetrotter bewirbt das Horn in seinem Sommerhandbuch als "ideal im urbanen Kampf gegen motorisierte, schwerhörige oder ignorierende Verkehrsteilnehmer". Das Unternehmen bittet aber gleichzeitig darum, "den Maximalpegel nur überlegt und nicht gegen Fußgänger einzusetzen".

Die Lautstärke der Hupe ist von circa 30 bis 115 Dezibel regulierbar. Im Maximum entspricht ihre Schallleistung einem Bagger oder einer Trompete. Für den Straßenverkehr ist sie nicht zugelassen.

Leseraufruf
Pardon wird nicht gegeben - Radler und Autofahrer fechten den Kleinkrieg nicht nur auf der Straße aus, sondern auch im Internet.



Forum - Autofahrer vs. Radfahrer - ein scheinbar unlösbarer Konflikt?
insgesamt 572 Beiträge
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Seite 1
karl-felix 04.11.2011
1. Ich
Zitat von sysopWenn es um das Vorrecht auf der Straße geht, kennt so mancher Fahrradfahrer kein Pardon. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus - können Automobilisten und Radfahrer wirklich nicht miteinander auskommen?
sehe das Problem nicht. Ausser Kindern sind fast alle Radfahrer Autofahrer und Autofahrer Radfahrer. Da wird einfach ein Streitthema alle Jahre wieder hochgezogen. Verblüffend nur, dass es jetzt im November ist. Saure Gurkenzeit ist vorbei, Europa schaut in den Abgrund, Weltwirtschaftskrise und nur die Spiegel-Schreiber halten im November nach Radfahrern in deutschen Städten Ausschau. Langeweile? Solange es die schreibende Zunft gibt, gibt es auch im Sommer einen unlösbaren Konflikt. Wo kämen wir ohne Konflikt auch hin? Aber im November, originell.
claudia-ingrid 04.11.2011
2. radfahrerin
ich habe grosse angst wenn ich als radfahrerin unterwegs bin. meine beste freundin wurde bei einem autounfall/radunfall sehr schwer verletzt
chirin 04.11.2011
3. Autofahrer vs. Radfahrer - ein scheinbar unsösbarer Konflikt?
Zitat von sysopWenn es um das Vorrecht auf der Straße geht, kennt so mancher Fahrradfahrer kein Pardon. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus - können Automobilisten und Radfahrer wirklich nicht miteinander auskommen?
Das ist wieder eine Pauschalierung! Es gibt sowohl nette Autofahrer als auch Rabauken und bei ausgeschalteter grüner Welle -Dank der dümmlichen Politiker - steht man dann zur Berufszeit im Stau. Das führt natürlich bei den Berufstätigen zu Ärgernissen und dann kommen - auch auf der rechten Spur - nicht wenige Radfahrer mit ihren Säcken auf dem Rücken (Kurierfahrer) fahren zwischen Bordstein und Kfz. so dicht am Auto vorbei, so dass ziemlich häufig noch der rechte Spiegel abgerissen wird, z.T. kommen die Kurierfahrer oder sonstige Schnellfahrer ins Stolpern und fahren auf dem Bürgersteig weiter - mitten durch die Fußgänger - um schneller als der sonstige Verkehr - ohne Beachtung von Verkehrsregeln und rücksichtslos - voran zu kommen. Wenn Sie sich als Fußgänger erlauben darauf hinzuweisen, dass der mit überhöhter Geschwindigkeit auf dem Bürgersteig fährt, werden Sie teilweise richtig heftig bepöbelt. Das Gleiche gilt für Hundebesitzer,deren Tiere mitten auf dem Bürgersteig ihren Haufen machen - und wehe, sie sprechen die danebenstehenden Hundebesitzer an. Selbst Radfahrer gegen Radfahrer - unter Mißachtung der Verkehrsregeln, fahren sich an. Wir haben hier die Bergstraße, der Bus fährt da durch, Autos, jede Art Verkehr und da muß man Rücksicht nehmen, wenn man die kleine Straße - eine Spur hoch - eine Spur runter und Altersheim , befährt. Aber doch nicht die Radfahrer , nein, da wird nicht selten zu dritt nebeneinander gefahren, schließlich ist man ja wer und zu dritt auch stark. Eine Frechheit sondergleichen allen anderen Verkehrsteilnehmer gegenüber. Deshalb halte ich Deutschland und insesondere Berlin - keinesfalls für einen Rechtsstaat. Rücksichtslos, Gesetze brechend , das Recht des Stärkeren - und das ganz überwiegend durch Radfahrer. Einer unserer Freunde wartete mal am Straßenrand auf seine Frau, die in der Arztpraxis war und da kam ein Radfahrer vorbei, der hat nicht gedacht, dass im Auto jemand saß und hat voll gegen die Scheibe der Fahrerseite geault. Nun , unser Freund ist hinterhergefahren, hat den sich geschnappt und ein paar Ohrfeigen gegeben, aber eigentlich kann es das nicht unter Verkehrsteilnehmern sein. Übrigens, ich habe vom Arzt in einem bekannte Fitness-Studio Anwendungen versschrieben erhalten - dieses Studio, was nichts mit den Fahrradvereinen zutun hat - zwingt mich monatlich 28 Euro an den Fahrradverein zu überweisen - die Anwendung für 5 Euro zahlt die Kasse, den Beitrag muß ich an den Fahrradverein zahlen. Nach Aufforderung hat man mir die Steuernummer und das bezogene Finanzamt mitgeteilt und wenn ich Zeit habe, werde ich mal das Finanzamt befragen, wei es kommt, dass nicht die Fittness-Studios die GEbühr erhalten, sondern der Fahrradverein. Für mich ist das eine Verschleierung von Einnahmen.
chirin 04.11.2011
4. Autofahrer vs. Radfahrer - ein scheinbar unlösbarer Konflikt?
Zitat von claudia-ingridich habe grosse angst wenn ich als radfahrerin unterwegs bin. meine beste freundin wurde bei einem autounfall/radunfall sehr schwer verletzt
Nun, in manchen Gegenden Berlins ist es auch gefährlich, ich denke , für LKW und Busse ist es wegen des "toten Winkels" nicht einfach einen anderen Verkehrsteilnehmer zu sehen und das weiß doch jeder und um "jeden Preis" bestehe ich nicht auf mein "Recht" . Man sieht aber relativ viele Radfahrer die "draufhalten", wenn z.B. ein großes Fahrzeug rechts einbiegen will. Man kann doch langsamer fahren und Blickkontakt zum LKW-Fahrer suchen - oder warten. Der Leichtsinn - sowohl bei Radfahrern als auch bei Fußgängern die Straßenbahnschienen zu überqueren ist doch auch bekannt und so hält sich mein Mitleid in Grenzen.
karl-felix 04.11.2011
5. Das
Zitat von chirinNun, in manchen Gegenden Berlins ist es auch gefährlich, ich denke , für LKW und Busse ist es wegen des "toten Winkels" nicht einfach einen anderen Verkehrsteilnehmer zu sehen und das weiß doch jeder und um "jeden Preis" bestehe ich nicht auf mein "Recht" . Man sieht aber relativ viele Radfahrer die "draufhalten", wenn z.B. ein großes Fahrzeug rechts einbiegen will. Man kann doch langsamer fahren und Blickkontakt zum LKW-Fahrer suchen - oder warten. Der Leichtsinn - sowohl bei Radfahrern als auch bei Fußgängern die Straßenbahnschienen zu überqueren ist doch auch bekannt und so hält sich mein Mitleid in Grenzen.
ist schon erschreckend. Da wird ein Mensch verletzt und Sie sagen Ihr Mitleid hält sich in Grenzen, denn der hätte ja nicht draufhalten müssen. Wenn Sie das Leben Ihrer Mitmenschen so gering schätzen, möchte ich Ihnen wirklich nicht im Strassenverkehr begegnen. Wenn ich mit meinem LKW unterwegs bin, ist es mir völlig gleichgültig ob eine alte Dame zu Fuß auf mich draufhält oder ein Kind mit dem Fahrrad auf seinem Recht besteht. Ich weiss, dass ich im Ernstfall töte und verhalte mich dementsprechend. Und jeder, der unter meinen LKW kommt , hat mein vollstes Mitgefühl. Ich tue alles, dass dieses nicht passiert. Bisher habe ich - Gott sei Dank - noch keinen Menschen verletzt. Ich habe mal einen Bus von vorne bis hinten aufgeschlitzt, das hätte viele Tote geben können.Mein Mitleid mit Verkehrsopfern ist grenzenlos. Keiner lässt sich gerne totfahren und keiner fährt gerne einen anderen tot. Ihre Einstellung erschreckt mich.Ob mir einer aus Leichtsinn oder in Suizidabsicht vor die Maschine läuft,es ist eine Horrorvorstellung. Ich hoffe Sie fahren kein Kraftfahrzeug.
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