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Oldtimer-Fotos: Alte Karre, meine Liebe

Von

Oldtimer-Fotos: Alte Fotos, altes Blech Fotos
Archiv Christoph Reichelt

Mama, Papa, Auto. Es gab Zeiten in Deutschland, da gehörte der eigene Pkw fast zur Familie, er wurde umsorgt, gewaschen, stolz herumgezeigt. Zwei Designer zeigen nun in einem Online-Fotoalbum Jahrzehnte der Liebe zum Automobil.

Viele Bilder sind schwarzweiß, aber die Stimmung der Motive strahlt rosarot. Es sind Fotos, die von vergangenen Lieben zeugen. Tiefe, innige Beziehung von Kerlen und Kindern, Herren mit Hut und eleganten Damen in spitzen Pumps - zu ihren Autos. Sie lehnen sich an, streicheln über die Außenhaut oder schenken ihrem Wagen auf der Abschiedsetappe einer Studienreise Blumen. Dabei spielte es keine Rolle, ob der rollende Begleiter ein rostiger VW Käfer oder ein strahlender Mercury war. Das Auto als Lebensabschnittspartner, und jeder Außenstehende kann an dieser Beziehung teilhaben.

Mit etwa 350 historischen Fotos präsentieren die Autodesigner Thomas Sälzle und Markus Haub große Gefühle. Statt die Fotos in Schuhkartons vergilben zu lassen, haben die beiden Männer eines der größten Online-Alben für historische Autofotos geschaffen. Unter www.autostolz.formfreu.de erzählen die Schnappschüsse Geschichten aus einer Zeit, in der das Auto noch jeden Samstag zärtlich per Hand gewaschen wurde.

Vor drei Jahren kam Sälzle die Idee. Nach einem Krankenhausaufenthalt musste der damals 39-Jährige vier Wochen zu Hause bleiben. Da fing er an, in alten Fotokisten zu kramen. Die Idee für ein "Slow-Blog" mit alten Bildern hegte er schon länger, nun hatte er Zeit. Gemeinsam mit seinem Ex-Studienkollegen Markus Haub, wie Sälzle ebenfalls Autodesigner von der renommierten Fachhochschule Pforzheim, gründete er 2011 "autostolz". Es war bereits ihr zweites Online-Projekt. Fünf Jahre zuvor hatten die beiden "formfreu.de" entwickelt. Eine Webseite für "Schickes, Schönes und Schnelles", wie sie selbst sagen. "Alte Autos, neue Mode, restmoderne Architektur oder coole Hauptstadtimpressionen."

Erinnerungen an früher haben Hochkonjunktur

Mit "autostolz" sprangen die beiden Designer auf einen Trend auf. Erinnerungen an die gute alte Zeit haben Hochkonjunktur, auch in der Autoszene. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Pkw mit historischem Kennzeichen hierzulande um zehn Prozent auf 254.053 an. "Nostalgie hat einen verschönernden Charakter", erklärt der Soziologe Christian Lasse Mevert von der Agentur für Verkehrssoziologie die Entwicklung. "Nostalgie gibt uns Kraft, den Alltag zu bewältigen."

Im Blog der Website berichtet autostolz-User Christoph Reichelt von einer Studienexkursion seiner Mutter im Jahr 1955 mit drei VW-Bullis. Deutschland in Zeiten des Wirtschaftswunders: Zwölf Tage und 2600 Kilometer reiste sie mit einer Innenarchitekturklasse der Meisterschule für das Kunsthandwerk Berlin. Im Tagebucheintrag heißt es über den Reisestandard: "Am Abend gibt es Nudeln und Tee. Die Gemeinschaft ist sich einig, dass sie am nächsten Tag Kartoffeln essen will." Für die letzte Etappe schmückten die Teilnehmer die Busse wie Bauern ihre Kühe zum Almabtrieb.

Es sind diese Geschichten von damals, die viele User beglücken. Bebildert mit Fotos von leeren Autobahnen, wie es sie heute vielleicht nur noch gibt, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft im WM-Finale gegen Brasilien kickt.

"Hans bringt Tim und Teddy in den Kindergarten"

Einige "autostolz"-Bilder bekommen die Blog-Betreiber direkt via Facebook oder E-Mail zugeschickt. Andere finden sie auf Flohmärkten. "Stunden könnte ich damit zubringen, in alten Bananenkisten nach Bildern zu suchen", erzählt Sälzle. Regelmäßig stöbert er in staubigen Sammlungen auf dem Trödel am Berliner Mauerpark. Zu den 350 veröffentlichten Fotos kommen geschätzt noch mehr als 700, die in Kisten schlummern. Weil Sälzle besonders die Flohmärkte im Osten liebt, gehört der Suchbegriff "Trabant" zu den Großgeschriebenen in der Tag-Wolke des Blogs. Die Trabi-Fans stellen die größte Gruppe bei "autostolz". Regelmäßig erreichen Sälzle Zuschriften, man möge doch den Untertitel des Blogs ändern. Dieser lautet: "Alte Fotos mit altem Blech", gerade die Ostalgiker unter den "autostolz"-Facebook-Freunden finden aber "Alte Fotos mit altem Blech und alter Pappe" passender.

Dass die Veröffentlichung von Flohmarkt-Fotos rechtlich eine Grauzone ist, wissen die Betreiber. Deshalb fordern sie alle Urheber und Verwandten auf, sich bei ihnen zu melden, falls ihnen die Publikation missfällt. Sachdienliche Hinweise zu den Bildern sind ohnehin willkommen. Denn nicht immer finden die Hobbyhistoriker auf der Rückseite der Fotos handschriftliche Notizen zu Ort und Datum der Aufnahme. Dann texten Sälzle und sein Kompagnon selbst. So heißt es unter einem verblichenen Color-Bild mit Opel Kadett B, "Hans bringt Tim und Teddy in den Kindergarten".

"Es geht uns um die glücklichen Momente mit dem Auto", erklärt der Blog-Betreiber. Bilder von Militärfahrzeugen mit Soldaten in Kriegsuniformen oder Verkehrsunfälle mit Einsatzkräften veröffentlichen die beiden Designer nicht.

Der Blog läuft "ein bisschen nebenbei", gibt Sälzle zu. Schließlich arbeiten beide hauptberuflich für große Hersteller in der Industrie und als Freiberufler und Künstler in Barcelona. Statistiken über die Besucherzahlen bei "autostolz" führen sie nicht. Aber was sind schon Zahlen, wenn es um große Gefühle geht?

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insgesamt 37 Beiträge
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1. ist das heute anders?
tho-r 19.11.2013
Zitat von sysopThomas Sa¿lzleMama, Papa, Auto. Es gab Zeiten in Deutschland, da gehörte der eigene Pkw fast zur Familie, er wurde umsorgt, gewaschen, stolz herumgezeigt. Zwei Designer zeigen nun in einem Online-Fotoalbum Jahrzehnte der Liebe zum Automobil. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/nostalgie-blog-autostolz-zeigt-fotos-von-oldtimern-a-932299.html
auch heute waschen nicht wenige ihr Auto öfters und intensiver als sich selbst. Und wehe da kommt ein kleiner Kratzer ran, dann hängt der Haussegen schief!
2. Das gefällt mir
Volker Zorn 19.11.2013
und weckt Kindheitserinnerungen. Ich habe als Junge jede schnelle Autofahrt genossen, mein Vater und meine Verwandten waren sportliche Fahrer. Die Autos hatten zwar nicht die Leistung wie heute, aber viel mehr eigenständigen Charakter. BMW, Opel, Mercedes, Alfa konnte man schon von Weitem am Klang erkennen. Die meisten Autos waren nicht direkt schön, aber das Design war unverwechselbar. Außerdem haben viele Leute ihr Fahrzeug noch selbst gewartet und repariert. Wer als Zwölfjähriger nicht wußte, wie ein Viertakter funktioniert oder wo Vergaser, Lichtmaschine und Zündspule sitzen, war eine Null. Tja, leider vergangene Zeiten...
3. Technik
nachdenklich289 19.11.2013
Früher hat man halt die Technik noch gekannt.. Heute ist alles mit kurzlebiger und unverständlicher Elektronik vollgestopft, wie soll man das noch lieben?
4. Das gefällt mir nicht
sads 19.11.2013
Bin echt froh nicht zu dieser Zeit geboren worden zu sein. Als Amerikaner hätte es mich wenig gestört, die hatten ja damals noch genug "männliche" Autos. Diese deutschen Spießerkarren mit winzigen Motoren (abgesehen vom 911er) sind einfach nur peinlich. Ich finds immer wieder lustig wenn Leute sich heute noch in ihrem "Retro Käfer" toll vorkommen. Dabei schauen sie in dem Auto aus wie der letzte Trottel. PS: Ja, Mercedes hatte damals auch dicke V8 ... sind vom Design dennoch dermaßene Nazi/Diktatoren/Kinderschänderschleudern gewesen.
5. Schade
thrill 19.11.2013
Seinerzeit gab es zwei deutsche Staaten. Dass der SPIEGEL nur Fotos von Käfer, Taunus und Benz zeigt und seinen Lesern Trabi, Wartburg und Skoda vorenthält, ist schade. Nach 10 Jahren Wartezeit und einem Preis oberhalb eines durchschnittlichen Jahresgehalts wurden die putzigen Ost-Wägelchen nämlich ähnlich intensiv gehegt und gepflegt wie ihre Westverwandten.
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