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NSU Ro 80: Diva? Nicht dieser

Von Kai Kolwitz

NSU Ro 80: Der Kilometer-Fresser Fotos
Robbie Lawrence

Im Jahr 1985 kaufte sich Erik Spiekermann einen gebrauchten Wagen mit tollem Design und schlechtem Image - einen Ro 80. Der Wagen gilt als chronisch unzuverlässig. Doch seiner hat inzwischen mehr als 400.000 Kilometer auf dem Tacho.

Es ist das Motorengeräusch, das in dem Wagen irritiert. Andere Autos klingen so nicht, es ist irgendetwas zwischen Singen, Surren, Schnarren und Rasseln. Außerdem dreht der Motor anscheinend mühelos hoch, die Limousine legt sich derweil unerwartet agil in die Kurve. "Er hört sich ein bisschen an wie ein Zweitakter", sagt der Besitzer. "Ganz falsch ist das ja auch nicht. Dieser Motor hat ja auch keine Ein- oder Auslassventile."

Erik Spiekermann hatte schon viel Gelegenheit, über den Sound seines Wagens nachzudenken. Im Jahr 1985 hat er ihn sich als Gebrauchtwagen gekauft, als Trostpflaster nach der Trennung von seiner ersten Frau. Seitdem hält er dem bahamablauen NSU Ro 80 die Treue.

NSU ist eine Automarke, die schon in den Siebzigern aufhörte zu existieren, Audi kaufte sie seinerzeit ein und ließ sie auslaufen. Es ist nicht so, dass sich der Bis-heute-Besitzer in der Zwischenzeit keinen Neuwagen hätte leisten können. Mit seiner ehemaligen Firma Metadesign entwickelte er die Corporate Identities von Audi und der Schröder-Bundesregierung, als Typograf schuf er Schriften, die heute jeder als Hausschriften der Deutschen Bahn oder von Bosch kennt. Am Tag unseres Interviews arbeitet er gerade am Design einer Euro-Münze für San Marino.

Chron isch unzuverlässig? Nicht dieser.

NSU Ro 80: Dieses Exemplar musste bis heute noch nicht restauriert werden Zur Großansicht
Robbie Lawrence

NSU Ro 80: Dieses Exemplar musste bis heute noch nicht restauriert werden

Aber Spiekermann sah es nie ein, viel Geld für ein neues Auto auszugeben. Zumindest bis Mitte der Neunziger schonte er den NSU nicht, insgesamt ist der Wagen bis heute 417.000 Kilometer gefahren. Das ist insofern beeindruckend, als die Technik des NSU als chronisch unzuverlässig gilt.

Unter der Haube steckt ein Wankel-Motor, benannt nach seinem Erfinder Felix Wankel. In dem Aggregat bewegen sich keine Kolben in Zylindern auf und ab, sondern die drei Brennräume kreisen in einer runden Hülle an den feststehenden Ein- und Auslässen vorbei. Abgeteilt werden sie durch eine in der Mitte exzentrisch rotierende Dreiecksscheibe mit abgerundeten Seiten, dem sogenannten Trochoiden.

Und wie viele Motoren hattest du bereits?

In den Sechzigerjahren galt die Technik als Antriebskonzept der Zukunft. Auch Citroën und Mazda bauten Wankel-Autos in Serie, Mercedes schuf betörend schöne und schnelle Prototypen mit diesen Triebwerken. Doch auf Dauer konnten sich Wankel-Motoren nicht durchsetzen - was nicht zuletzt am schlechten Image des NSU Ro 80 lag.

"Am Anfang gab es Probleme mit den Dichtleisten zwischen den Brennräumen", beschreibt Spiekermann. "Das hat NSU nach einer Weile in den Griff bekommen. Aber in der Zwischenzeit hatten sie in Panik bei bereits verkauften Autos selbst bei kleinen Problemen komplette Motoren gewechselt. Das hat sie ein Schweinegeld gekostet und komplette Werkstätten in den Ruin getrieben." Und den Ruf des Wagens nachhaltig ruiniert.

Seit damals gibt es die Geschichte vom "Ro-80-Gruß" - zwei, drei oder vier in die Luft gestreckte Finger, je nachdem, wie viele Motoren der Wagen schon verschlissen hatte. Stimmt gar nicht, sagt Spiekermann: "Der SPIEGEL hat dieses Gerücht damals verbreitet. Von den alten Fahrern kann sich niemand an so etwas erinnern. Und heute werden immer noch Wankelmotoren für Flugzeuge gebaut. Die laufen völlig problemlos."

Läuft und läuft: Dieser Motor wurde nur einmal überholt Zur Großansicht
Robbie Lawrence

Läuft und läuft: Dieser Motor wurde nur einmal überholt

In den Achtzigerjahren waren es Technik und Design gleichermaßen, die den Bis-heute-Besitzer faszinierten. Weil der Antrieb so kompakt war, konnte Designer Claus Luthe die Front weit hinunterziehen. Er setzte auf glatte Flächen und schuf damit eine Linie, die ihrer Zeit 20 Jahre voraus war. Damit wurde er zum Wagen für all jene, die keinen Mercedes fahren wollten. "Architektenauto" sagte damals der Volksmund. "Ich bin nicht so der barocke Typ", sagt Spiekermann.

Dieser Ro 80 - ein Arbeitstier

Wer heute vor der Limousine steht, würde ihr nie die astronomische Laufleistung zutrauen. Dabei ist der Wagen niemals restauriert worden. Nur eine Teillackierung hat sie vor zwei Jahren bekommen, gleichzeitig wurde der Innenraum aufgearbeitet, die Teppiche und Teile der Sitzbezüge erneuert.

Aber selbst der Motor mit dem schlechten Ruf steckt seit dem Tag der Erstzulassung in dem Wagen. Ende der Achtzigerjahre ist er einmal überholt worden, seitdem macht er klaglos seine Arbeit. Nur an feuchten Tagen muss Spiekermann manchmal kurz die Zündkerzen herausschrauben und abtrocknen, der NSU ist auf einen kräftigen Funken angewiesen. Das perfekte Auto für den Besitzer also? Nicht ganz: "Der Motor hat überhaupt kein Drehmoment", beschreibt der 67-Jährige. "Und im Sommer läuft er sehr, sehr heiß."

Treue: Erik Spiekermann und sein NSU Ro 80 verbinden 30 Jahre Zur Großansicht
Robbie Lawrence

Treue: Erik Spiekermann und sein NSU Ro 80 verbinden 30 Jahre

Aber trotzdem, auch heute muss der Ro 80 noch ackern. Seit einer Weile ist eine Anhängerkupplung montiert, damit der Besitzer den Fahrradträger für seine Rennräder montieren kann. Und für den Hunger nach einem bisschen mehr Leistung ist auch schon eine Lösung in Sicht. "Der originale Motor hat 115 PS", beschreibt Spiekermann. "Aber die Ingenieure haben ganz zum Schluss auch noch eine Variante mit 165 PS entwickelt." Eine Hand voll Exemplare des Antriebs wurden gebaut - und eines davon steht schon in der Werkstatt, die sich um Spiekermanns Wagen kümmert. Bald schon soll er eingebaut werden - dann muss Spiekermann in den Kasseler Bergen nicht mehr in den kleineren Gang schalten.

Ein Porträt über Erik Spiekermann ist ebenfalls bei "Freunde von Freunden" erschienen. Den Text finden Sie hier.

Freunde von Autos
  • Luke Abiol
    SPIEGEL ONLINE stellt Männer und Frauen mit ganz besonderen "Beziehungskisten" vor - Menschen, die mit ihrem Auto ein größeres Ziel im Blick haben als nur den Weg von A nach B. Sie sind "Freunde von Autos". In Kooperation mit dem internationalen Interviewmagazin "Freunde von Freunden" zeigen wir Porträts zeitgenössischer Autokultur.

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insgesamt 122 Beiträge
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1. Design
LapOfGods 27.04.2015
@SUV-Besitzer: So sieht es aus, wenn ein Designer am Fahrzeugbau wenigstens beteiligt war.
2. Es ist und bleibt ...
schnee_wolf 27.04.2015
... ein hinreißend schöner Wagen!
3. Mein Onkel hatte drei Stück
Gegendenstrom 27.04.2015
und als Vertreter ist er mit jedem mehrere 100.000km gefahren. Nur einmal wurde ihm nach meiner Erinnerung ein Motor getauscht. Ich selbst war immer fasziniert von der Wankel-Technik und dem Design des RO80. Wenn ich die Bilder sehe, muss ich sagen, er ist wirklich zeitlos.
4. Auch der Verbrauch soll beträchtlich sein...
Ex-Kölner 27.04.2015
...ein Bekannter hat in den frühen 1990ern seinen RO80 deswegen verkauft. Er nutzte ihn als Alltagswagen und bekam bei jedem Tankstop feuchte Augen - und das war nicht vor Rührung wegen des schönen Autos...
5. Kleines Detail
kölsche jung 27.04.2015
Nicht Audi hat NSU gekauft, sondern die Auto-Union. Erst das erste Fahrzeug, das nach diesem Aufkauf in Neckarsulm vom Band lief, trug den Namen Audi. Die Firma selbst benannte sich erst in den 90ern um, ein einzigartiger Vorgang: Während im Fahrzeugschein als Hersteller "NSU Auto Union" stand, hießen alle Modelle zwischenzeitlich "Audi".
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