Autos von Designerlegende Cohn Karren mit Knarren

Nudie Cohn war der Lieblingsdesigner vieler Stars, er steckte Elvis Presley und etliche Countrymusiker in psychedelische Wild-West-Klamotten. Als er auch noch Autos verzierte, wurde es vollends verrückt.

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Von Matthias Kriegel


Die Stars der Countrymusik pflegten in den frühen Sechzigerjahren ein Faible für exzentrische Fahrzeuge. Nashville-Helden wie Roy Rodgers, Hank Williams jr. und Webb Pierce verlangten nach automobilen Maßanfertigungen. Ein Mann lieferte sie ihnen: Nudie Cohn.

Der Schneider aus Hollywood hatte die wohl extravagantesten Schlitten Amerikas im Angebot. Mit Revolvern, Gewehren, Hufeisen, Sätteln, Patronen, Hörnern von Longhorn-Rindern und haufenweise Silberdollars motzte er die ohnehin schon pompösen Straßenkreuzer zu Western-Prunkwagen auf.

Nudie Cohn mit dem Schauspieler und Countrysänger Jimmy Dean vor einem gepimpten Pontiac Bonneville
Michael Ochs Archives/ Getty Images

Nudie Cohn mit dem Schauspieler und Countrysänger Jimmy Dean vor einem gepimpten Pontiac Bonneville

Nudie Cohn wurde 1902 als Nuta Kotlyarenko in der Ukraine geboren und floh als Elfjähriger gemeinsam mit seinem Bruder in die USA, wo er sich zunächst als Schuhputzer und Boxer durchschlug. In New York öffnete er mit Mitte zwanzig das Textilgeschäft Nudie's for the Ladies. Im Zweiten Weltkrieg siedelte er von der Ost- zur Westküste.

In Kalifornien überredete Cohn den damals noch unbekannten Countrysänger Tex Williams dazu, einen Anzug zu tragen, den er auf einer Tischtennisplatte in einer Garage geschneidert hatte: Sakko und Hose mit aufwendigen Stickereien, Fransen und glitzernden Strass-Steinen. 1947 gelang Williams der erste Nummer-eins-Hit - und mit ihm wurde auch der Nudie Suit schlagartig berühmt.

Fortan füllten sich die Auftragsbücher Cohns. Sein neuer, glamouröser Western-Stil traf exakt den Geschmack der Zeit. Cohns Kreativität machte ihn zum gefragtesten Designer der Szene. Johnny Cash oder Roy Rogers, später auch John Lennon und Elton John zählten zu seinen Kunden.

Ein V8 im Rokkoko-Western-Stil

Auch ein gewisser Art Miller, Autohändler von Beruf, schwor auf Cohns Couture. Miller wollte aber nicht nur schillernde Anzüge, sondern auch den Bekanntheitsgrad seines Geschäfts steigern. Also beauftragte er Cohn Ende der Fünfzigerjahre mit der Gestaltung des ersten Nudie Mobiles. Die Wahl fiel auf einen Pontiac Bonneville, Baujahr 1957, ein Cabrio von mehr als fünf Meter Länge. Cohn machte aus der Rarität (vom 57er-Modell wurden nur 630 Exemplare gebaut) ein Unikat. Er übertrug den Rokkoko-Wildwest-Stil seiner Anzüge einfach auf das V8-Monstrum.

Fortan arbeitete Cohn nicht nur mit Nadel und Faden, sondern auch mit Schweißgerät und Schraubenschlüssel. Insgesamt 18 Autos, größtenteils Pontiacs, hat er aufgemotzt.

Dieses von Cohn aufgehübschte Pontiac Bonneville Cabriolet ist eine Viertelmillion Dollar wert
RM Sotheby`s/ Nathan Leach-Proffer

Dieses von Cohn aufgehübschte Pontiac Bonneville Cabriolet ist eine Viertelmillion Dollar wert

Erst vor ein paar Wochen wurde ein Nudie Mobile in New York versteigert, für umgerechnet rund 275.000 Euro. Es handelte sich um ein 63 Pontiac Bonneville Cabriolet mit 5,7-Liter-V8-Motor, gut 300 PS Leistung und Viergang-Automatik. Das Auto gehörte einst Country-Superstar Roy Rogers und stand 45 Jahre lang im "Roy Rogers-Dale Evans Museum" in Branson, US-Staat Missouri.

Angeblich hatte auch Elvis Presley - dessen legendärer goldener Lamé-Anzug von Cohn stammt - ein Nudie Mobile bestellt. Doch Gerüchten zufolge stornierte das Management die Bestellung - aus Angst, Elvis würde sich eine ganze Flotte der spektakulären Autos kaufen.

Nudie Cohn und Elvis auf einem Foto von 1957 . Cohn hatte dem King den goldenen Anzug geschneidert.
Michael Ochs Archives/ Getty Images

Nudie Cohn und Elvis auf einem Foto von 1957. Cohn hatte dem King den goldenen Anzug geschneidert.

Cohn starb 1984 im Alter von 81 Jahren. Die Mehrzahl der Nudie Mobiles ist verschollen, von einigen aber ist der Aufenthaltsort bekannt. Ein Exemplar beispielsweise hängt an der Wand hinter der Bar Buck Owens Chrystal Palace im kalifornischen Bakersfield; angeblich hat es Mister Owens beim Pokerspiel gewonnen. Ein weiteres der extravaganten Autos steht in der Country Music Hall of Fame in Nashville, Tennessee.

Auch in Europa ist ein Cowboy-Car inzwischen gelandet, nämlich im Western-Themenpark Bobbejaanland im belgischen Lichtaart. Und zwei der Autos, ein 64er Pontiac Bonneville Safari Station Wagen und ein 75er Cadillac Eldorado Convertible, die Cohn ursprünglich für seine Frau und seine Tochter kreierte, befinden sich inzwischen wieder im Familienbesitz. Sie gehören nun Cohns Enkelin Jamie Lee Nudie. Wer Glück hat, kann die Dame in der im vergangenen Jahr wiedereröffneten Schneiderei Nudies Rodeo Tailor in Los Angeles treffen.

Vielleicht fährt sie ja sogar in einem Nudie Mobile zur Arbeit.



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insgesamt 8 Beiträge
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PolitBarometer 10.02.2016
1.
"Inzwischen in Europa gelandet" ist zeitlich wohl etwas daneben. Ein von Nudie Cohn verschlimmschönertes Auto gab es im Bobbejanland schon vor mehr als 20 Jahren. Es wurde vom namensgebenden Parkgründer Bobbejaan Schoepen dem parkeigenen Museum gestiftet. Habe da frecherweise sogar mal drin gesessen.
trader_07 10.02.2016
2. Schon der zweite...
Schon der zweite Auto-Bericht heute über optische Totalschäden. Wobei, ganz so schlimm wie der Prius ist so ein Nudie dann doch wieder nicht...
tailspin 11.02.2016
3. Shoot-out Cadillac
Montiert der da einen .45 er bruenierten Colt Peacemaker als Kuehlerfigur. Das tut einem ja in der Seele weh. Wenns regnet, so schnell kann man garnicht putzen, wie der rostet.
mazzmazz 11.02.2016
4. Das Schöne ist...
...dass die Basisfahrzeuge richtige Autos waren (ganz im Gegensatz zu einem Prius...), welche man auch wieder zurückrüsten könnte.
upalatus 11.02.2016
5.
Des Cohns Schießeisenfetischdesign ist echt infantile Peinlichkeit vom Feinsten. Man kommt damit aber gut an Publicity, daher unterstelle ich ihm kalkulierte Absicht. Für einen schmunzelnden Tagesbeginn reicht der Artikel allemal.
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