24-Stunden-Radrennen Wie Keke Dörnbach den Nürburgring und sich selbst bezwang

Einmal im Jahr quälen sich Rennradfahrer über den Nürburgring - 24 Stunden am Stück. Hobbyradler Keke Dörnbach erklärt, wie er es zum Sieg geschafft hat.

Mathias Kube

Von Fabian Hoberg


Der Nürburgring ist für die meisten ein Ort, an dem Reifen qualmen und Motoren heulen. Verbunden mit der Rennstrecke ist der Name Stefan Bellof, der die Nordschleife 1983 mit einem Porsche 956 Rennwagen in 6:11,13 Minuten umrundete - ein Rekord für die Ewigkeit. Die 2018 gefahrene Zeit von 5:19,54 Minuten reicht da offiziell nicht heran, da Timo Bernhard sie außerhalb einer Rennveranstaltung fuhr.

Keke Dörnbach kennt die Namen Bellof und Bernhard nicht. Und auch mit Rennwagen und Motorsport hat der 33-Jährige nichts zu tun. Doch die Nordschleife, die Länge, die Streckenführung und die Geschichte faszinieren ihn. "Es ist halt die bekannteste Rennstrecke der Welt, ein Mythos", sagt der Zahnarzt aus Duisburg. Grund genug, sie zu erleben. Beim 24-Stunden-Rennen. Auf dem Rennrad. Allein.

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24 Stunden, 700 Kilometer: Auf zwei Rädern über den Nürburgring

Es ist eine maximale Strapaze: Eine Runde ist 26,1 Kilometer lang, inklusive 580 Höhenmetern und Steigungen mit bis zu 17 Prozent. An der schnellsten Stelle haben die Rennradfahrer etwa 100 km/h auf dem Tacho. Dahinter kommen Steigungen und Kurven, Kurven, Kurven.

Für normale Radfahrer ist das brutal. Für Keke Dörnbach ist es die ideale Herausforderung. Dieses Jahr gewann er das Langstreckenrennen am Ring als einer von 605 Solofahrern. Die meisten der rund 4500 Teilnehmer beim 24-Stunden-Rennen starteten in Teams. Jetzt im Herbst melden sich die Fahrer für das Rennen im kommenden Sommer an.

Dörnbach merkte schnell, dass ihm lange Distanzen liegen

Dörnbach trat mit 13 Jahren erstmals als Rennradfahrer in die Pedale, trainierte als Leistungssportler in seiner Heimatstadt Wuppertal. Doch nach der Jugendklasse hörte er auf. "Rennrad fahren hat mir zwar immer Spaß bereitet, aber zum Profi hat es nicht gereicht. Deshalb musste ich mir einen soliden Beruf suchen", sagt Dörnbach. Er entschied sich für ein Zahnmedizinstudium in Bonn. Noch heute gefällt ihm die Kombination aus Naturwissenschaft und Handwerk.

Doch ganz ohne Sport hielt er sein Studium nicht durch. Nach vier Jahren Pause trat er in Bonn wieder in einen Radsportverein ein. Dörnbach merkte schnell, dass ihm lange Distanzen liegen. 2010 meldete er sich mit drei Teamkollegen für eine Viererstaffel für die 24 Stunden am Nürburgring an. Die Jungs wechselten sich jede Runde ab - und gewannen. Doch der Student wollte mehr. "Die Strecke hat mir gut gefallen, so dass wir uns 2014 für zwei Personen angemeldet haben", sagt Dörnbach. Auch dieses Rennen lief gut.

Kein Radcomputer, keine Trainingspläne

Sein Ehrgeiz war geweckt, es alleine auszuprobieren. 2017 fuhr er das Solorennen, nur um ein Gefühl für die Strapazen zu bekommen. Er legte keine Pausen ein, doch in der Nacht war er am Ende, musste sich eine Stunde ausruhen. "Ich bin zwar gut trainiert, aber so eine lange Distanz verlangt ein spezielles Training", sagt er.

Anfang des Jahres begann er mit intensivem Training, spulte dreimal die Woche lange Distanzen ab. Zwei Monate vor dem Rennen erhöhte er das Training, fuhr zwischen 3,5 und 7,5 Stunden pro Tour, bis zu 180 Kilometer. Der Mediziner nahm drei Kilogramm ab, trainierte mit dem Mountainbike und optimierte seinen Fettstoffwechsel. Dörnbach fährt ohne Radcomputer oder Trainingspläne, verlässt sich auf sein Körpergefühl. "Am Ende entscheidet der Kopf", sagt er.

Ideale Bedingungen auf der Strecke

Sein serienmäßiges Carbonrennrad optimierte er nur leicht. Extra kurz übersetzte Gänge sollten ihm bei der Steigung vom Streckenabschnitt Karussell bis zur Hohen Acht - dem am höchsten gelegenen Streckenabschnitt - helfen, eine helle Lampe nachts die Strecke beleuchten. Sein alter Radfreund Matthias Kube erklärte sich bereit, ihn zu unterstützen - organisatorisch und mental. "Ich fahre zwar alleine, aber eine Vertrauensperson, die einen gut kennt und einschätzen kann, ist bei so einem Rennen zwingend notwendig", sagt Dörnbach.

Die Bedingungen Ende Juli waren ideal. Nur am Anfang regnete es kurz, es blieb aber warm und angenehm. Dörnbach spulte Runde um Runde ab. Nur zum Abmontieren seiner Lampe hielt er an, nahm einen Brei zu sich - und nach 15 Minuten saß er wieder im Sattel. "Klar habe ich bei so einer Tour Schmerzen", sagt er. "Aber die Herausforderung ist es, eine mentale Stärke aufzubauen, dass der Geist über die Schmerzen siegt." Durchhalten, dranbleiben, das ist sein Mantra. "Ich denke mir, die anderen sind auch am Ende, denen geht es auch nicht besser. Außerdem fiebern Freunde mit, die kann ich nicht enttäuschen", sagt er.

"Ich war überrascht, dass ich nicht abgebaut habe"

Dörnbach fuhr konstant, fast jede Runde mit dem gleichen Tempo. Besonders bei den schnellen Passagen wie in Breitscheid verließ ihn seine Konzentration nicht. Bei den Anstiegen sah er, dass er gut unterwegs war und nicht alleine litt. "Ich war selbst überrascht, dass ich nicht abgebaut habe", sagt er. Etwas weniger als eine Stunde brauchte er für eine Runde, fuhr mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26 km/h über die Nordschleife. Nach 24 Stunden hatte er 27 Runden zurückgelegt und lag damit eine Runde vor dem Zweitplatzierten. "Auch wenn es noch so anstrengend war, muss man sich auf jede Runde freuen, denn man fährt ja nur gegen sich selbst", sagt er.

Er suchte seine Grenzen, fand und verschob sie. Eine Genugtuung, die ihn heute mit Stolz erfüllt, auch wenn er sich danach fast einen Monat körperlich und mental sehr müde fühlte. Nächstes Jahr Ende Juli will er am Ring nicht mehr starten, er weiß, dass er die Strecke beherrscht. Aber es gibt noch ein Alpenrennen, das ihn interessiert. Eines mit vielen Bergpässen, vielen Höhenmeter - und maximalen Qualen.



insgesamt 7 Beiträge
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alpenradler 04.11.2018
1. Respekt!
Wow, bin beeindruckt. Eine wahnsinnige Leistung - und immer die gleiche Runde, das wird doch irgendwann auch noch stinklangweilig. Viel Spaß in den Alpen.
Besenwagenjäger 04.11.2018
2. Vorschlag für 2019
Respekt für die Leistung eines jeden Solofahrers auf dieser Strecke. Etwas mehr Abwechselung bietet Paris-Brest-Paris. 1200 km unsupported nonstop mit etwa 6000 anderen Radfahrern. Maximales Zeitlimit: 90 Sunden. Findet nur alle 4 Jahre statt.
suplesse 04.11.2018
3. Schon o.k.
Was mir gefällt, dass er nur nach Körpergefühl fährt. Das mache ich auch so. Nur mein alter Sigma aus den 90ern begleitet mich. Aber ich gucke selten drauf. Nur mal nach der Uhrzeit. Wer als Hobbyradsportler unterwegs ist, braucht den ganzen Quatsch, Strava, Garmin, SRM nicht. Nur wer Rennen fährt, kann möglicherweise das letzte Quäntchen Leistung in Zusammenarbeit mit Trainern und Sportwissenschaftlern optimieren. Die verdienen ja auch den Lebensunterhalt damit. Bei vielen Hobbysportlern nervt mich eh dieser dauernde Vergleich der Leistung untereinander. Das macht mich persönlich mürbe und nervt. Vor allem weil die meisten "Nassgeschwitzten" eh ein "bißchen" übertreiben. Keke Dörnbach fährt nur für und gegen sich. Sehr sympatisch! Er braucht das selbe auch nicht nochmal. Dafür macht er dann etwas Neues. Der Radsport ist nur groß, wenn die Leidenschaft für den Sport groß ist. Dabei ist nur für einen selbst wichtig, wie man fährt. Am Ende muss es Spaß machen.
Andrea.M 04.11.2018
4. Was fehlt..............
Wie "kurz" ist die kurze Übersetzung? Ich kenne das Streckenprofil nicht, deswegen eher geraten. Vorne 50/34 evtl. auch 52 damit man bergab länger mittreten kann. Kassette 11-32? Deckt von 8- 67 km/h alles ab. Beispiel Übersetzung 34 - 32, Trittfrequenz 70= 10 km/h Die vielen "Kurven" spielen für die Radfahrer nicht so eine Rolle. Die sind für Autos ausgelegt. Radfahrer sind langsamer. Das Alpenrennen könnte der Ö*** sein. Rd. 220 Kilometer, über 5500 Höhenmeter. Die Besten brauchen um 8 Stunden herum. Die Teilnahme wird ausgelost. Meine ich. @suplesse Das sehe ich anders. Man kann mit einem Herzfrequenzmesser in Verbindung mit der Durchschnittsgeschwindigkeit etwas über die Fitness erfahren. Höherer Durchschnitt auf der gleichen Strecke, womöglich mit niedrigerer Hf.= Bessere Form Oder wie gut Beta-Blocker wirken. ;-)
suplesse 04.11.2018
5. Mit Herzproblemen ganz sicher!
Zitat von Andrea.MWie "kurz" ist die kurze Übersetzung? Ich kenne das Streckenprofil nicht, deswegen eher geraten. Vorne 50/34 evtl. auch 52 damit man bergab länger mittreten kann. Kassette 11-32? Deckt von 8- 67 km/h alles ab. Beispiel Übersetzung 34 - 32, Trittfrequenz 70= 10 km/h Die vielen "Kurven" spielen für die Radfahrer nicht so eine Rolle. Die sind für Autos ausgelegt. Radfahrer sind langsamer. Das Alpenrennen könnte der Ö*** sein. Rd. 220 Kilometer, über 5500 Höhenmeter. Die Besten brauchen um 8 Stunden herum. Die Teilnahme wird ausgelost. Meine ich. @suplesse Das sehe ich anders. Man kann mit einem Herzfrequenzmesser in Verbindung mit der Durchschnittsgeschwindigkeit etwas über die Fitness erfahren. Höherer Durchschnitt auf der gleichen Strecke, womöglich mit niedrigerer Hf.= Bessere Form Oder wie gut Beta-Blocker wirken. ;-)
Wer Probleme mit dem Kreislauf (Herz) hat, der sollte unbedingt einen HF benutzen. Wer schon lange Rad fährt, merkt zu hohe HFQ sofort. Habe das mal probiert. Bin immer so hoch gefahren, dass ich nicht in den roten Bereich komme. Der ist ja bei jedem anders. Dabei war der HF am Arm. Immer dann, wenn ich gefühlt habe, jetzt komme ich an die Grenze, habe ich nachgesehen. Ich lag kein einziges Mal daneben. Deshalb mache ich das ohne Herzfrequenzmesser. Außerdem fahre ich selten im Grenzbereich, weil ich lieber lange Strecken bei moderaten Tempo fahre. Allerdings fahre ich ab und an Interval, um den Körper flexibel zu halten. Ich fahre nicht nach Trainingsplan und mache nur das, was mir gerade Spaß macht. Ich muss ab und an noch was probieren, aber nicht den anderen etwas beweisen.
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