Dieselfahrverbote Streit um H-Kennzeichen spaltet Oldtimerszene

Sollen Fahrverbote in abgasgeplagten Städten auch für Oldtimer gelten? Der Vorschlag, das schützende H-Kennzeichen für Autos aus den Neunzigerjahren auszusetzen, entzweit die Klassikerszene.

H-Kennzeichen (Symbolbild)
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H-Kennzeichen (Symbolbild)

Von Haiko Prengel


Oldtimerclubs wenden sich erbittert gegen den Vorstoß, Youngtimern das Recht auf ein "H-Kennzeichen" abzuerkennen.

Dies hatte ein Funktionär des Allgemeinen Schnauferl-Club (ASC) vorgeschlagen. Nach einer Welle der Empörung hat sich der Club davon distanziert. Der ASC ist einer der ältesten Automobilclubs in Deutschland.

"Der Denkanstoß eines unserer Mitglieder, das H-Kennzeichen für zehn Jahre auszusetzen für Autos, die jetzt 30 Jahre alt werden, war eine persönliche Aussage, die der Allgemeine Schnauferl-Club Deutschland e.V. nicht teilt", erklärte ASC-Präsident Uwe Brodbeck. Gefordert hatte das Moratorium Rudolf Körper, Präsident der ASC-Landesgruppe Württemberg-Hohenzollern in einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Motor Klassik". Der ASC verlangt die Rücknahme des Beitrags.

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Körper hatte erklärt, sein "Denkanstoß" sei mit dem ASC-Bundespräsidium abgestimmt gewesen. Betagte Gebrauchtwagen der Baujahre 1990 bis 1999 - Modelle wie Opel Astra, VW Golf III oder Ford Escort - sollten demnach nicht freie Fahrt in die Fahrverbotszonen erhalten, während deutlich jüngere Dieselautos draußen bleiben müssten.

Dieses würde den "Volkszorn" gegen Oldtimerfahrer aufbringen, erklärte Körper. "Es kommt nicht gut, wenn der H-Kennzeichen-Diesel oder der kräftige V8 seine Abgase ungereinigt in die Luft bläst neben einem Euro-4- oder Euro-5-Diesel, der alsbald draußen bleiben muss", schrieb Körper in einem Beitrag für die Fachzeitschrift "Motor Klassik".

Mit H-Kennzeichen dürfen Autos über 30 Jahre auch ohne Katalysator in Umweltzonen einfahren. Zudem gilt eine gedeckelte Kfz-Steuer von jährlich 191 Euro. 2018 waren knapp eine halbe Million historische Fahrzeuge mit H-Kennzeichen zugelassen. Bei insgesamt rund 45 Millionen Kraftfahrzeugen in Deutschland ist ihr Anteil marginal. Die Zulassungszahlen von Oldtimern steigen an. Der Großteil des Zuwachses betrifft allerdings Klassiker von 1965 bis Ende der Siebzigerjahre.

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In vielen deutschen Großstädten stehen Pkw-Fahrverbote bevor. Betroffen sind nicht nur ältere Dieselautos. Auch Hunderttausenden betagten Benzinern droht das Aus, denn sie stoßen ebenfalls große Mengen Stickoxide aus. In Frankfurt am Main sollen Benziner der Euroklassen 1 und 2 ab Frühjahr in Teilen der Innenstadt nicht mehr fahren dürfen. In Köln wird gar die gesamte Umweltzone betroffen sein.

Zwar würden sich künftig viele 30-jährige Autos für das H-Kennzeichen qualifizieren, erwartet Brodbeck. Prüforganisationen wie TÜV, Dekra oder GTÜ müssten aber sicherstellen, dass nur gepflegte Fahrzeuge den Status bekämen. "Wenn das gewährleistet ist, brauchen wir uns keine Sorgen über die neue Generation zu machen", betont Brodbeck. Das Alltagsauto mit H-Kennzeichen werde die Ausnahme bleiben.

Steuervergünstigungen hier, Fahrverbote dort

Auch in Clubforen und sozialen Medien gibt es hitzige Diskussionen über "würdige" und "unwürdige" Oldtimer. "Die glauben doch nicht, dass jede abgegammelte Karre, die bald 30 wird, ein H-Kennzeichen bekommt", hieß es in der Facebook-Gruppe "Autos der 80er und 90er Jahre." "Der erwähnte Golf 3 beispielsweise: Wie viele Diesel in 'H'-würdigem Zustand gibt es denn?"

Ein anderer meint: "Der Beitrag entbehrt jeder Grundlage, das Zurückrudern des Clubs macht das auch noch mal sehr deutlich. Einen gut gepflegten Golf III oder Opel Astra habe ich schon ewig nicht mehr gesehen." Die große Oldie-Flut werde ausbleiben, da die meisten Fahrzeuge die 30 Jahre gar nicht mehr erreichen würden.

Auch der Vorsitzende des Parlamentskreises Automobiles Kulturgut im Bundestag, Carsten Müller (CDU), hatte die Forderung des ASC zurückgewiesen. "Ein Moratorium beim H-Kennzeichen nur für bestimmte Baujahre ist gesetzlich nicht umsetzbar."

Als "komplett falsch" bezeichnete Müller die Darstellung, Autos aus den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren würden ungereinigt Abgase in die Luft blasen. Die meisten dieser Fahrzeuge hätten geregelte Abgassysteme an Bord. Vor 30 Jahren - zum 1. Januar 1989 - wurde der Dreiwege-Katalysator Pflicht in allen Neuwagen. Die Geräte filtern unter anderem Stickoxide aus Ottomotor-Abgasen.

Anm. d. Red: In einer früheren Version dieses Artikels wurde aus dem Brief eines Oldtimerfans zitiert. Dieses Zitat war stark verkürzt und für die Veröffentlichung in diesem Beitrag nicht freigegeben. Wir haben es deshalb nach Rücksprache mit dem Verfasser aus dem Text entfernt.

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insgesamt 95 Beiträge
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macks68 01.02.2019
1. Na klar..
...der nächste Aufreger, was? Können die Erbsenzähler wieder voll zuschlagen :-p Wie im Artikel erwähnt: "Marginal" also "vernachlässigbar" - so sollten wir es auch halten. Obwohl, evtl. kommen ja nun mehr Menschen auf die Idee, Oldtimer zu fahren. Klima, ABS und Automatik sind oft schon drin und der Elektronik-Ausfall ist deutlich seltener. Außerdem wird der Besitzer nicht so sehr bevormundet, Stichworte: Anschnallsensoren, Müdigkeitserkennung, kein Aschenbecher mehr eingebaut...usw :-p
blueberryhh 01.02.2019
2. wegen der paar Autos?
Mal ehrlich, wie viele Autos (vor allem jetzt im Winter mit Streusalz auf den Strassen) haben Sie in der letzten Zeit herumfahren sehen? Garantiert nicht sehr viele - deshalb braucht man doch nicht eine solche Welle schlagen. Lasst die paar Old - bzw Youngtimer doch fahren!
flopi3 01.02.2019
3. Warum immer nur schwarz/weiß?
So ganz unverständlich ist die Diskussion nicht. Aber ein komplettes Verbot ist wirklich Unsinn. Den Alltagsgebrauch könnte man hingegen einschränken und Autos mit H Kennzeichen in Städten mit Fahrverboten von Mo bis Fr zwischen 7 und 18 Uhr „stilllegen“.
kai_4711 01.02.2019
4. Oldtimer nur mit Nachrüstung, sonst ab auf den Schrottplatz
Warum sollen Oldtimer das Recht haben wehrlose Kinder zu vergiften ? Und dafür noch mit geringeren Steuern belohnt werden ? Da ist doch was faul ! Ich würde H-Kennzeichen nur noch ab 40 Jahren erlauben, und nur wenn auf Stand der Technik bei den Abgasen umgerüstet wird. Steuern wie jeder andere, fertig !
ambulans 01.02.2019
5. schade -
der vorschlag hat was: es wird, um die gewünschte und auch gesamtgesellschaftlich benötigte akzeptanz zu erhalten und nicht zu gefährden - die ersten beiträge: luxus-oldtimer; besitzer, die ihre "schätzchen" überaus stolz präsentieren; privilegien für soviele neue "oldtimer" eigentlich akzeptabel? gibts ja schon - dringend nötig, restriktiv mit so einem privileg umzugehen. zur erinnerung: das "h"-kennzeichen gilt für schützenswertes automobiles kulturgut; da steht nix von millionenfachen früh-golf mit diesel, angerosteten ford oder opel, u.a.m. mit ein bisschen selbstbescheidung und einsicht (warum nicht die altersgrenze für "oldtimer" stattdessen auf mind. 40 jahre raufsetzen und dazu jedes jahr nur eine begrenzte zahl der begehrten "h"-kennzeichen vergeben?). wenn sich erst einmal die falsche klientel dieses thema unter den nagel reißt, ist bald zappenduster ...
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