Oldtimer-Händler an der Route 66: Rost in Peace
Altmetall aus der goldenen Ära der US-Autoindustrie sieht man oft entlang der Route 66. Nirgends aber ist die Oldie-Dichte so hoch wie am Rande von Kingman, Arizona. Der gigantische Schrottplatz dort ist ein Paradies für Fotografen - und Souvenirjäger.
Ungefähr eine Tagesreise von Los Angeles entfernt erhebt sich aus dem Staub rechts und links von der Route 66 eine Zeitmaschine. Auf einem sandigen Parkplatz von der Größe eines Footballfeldes stehen sie, die rostigen Riesen: Straßenkreuzer von Studebaker, Oldsmobile, Lincoln, Buick, Cadillac oder Chevrolet.
Genau wie die Straße, neben der sie aufgereiht wurden, sind die ausgeblichenen Schlachtschiffe Überreste einer längst vergangenen Zeit. Damals, in den goldenen Tagen der Massenmobilisierung, war das Netz der Interstate-Routen noch überschaubar. Wer von Ost nach West oder von West nach Ost durchs Land wollte, nahm die Route 66. Sie war deswegen viel mehr als eine Verbindung zwischen Chicago und Los Angeles: Die Route 66 war das Symbol einer Nation im Aufbruch.
Inzwischen ist die Mother Road nur noch eine Nebenstraße, und die automobilen Helden von einst rosten bei "Old 66 Classics" vor sich hin. Es ist eine eigenwillige Mischung aus Autohandel und Schrottplatz, die ihresgleichen sucht. Nirgends fristen so viele Oldtimer aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auf so engem Raum ihr Dasein, umrahmt von staubigen Ersatzteilstapeln.
Souvenir auf vier Rädern
Der Besitzer selbst sieht kaum besser aus als seine rund 150 Autos, die stets auf Lager sind. Verknittert oder verkatert, präzise lässt sich das nicht sagen, kommt er aus seinem Wohnbüro. "Hier geht's um die Autos, nicht um mich", raunzt er, als er die Kamera sieht und stellt erst einmal klare Regeln auf. "Draußen auf dem Hof könnt ihr stöbern und fotografieren so lange und so viel ihr wollt. Aber mein Haus, mein Büro und ich werden nicht abgelichtet." Sein Name ist Rick. Seinen Nachnamen verrät er nicht.
Aber er hat Recht: Es geht nur um die Autos. Mit jedem Schritt und mit jedem Meter mehr, den man durch die Reihen der rostigen Riesen zurücklegt, entfernt man sich aus dem Heute. Reihenweise Thunderbirds, Zephyrs, De Villes, Crown Victorias, Fleetwoods, Fairlanes, Galaxies, Falcons und Bel Airs. Man klettert durch Schrotthaufen, rutscht über abgewetzte Sitzbänke, streicht über matte Kühlerfiguren, blickt in ausgebleichte Cockpits in den verblassenden Glanz von Chrom.
Zu Ricks Kunden zählen vor allem Diner-Restaurants, Kaffeebars und Motels entlang der Route 66, die eine Auto-Ikone aus der vermeintlich guten, alten Zeit als Blickfang an die Straße stellen möchten. Immer wieder jedoch halten auch Touristen bei "Old 66 Classics" an. Alle fotografieren, viele schlendern über den Schrottplatz - und einige haben nach einer Weile plötzlich ein etwas größeres Souvenir am Haken. Denn wer sich einmal verliert zwischen den Heckflossen, der ist schnell verloren.
Vom Schrottplatz in die weite Welt
Hinter den Windschutzscheiben der meisten Autos hängen mitunter schon stark verblasste Preisschilder, auf denen Rick ziemlich selbstbewusst kalkulierte Summen niedergeschrieben hat. Doch er versteht sich als Autohändler im besten Sinne. "Keine Sorge", sagt er, wenn man ihn auf die Preise anspricht. "Mit mir kann man reden. Irgendwie sind sich der Kunde und ich am Ende immer einig geworden." Schon allein deshalb, weil viele Interessenten auf der Durchreise sind und sich die Gelegenheit nur einmal bietet, und außerdem, weil Rick immer wieder Platz braucht für Nachschub. Rick fasst seine Verhandlungstaktik gern mit dem Satz zusammen: "Ein vernünftiges Angebot werden wir nicht ablehnen."
Kommt ein Autowanderer aus Richtung Chicago auf seinen Hof, weiß Rick, dass seine Chancen gut stehen. Denn diese Touristen sind nur noch eine Tagesreise von Los Angeles entfernt, dem Ende der Route 66. Sie denken schon ans Ende ihres Urlaubs und würden am liebsten die ganze staubig-morbide 66-Atmosphäre mit nach Hause nehmen. Da kommt ein leicht zerfledderter Schlitten gerade recht. "Wir verkaufen in alle Welt", sagt Rick stolz und berichtet von Kunden aus Japan, Australien und vor allem aus Europa. Einen kleinen, schwarzen Renault zum Beispiel hat er gerade an einen Besucher aus Belgien verkauft, ein Cadillac geht in der nächsten Woche auf die Reise ins französische Lille.
Ist der Deal vereinbart, können die Kunden getrost weiter fahren. Um den Transport des Autos kümmern sich Ricks Mitarbeiter. Wenn's sein muss, auch bis nach Melbourne, Yokohama oder Bremerhaven. "Ab 1500 Dollar aufwärts verschiffen wir die Wagen in die ganze Welt", sagt Rick. Dabei könne man mit den meisten Autos eigentlich auch auf eigener Achse nach Hause fahren, flunkert der Herr der Heckflossen und lächelt vielsagend. "Öl in den Motor, Sprit in den Tank und Luft in die Reifen - dann steht ihnen die Welt wieder offen."
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