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Oldtimer-Messe Techno Classica: Projekt Patina

Von Markus Bruhn

Klassische Fahrzeuge: Trend zur digitalen Auto-Biografie Fotos
Markus Bruhn

In der Oldtimer-Szene vollzieht sich ein Wandel: Weg vom überrestaurierten Hochglanzklassiker, hin zum Oldie mit Gebrauchsspuren und einer interessanten Geschichte. Das führt zu neuen Geschäftsideen - wie ein Besuch der Oldie-Messe Techno Classica zeigt.

In Arizona kam es vor wenigen Wochen bei einer Oldtimer-Auktion zu einem interessanten Showdown zwischen zwei Mercedes 300 SL. Der eine war unverbastelt, natürlich gealtert und mit Gebrauchsspuren, der andere perfekt restauriert. Die Frage: Was ist mehr wert, Perfektion oder Patina? Die Antwort: Beim Flügeltürer mit Rissen in den roten Ledersitzen und Rostspuren auf dem schwarzen Lack fiel der Hammer bei 1,9 Millionen Dollar - eine halbe Million Dollar mehr, als der Meistbietende für den Tipptopp-Oldie ausgeben wollte.

Der Trend zum authentischen Altauto ohne Anti-Aging-Eingriffe und ein neuerwachtes Bewusstsein für die Fahrzeughistorie verändern derzeit die Oldtimer-Szene. Aktuell wird das besonders auf der Techno Classica deutlich, der größten Oldtimer-Messe der Welt, die gegenwärtig in Essen stattfindet. Man findet hier Hunderte Modelle, deren vorheriges Autoleben nicht wegrestauriert wurde - und eine dazu passende, neue Geschäftsidee.

Die Geschichte eines Autos bekommt einen immer höheren Stellenwert, die möglichst vollständige Dokumentation seines Lebenslaufes ist inzwischen ein entscheidendes Kriterium für den finanziellen und emotionalen Wert eines historischen Fahrzeugs. Fotos des Autos auf Reisen, Bescheinigungen über Umbauten oder Kaufverträge und Vorbesitzer - solche Dokumente können schnell Kartons füllen.

Die Biografie des Autos in digitaler Form

Das erlebte auch Wolfram Stein, als er den Wust aus Papieren und Unterlagen zum Volvo 244 GL seiner Tante begutachtete. Beim Ordnen der Akten stellte der Informatiker fest, dass es bislang kein System zur Digitalisierung dieser Dokumente gab - eine verwunderliche Marktlücke bei 1,2 Millionen Oldtimer- und 3,7 Millionen Youngtimer-Besitzern in Deutschland. Stein: "Es entstand die Idee zu einer Art digitalem Auto-Lebenslauf."

Die hat inzwischen Form angenommen als "CarPass Classic". Im Automobilclub von Deutschland (AvD) fand Stein einen Partner, mit dem die Auto-Biografie nun umgesetzt wird: eine Online-Plattform zum einfachen Verwalten von Dokumenten und zur Kommunikation mit Gleichgesinnten. Sämtliche Unterlagen zu einem Fahrzeug werden an den AvD gesandt, dort digitalisiert und dann geordnet an den Absender zurückgeschickt.

Die digitalisierten Papiere und Fotos können dann im Internet eingesehen und mit anderen geteilt werden. "Bei Young- und Oldtimern geht es um eine gemeinsame Leidenschaft. Anderen sein Fahrzeug zu präsentieren und die Autos anderer User zu bewundern, ist ebenfalls Sinn des Netzwerks", sagt Stein. "Natürlich kann aber jeder selbst bestimmen, welche Bilder und Dokumente sichtbar sind."

Altern in Würde ist wieder erlaubt

Noch sind die Bezahlmodalitäten nicht ausgegoren, aber wie man hört, wird über ein dreistufiges Preismodell nachgedacht. Der "CarPass Classic" wäre demnach für AvD-Mitglieder kostenlos, für Nichtmitglieder könnten einmalig rund 150 Euro fällig werden. Spezielle Gutachten von Altauto-Sachverständigen würden gesondert berechnet.

Die Tendenz zur Authentizität gilt markenübergreifend. "Der Trend zu vorsichtiger Pflege und originalgetreuen Teilen ist überall zu spüren - und kommt meinem persönlichen Verständnis von Oldtimern auch entgegen", sagt Dieter Budke vom Club Alt-Opel IG. "Wenn Nachbesserungen nötig sind, kann man sie auch so machen, dass sie der Geschichte des Autos entsprechen und nicht einfach nach neu aussehen." Viele Zulieferer haben das ebenfalls erkannt. Bosch etwa bietet nagelneue Ersatzbatterien an, die Aussehen wie jene aus dem Opel Kapitän oder dem VW-Käfer aus den fünfziger Jahren.

"Wagen, die nah am Original sind, sind inzwischen meist teurer als perfekt aufpolierte", sagt Frank Wilke vom Wertgutachter Classic Car Analytics und bestätigt damit auch das Auktionsergebnis in Arizona. Vor einigen Jahren war das noch anders. Da wurden Oldtimer häufig so aufgemöbelt, dass sie aussahen, als wären sie eben erst aus der Fabrik gerollt - mit perfektem Lack, makellosem Leder auf den Sitzen, Chrom ohne jeden Kratzer.

Der in den USA auktionierte Mercedes 300 SL mit der offenbar betörenden Patina stand ab 1983 übrigens 30 Jahre lang mit angeschraubten Originalkennzeichen in einer Garage und reifte in Ruhe vor sich hin. In der sogenannten Timeline des "CarPass Classic" wäre das zwar eine große Lücke - aber eine, die sich offenkundig gelohnt hätte.

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1. Erstes Foto
darknez 28.03.2014
"Im Bild ein Opel Kapitän aus den späten siebziger Jahren" Es ist ein Diplomat, wie auch unschwer auf dem Schild vorne zu sehen!
2. Opel Diplomat Coupé
raber 28.03.2014
Der Opel Diplomat (Bild 1) war damals ein Super-Auto; erst recht der Diplomat Coupé. Auf der Autobahn fast immer auf der Überholspur. Es gab keinen Opel Kapitän der ähnlich dem des Bildes aussah.
3. Spannend...
sam-berlin 28.03.2014
ja, das bringt jetzt Vieles durcheinander. Bisher gültige Bewertungsstufen sind da nur noch bedingt anwendbar. Da kommen eine Menge Fragen auf: Wann wird Patina zum Gammel? Wie wird der TÜV bei der H-Kennzeichenvergabe damit umgehen? Aber insgesamt ist es schon erfreulich, dass ein Umdenken stattfindet. Einem Auto sollte man sein Leben schon ein Stück weit ansehen, da es ein Gebrauchsgegenstand ist. Es gibts nichts Schöneres, als einen über viele Jahre hinweg gepflegten und in Würde gealterten Klassiker. Das Problem ist ja, dass viele alte Autos nicht nur in Neuzustand, sondern in einen besseren Zustand versetzt wurden/werden als sie jemals vom Band gelaufen sind. Aber jetzt wird man aufpassen müssen, dass findige Verkäufer nicht irgendwelchen Murks als Patina verkaufen wollen oder dass Autos künstlich "patiniert" werden. Dagegen ist eine nachvollziehbare Historie sicherlich das beste Mittel.
4. objektiver Fahrzeugwert?
imZweifel-richtig 28.03.2014
Will man den "Wert" eines Oldies möglichst objektiv und seriös taxieren, führt kein Weg am perfekten Zustand vorbei. Dieser stellt den theoretischen Maximalwert dar, an dem sich alle schlechteren Zustände orientieren. "Liebhaberpreise" können mit unterschiedlichen Begründungen die Preisspitze erklimmen, sind aber nur eine vergängliche Modeerscheinung.
5. Gullwing 1959
rennflosse 28.03.2014
Der Mercedes 300 SL Flügeltürer wurde 1957 von einem Roadster abgelöst. Einen "Gullwing" Baujahr 1959 gibt es schlicht nicht. Das nur nebenbei. Der beste Klassiker ist für mich derjenige, der aktiv gefahrten wird und das nicht nur einmal im Jahr zu einer Oldtimershow. Natürlich sind manche Klassiker zu schade, um die im Alltag zu verheizen. Aber ich kenne viele Laternenparker vom Citroen DS bis zum Volvo Amazon und die haben natürlich alle eine gewisse Patina, die ist einfach unvermeidlich.
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